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Autistische Kinder fördern: Brücken bauen mit Musik

Autistische Kinder fördern: Brücken bauen mit Musik

Autistische Kinder fördern:
Autistische Kinder sind nicht selten schwer erreichbar. Gerade wenn dem Kind die Sprache fehlt, kann Musik als Brücke und Impulsgeber enorm helfen.

Aber nicht jede Art von Liedern eignet sich gleichermaßen.
Welche Lieder sich eignen – und welche nicht: 

Ich habe ein wunderbares Buch entdeckt, das hervorragende Anregungen für Eltern mit autistischen Kindern bietet – speziell wenn sie noch sehr jung sind und nicht sprechen können. Hier kann gemeinsames Singen das Eis brechen:

Autistischen Kindern eine Brücke bauen mit Musik. Tipps für Eltern und Pädagogen, Erzieher, Lehrer

Leseprobe aus dem Buch: Autistischen Kindern Brücken bauen: Ein Elternratgeber

Lieder, die gut funktionieren und warum:
Bewegungslieder, flotte Rhythmen und Überraschungen

Singen macht nicht nur Spaß, es ist auch das wichtigste Hilfsmittel, um dem kleinen autistischen Kind zu helfen, etwas nachzuholen, was es durch seine kommunikative Entwicklungsverzögerung versäumt hat.

Es gibt jedoch Lieder, die bei dem autistischen Kind einfach nicht zu „funktionieren“ scheinen. Dabei handelt es sich um Lieder, die viel Phantasie brauchen oder bei denen es darauf ankommt, die Bedeutung der Worte und der Sprache zu verstehen. Dazu gehören Lieder, die keine Bewegungslieder sind, wie „Fuchs, du hast die Gans gestohlen“, „Hänschen klein ging allein“, „Old McDonald“ und viele andere bekannte Kinderlieder. Ihre Melodien können jedoch für selbst gemachte Lieder für die „laufenden Kommentare“ verwendet werden.



Autistische Kinder fördern:
Lieder, die für autistische Kinder geeignet sind

Andere Lieder funktionieren ausgezeichnet, und ich habe schon bei mehreren autistischen Kindern erlebt, dass sie ihren ersten Versuch, Laute zu bilden oder sogar Worte zu sagen, in Zusammenhang mit einem dieser vertrauten Lieder gemacht haben. Ein Lied „funktioniert“ dann, wenn es die Aufmerksamkeit des Kindes in solchem Maße gefangen nimmt, dass es bereit dazu ist, sich hinzusetzen, mitzumachen, sich daran zu erinnern und wieder danach zu „fragen“.

Folgende Eigenschaften zeichnen ein Lied aus, dem es gelingt, die Aufmerksamkeit und das Interesse eines kleinen vorsprachlichen Kindes zu wecken, egal, ob es sich dabei um ein acht Monate altes Baby oder um ein vierjähriges autistisches Kind handelt:

  1. jede Menge Bewegungen, die dafür sorgen, dass das Kind etwas zu tun hat
  2. ein flotter, lebhafter, aufregender Rhythmus, der einem in die Beine geht, und
  3. eine Spannung und Aufregung erzeugende Erwartungssituation, um seine Aufmerksamkeit zu fesseln und aufrechtzuerhalten.

Was für das autistische Kind angesichts seiner Schwierigkeiten mit Sprache und Bedeutung wichtig ist, sind der Rhythmus und die Melodie, nicht die Worte oder die Geschichte eines Liedes. Viele Erwachsene müssen dabei umdenken und nochmals neu hinhören. Welche Lieder kennen Sie, die von der Melodie und vom Rhythmus her ins Ohr gehen, peppig, anregend und lebhaft sind, ungeachtet der dazugehörigen Worte? Und welche Lieder leben von den Worten oder der Geschichte, die sie erzählen, und sind von ihrer Melodie her weniger packend? Konzentrieren Sie sich auf die Ersteren!

Die Worte eines Liedes haben dann die beste Chance, die Aufmerksamkeit des Kindes einzufangen, wenn sie mit bestimmten Gesten oder Handlungen verbunden werden.

Lieder, die für autistische Kinder weniger geeignet sind

Ruhige, traurige, langsame oder besinnliche Lieder wie beispielsweise „Weißt du, wie viel Sternlein stehen?“ sind oft nicht sehr erfolgreich, wenn es darum geht, ein autistisches Kind zum Mitmachen zu bewegen: Bei diesen Liedern passiert nicht genug, um sein Interesse wachzuhalten. Ihre gedämpfte Stimmung kann seine Aufmerksamkeit nicht erregen oder aufrechterhalten, da sie ihm nicht in die Beine geht und sein Interesse nicht geweckt wird. Und das bedeutet, dass das Kind weggeht oder abschaltet.

Lieder, die Kooperation verlangen, kommen normalerweise auch nicht an, zum Beispiel solche, bei denen zwei Kinder sich an den Händen halten und miteinander tanzen sollen. Denn viele kleinere Kinder widersetzen sich der Idee, jemandes Hand zu halten oder selbst an der Hand gehalten zu werden. Andere mögen es, wenn der Erwachsene es mit ihm macht, beteiligen sich aber nicht aktiv daran.



Im Unterschied dazu ist zum Beispiel das nachfolgende Lied weitaus eher geeignet, das autistische Kind zum Mitmachen zu animieren, sofern es  den Ablauf kennt und vorausgesetzt, der Erwachsene kann lange genug warten, die Spannung solange wie möglich ausdehnen, bis das imaginäre Gummiband kurz vor dem Zerreißen steht, und das Kind schließlich selbst einen Betrag leistet, um das Lied zu vollenden:

Hopp, hopp, hopp, Pferdchen, lauf Galopp,
über Stock und über Steine, aber brich dir nicht die Beine.
Hopp, hopp, hopp, hopp, hopp, Pferdchen, lauf Gaaa-lopp!!

Autistische Kinder fördern: Kreisspiele

Auch das Lied „Ringel, Rangel, Rose“, das mit einem Kreisspiel verbunden wird, funktioniert in der Regel, wenn es genug Erwachsene und kooperative Kinder gibt, die es ermöglichen, sich an den Händen zu halten. Ansonsten zieht sich autistische Kind in eine sozial weniger fordernde Ecke des Raumes zurück, wobei ihm dann eine Aktivität entgeht, die ihm in Wirklichkeit Spaß macht. Die meisten autistischen Kinder lieben jedoch Kreisspiele, besonders jene Spiele, die mit der Distanz spielen und bei denen in den Kreis und wieder herausgegangen wird, wie etwa bei „Häschen in der Grube“.

Ein anderes Lied, das hilfreich ist, zumal man leicht neue Verse und Handlungen hinzufügen kann, ist „Zeigt her eure Füße“, bei dem ab wechselnd der linke und der rechte Fuß im Rhythmus des Liedes vorund zurückgesetzt werden. […] Und nicht zuletzt können Sie sich selbst auch „ganz einbringen“, indem Sie bei den Kreisspielen ebenfalls in die Mitte hüpfen und wieder hinaus, was alle Kinder lieben. […]

Gesichtsausdruck und Gesten kommen vor kooperativem Verhalten

Ist die Arbeit mit solchen Kreisspiel-Liedern bei bestimmten Kindern angebracht, so sollte man dabei nicht vergessen, dass vom entwicklungsspezifischen Standpunkt aus das kooperative Verhalten nach und nicht vor oder anstelle des sehr frühen kommunikativen Interesses an den Gesichtsausdrücken der anderen Person kommt, und ebenso nach dem Wunsch, einer anderen Person Dinge zu zeigen und das Wissen darum in „geteilter Aufmerksamkeit“ zu teilen. Diesem entwicklungsspezifischen Ziel tragen am besten jene Reime Rechnung, die maßgebend auf dem Moment der Spannung, dem Gesichtsausdruck und begleitenden Gesten aufbauen:

Steigt das Büblein auf den Baum, ei, wie hoch, man sieht es kaum!
Schlüpft von Ast zu Ästchen, hüpft zum Vogelnestchen.
Ui! – da lacht es. Hui! – da kracht es. Plumps! – da liegt es drunten!



Hoppe, hoppe, Reiter, wenn er fällt, dann schreit er!
Fällt er in den Graben, fressen in ihn die Raben. Fällt er in den Sumpf, macht der Reiter plumps!

Das ist der Daumen, der schüttelt die Pflaumen,
der liest sie auf, der trägt sie nach Haus,
und der kleine Wicht isst sie alle auf.
(Dabei fasst man die Finger nacheinander an und bewegt sie.)

[Weitere Beispiel im Buch angeführt.]

Autistische Kinder fördern durch eigene Text-Kreationen

Und denken Sie daran: Sobald Sie eine Melodie oder einen Rhythmus gefunden haben, der funktioniert, können Sie alle beliebigen Worte hinzufügen. Es gibt kein Gesetz, das besagt, dass wir nicht kreativ sein dürfen und nicht unsere eigenen Verse zu einer Melodie erfinden können. Erwachsene denken oft einfach nicht daran. Die meisten von uns sind keine Musiker oder Komponisten. Wir können aber alle unsere eigenen Worte in eine bekannte Melodie kleiden.

Es tanzt ein Bi-Ba-Butzemann in unserm Haus herum,
Es tanzt ein Bi-Ba-Butzemann in unserm Haus herum, fi-del-bum.
Er rüttelt sich, er schüttelt sich, er wirft sein Säcklein hin-ter sich,
Es tanzt ein Bi-Ba-Butzemann in unserm Haus herum.
Rauf und runter, rauf und runter, rein und raus, rein und raus;
hin und her, und hin und her;
und jetzt noch mal von vorn: uuuuund (schneller, lauter, flüsternd, schreiend, lachend, wütend …)
rauf und runter …

Manche Kreisspiellieder, wie etwa „Rauf und runter“, sind für eine Gruppe von Kindern gedacht, die sich an den Händen halten. Diese Lieder sind ideal, um Erwartung und Spannung entstehen zu lassen und um ihre Aufmerksamkeit aufrechtzuerhalten. Es ist eines der besten Bewegungslieder, um das nonverbale autistische Kind dazu zu verlocken, einen Laut von sich zu geben, vorausgesetzt, es gelingt Ihnen, nach „uuuuund … “, wenn alle Kinder die Hände in der Luft haben, lange genug zu warten, bis ein Kind es nicht mehr länger aushält und von sich aus entweder mit einem „rauf“ oder einem „AH“ vorprescht, damit das Spiel weitergeht.

Erfolgsbeispiel mit einem autistischen Kind

Das „Rauf und runter“-Lied ist so einfach und direkt, dass es selbst mit dem zurückgezogensten autistischen Kind „gespielt“ werden kann. Durch ein solches Lied war es mir unter anderem auch möglich, einen ersten Kontakt mit Dirk zu finden, der zu der Zeit die Gewohnheit hatte, auf dem Boden herumzuliegen. Neben ihm kniend oder vielleicht auch spielerisch über ihm stehend, bewegte ich seine Arme oder Beine rhythmisch zu dem Lied auf und ab, von einer Seite zur anderen, rein und raus.

Bald war es möglich, eine Pause einzulegen, indem ich so tat, als sei der Ablauf oder das Lied stecken geblieben. Ich schaute ihn mit großen Augen an und wartete gespannt, dass er „den Ball wieder ins Rollen brachte“, indem er irgendeinen Laut von sich gab oder eine Bewegung machte oder mich anschaute, damit ich weiter sang und seine Arme und Beine weiter bewegte. Nachdem Dirk das Lied aus unseren Zweier-Spielen kannte, war er wesentlich motivierter, in einer Gruppenkonstellation mitzumachen.

Spannung und Überraschung fesseln die Aufmerksamkeit

Jedes Lied (oder jeder Kinderreim), in das ein Element der Spannung oder Überraschung eingebaut werden kann, das ausgedehnt und so lange hingezogen werden kann, dass die Aufmerksamkeit selbst des zurückgezogensten und abgekapseltsten Kindes buchstäblich erregt wird, hat Aussichten auf Erfolg. Manche Lieder zeichnen sich durch einen fesselnden Schluss aus. Sie enden vielleicht mit einem Kitzeln oder einem unverhofften Klatschen oder einem Hopser auf dem Knie des Erwachsenen, so dass wir die Einlagen dramatischer Pausen und den Aufbau einer Erwartungssituation als die wirksamsten „Aufmerksamkeits-Wecker“ optimal nutzen können. […]

Eine packende, stimulierende, wachrüttelnde, flotte, lebhafte, schwungvolle, fröhliche Melodie hat oft punktierte Noten, einen synkopierten und sehr akzentuierten Schwung oder Rhythmus, unverhoffte Pausen, Crescendos oder Decrescendos und andere musikalische Elemente, die der erwarteten Harmonie zuwiderlaufen: eine Musik, die anregt, die uns zum Zuhören zwingt, die uns völlig im Ungewissen lässt, wo der erste Schlag eines Taktes ist; man hängt in der Luft, wie auf dem Höhepunkt einer Achterbahn. Das ist es, was diese Musik so aufregend macht.

Eine Melodie, die Schwung hat, die die Noten wirklich antreibt und zieht, wie bei einem Samba oder Walzer, beim Salsa oder bei afrikanischer, irischer oder lateinamerikanischer Musik (um nur einige Beispiele zu nennen), oder eine Melodie, die sehr off-beat ist, sich also durch unbetonte Taktteile auszeichnet, solche Melodien sorgen für einen Nervenkitzel, als würde das Herz einen Schlag aussetzen. Je mehr die Melodie in den Bauch geht, umso besser, und in der Regel mit einem Rhythmus, der schneller als der Herzschlag ist.

Autistische Kinder fördern: Bewegungslieder

Bewegungslieder, bei denen das Singen von einem kontinuierlichen Fluss sich ständig verändernder Bewegungen begleitet wird, sind im Allgemeinen am erfolgreichsten, insbesondere jene mit einfachen nicht-symbolischen Bewegungen, bei denen es um Körperteile geht, wie bei „Kopf und Schulter“ und anderen.

Bei Bewegungsliedern, die damit verbunden sind, mit einem Finger zu zeigen, sind die meisten autistischen Kind oft überfordert. Wir können diese Lieder allerdings benutzen, um zu versuchen, ihnen das Zeigen beizubringen. Bei Bewegungsliedern können wir:

  • klatschen – Hände
  • schütteln – Hände, Kopf, Füße, Arme, Beine
  • stampfen – Füße
  • nicken – Kopf
  • strecken – Arme hoch/runter, von einer Seite zur an deren, nach links und rechts, nach vorne und nach hinten
  • schnalzen – Finger, Zunge
  • zwinkern – Augen
  • klopfen – Knie, Ellbogen, Nase, Kinn, Wange, Kopf, Fuß, Zehe, Bein…; Boden, Stuhl …
  • berühren, reiben – Ohr, Nase, Zähne, Bauch, Auge, Mund, Haar
  • zeigen auf – Kopf, Brust, Arm, Ellbogen, Knie, Bein, Fuß, Zehe, Schulter … ; Boden, Stuhl, Decke …
  • wackeln, schlottern – ganzer Körper, Beine
  • bibbern – Mund
  • wackeln, schlängeln – Finger, Zunge
  • klappern – Zähne

Beispiele für Bewegungslieder

Kopf und Schulter, Knie und Fuß, Knie und Fuß.
Kopf und Schulter, Knie und Fuß, Knie und Fuß.
Augen, Ohren, Nase, Mund.
Kopf und Schulter, Knie und Fuß, Knie und Fuß.
Und noch einmal:
Kopf und Schulter, Knie und Fuß, Knie und Fuß…

Und den Text selbst gemacht abwandeln:

Bauch und Zähne, Arm und Bein, Arm und Bein.
Bauch und Zähne, Arm und Bein, Arm und Bein.
Wangen, Haare, Zunge, Hals.
Bauch und Zähne, Arm und Bein, Arm und Bein.
Und noch einmal: …

Brüderchen komm tanz mit mir
Brüderchen komm tanz mit mir,
beide Hände reich ich dir.
Einmal hin, einmal her,
rundherum, das ist nicht schwer.
Mit dem Fingerchen tipp, tipp, tipp, mit dem Köpfchen nick, nick, nick,
mit dem Füßchen trab, trab, trab, mit dem Händchen klapp, klapp, klapp.
Einmal hin, einmal her,
rundherum, das ist nicht schwer…
Ei, das hast du fein gemacht,
ei, das hätt’ ich nicht gedacht.
Einmal hin, einmal her,
rundherum, das ist nicht schwer.
Mit dem Fingerchen tipp, tipp, tipp;
Mit dem Köpfchen nick, nick, nick…

[Im Buch werden weitere Beispiele, wie z.B. “Ein Hut, ein Stock, ein Damenunterrock!” angeführt.]

Autistische Kinder fördern:
Text umwandeln für aktuelle Themen

Selbst gemachte Lieder zu „laufenden Kommentaren“ (siehe Kapitel 2 im Buch) sind bei einem autistischen Kind unglaublich hilfreich: Sie beleben die Dinge, fördern unser Zusammensein und Miteinander, schaffen ein Gefühl der Zusammengehörigkeit und einen Kontakt, wo es vorher keinen gab und noch nicht einmal eine Reaktion da war, wenn man mit dem Kind sprach. Jede Melodie kann genutzt werden. Je einfacher die Melodie desto leichter können die Worte dazu gefunden werden:

Lied zum Thema Ausziehen

(Zur Melodie von „Fuchs, du hast die Gans gestohlen“):
Peter hat den Mantel an, (Schuhe, Jacke, Pulli, Socken…)
nun gib ihn wieder her, gib ihn wieder her,
sonst wird ihn der Dirk holen, denn der will ihn sehr,
sonst wird ihn der Dirk holen, denn der will ihn sehr!…

Lied zum Thema Anziehen

(Zur Melodie von „Jetzt fahrn wir übern See“):
Jetzt ziehn wir unsre Socken an,
Jetzt ziehn wir unsre Socken an, jetzt ziehen wir sie an!
Die mit den roten Streifen, Streifen, Streifen, Streifen,
die mit den roten Streifen, die ziehen wir jetzt an!
Jetzt ziehn wir unsre Schuhe an… (Pullis, Schals, Mützen…)
Die mit den langen Schnüren…

… oder zum Thema Aufräumen

Jetzt räumen wir noch auf, jetzt räumen wir noch auf…
Die Sachen in die Kiste, Kiste, Kiste, Kiste ,…
Jetzt waschen wir die Hände, jetzt waschen wir die Händ’
Mit einer schönen Seife, Seife, Seife, Seife…
Jetzt putzen wir die Zähne, jetzt putzen wir die Zähn’
Mit schönem klaren Wasser, Wasser…
Jetzt rollen wir den Ball … das Auto…
holen einen Stuhl … setzen uns jetzt hin…
malen wir ein Bild… kritzeln wir herum… hüpfen wir herum…

Ein anderes Aufräum-Lied wäre:

Achtung! Achtung! Hallo Kinder!
Etwas Neues wird gemacht. Es wird Zeit jetzt aufzuräumen. Ja, wer hätte das gedacht!
Und gemeinsam woll’n wir’s schaffen, keiner schließt sich dabei aus:
Und ist alles dann im Kasten, räumen wir es nicht mehr aus!

Das Lied „Wenn du glücklich bist“ bietet sich sowohl an, um den gängigen Text zu singen, als auch entsprechend der Melodie selbst einen zu machen. Also zunächst der Originaltext, dann ein Vorschlag zum Abwandeln:

Wenn du glücklich bist, dann ruf mal laut: hurra!
Wenn du glücklich bist, dann ruf mal laut: hurra!
Ja, du kannst es allen zeigen, musst Gefühle nicht verschweigen. Wenn du glücklich bist, dann ruf mal laut: hurra!
Wenn du zornig bist, dann stampf mal mit dem Fuß!
… fröhlich bist, dann pfeif doch mal ein Lied!
… traurig bist, dann wein doch einfach mal!
… gut gelaunt bist, hops doch mal herum!
…schlecht gelaunt bist, brüll doch mal ganz laut!
…hungrig bist, dann schmatz doch einfach mal!…
Und wenn dir dieses Lied gefällt, dann klatsch doch mit!…
[…]

Autistische Kinder fördern: Fehler als kommunikative Chance

Es besteht immer die Gefahr, dass die autistischen geistigen Funktionsweisen auch an den Erwachsenen nicht ganz spurlos vorübergehen. In einem Kindergarten waren die Erzieherinnen und Betreuerinnen so darum besorgt, bei den neuen Liedern keinen Fehler zu machen, dass sie die Texte in großen Buchstaben an die Wand schrieben – mit dem Ergebnis, dass drei Jahre später immer noch keine von ihnen die Texte auswendig konnte. Jeden Tag sangen sie vor dem Essen die gleichen Lieder und lasen dabei die Texte von der Wand ab. Aber sobald das Lied ein paar Mal gesungen worden ist, sind Fehler in Wahrheit eine kommunikative Chance: Wir werden oft überrascht sein, wenn wir in dem Fall sogar von einem Kind korrigiert werden, das seine Stimme normalerweise nicht benutzt, um zu kommunizieren, uns nun aber zu verstehen gibt, was wir hätten sagen oder singen sollen! Geben Sie ihm also eine Chance, indem Sie manchmal Fehler machen!

Es muss nicht perfekt sein!

Es müssen keine sauberen Reime sein. Alle Worte, die einen Sinn machen (oder auch nicht: viele alte Kinderreime machen wenig Sinn!), sind perfekt, solange sie dazu beitragen, dass Sie und das Kind, das Lied und die Melodie in Schwung bleiben! Manchmal lohnt es sich auch, die Worte sorgfältig passend zu einer Melodie und einem bestimmten Kind zu wählen [Beispiele dazu werden im Buch angegeben]. Jede Form der Improvisation ist in Ordnung. Manchmal werden Sie mehrere Silben verschlucken oder zusammenziehen müssen, was selbst das autistische Kind wachrütteln und für die Bedeutung der Worte interessieren kann: Die Melodie bleibt zwar die gleiche, aber aufgrund der Worte gerät sie leicht „durcheinander“.

Fazit: Singen und Melodien zur Förderung von autistischen Kindern

Alles in allem kann die Nützlichkeit des Singens und der Verwendung von Melodien bei einem autistischen Kind nicht genug betont werden. Wir müssen jene Lieder aufgreifen, die am meisten dazu angetan sind, seine Aufmerksamkeit und sein Interesse zu wecken und aufrechtzuerhalten. Und das heißt, dass die Lieder einen flotten, lebhaften, aufregenden Rhythmus haben müssen, der dem Kind ins Blut geht und mit jeder Menge Bewegung verbunden werden kann, so dass es etwas „zu tun hat“. Denn dies hilft ihm, sich zu konzentrieren. Je spannungsgeladener und aufregender die Erwartungssituation, desto größer die Chance, die nachlassende Aufmerksamkeit des Kindes einzufangen und wieder zu fesseln.

Angesichts seines Mangels an Phantasie und seines fehlenden Interesses an symbolischen Bedeutungen sind Bewegungen, die das Kind mit dem Körper machen kann, am erfolgreichsten. Sie ermutigen das autistische Kind auch, zu beobachten und nachzumachen, was Sie tun, und das heißt, dass es sich auf eine Form einer interaktiven Aktivität einlässt.

Lieder zu „laufenden Kommentaren“ können zu dem bekannten Lied gemacht werden, das Sie oder das Kind mögen: Sie fügen einfach Ihre eigenen Worte passend zur Situation hinzu. Auf diese Weise können Sie sich im wahrsten Sinne des Wortes durch den ganzen Tag singen.

© Autistischen Kindern Brücken bauen. Ein Elternratgeber. 3. Auflage 978-3-497-02648-7, Reinhart Verlag.
Mit freundlicher Genehmigung des Verlages.

 

Über das Buch:

Nonverbale autistische Kinder fördern: Autistischen Kindern Brücken bauen: Ein Elternratgeber ist ein hervorragendes Buch für Eltern von nonverbalen autistischen Kindern. Es gibt wertvolle Anregungen, wie Eltern und PädagogInnen diese in ihre eigene Welt zurückgezogenen Kinder sanft aus der Reserve locken kann. Das Buch zeigt einfache, aber wirkungsvolle Mittel, um autistische Kinder zu fördern. Empfohlen vom Bundesverband Hilfen für das Autistische Kind e.V.

Das Buch ist u.a. erhältlich über den Reinhart-Verlag: Autistischen Kindern Brücken bauen
oder über Amazon: Autistischen Kindern Brücken bauen: Ein Elternratgeber


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Muttis Nähkästchen

Hier plaudert Birgit, alias Mutti, 40+, seit 2009 aus dem Nähkästchen: Authentizitäts-Freak, selbstbewusst grauhaarig, kreativ angehaucht, völlig unperfekte Mutter (aka. Rabenmutter). Familienblog aus dem Leben mit zwei Jungs - Mutter allein unter Männern. Mehr über Muttis Nähkästchen: About. Nix verpassen? Folgt mir via Social Media oder Newsletter.

Dieser Beitrag hat 6 Kommentare

  1. Ich möchte gerne meine Email an meine Freundin öffentlich machen:

    Hey, 

    danke für den Link. Es tut mir weh, das zu lesen. Sowohl der Text vom Blog, als auch der des Buches.

    “wenn sie noch sehr jung sind und nicht sprechen wollen. Hier kann gemeinsames Singen das Eis brechen.”
    Es sind nur kleine Wörter, die unbewusst verwendet werden, die die Absicht hinter dem Schreiber zeigt: Als ob die Kinder absichtlich sich verweigern würden? Das eigene Kind, was die Liebe der Mutter nicht annehmen will? Hast Du so etwas schon einmal gehört? Dumme Schlussfolgerung, mit der die Kinder doppelt leiden: Sich nicht verständigen können und zusätzlich nicht verstanden werden. Und on TOP das Gefühl, mit Dir stimmt etwas nicht…

    “Singen macht nicht nur Spaß, es ist auch das wichtigste Hilfsmittel, um dem kleinen autistischen Kind zu helfen, etwas nachzuholen, was es durch seine kommunikative Entwicklungsverzögerung versäumt hat.”
    Kein Kind hat etwas versäumt. Es entwickelt sich woanders weiter, weil es in anderen Bereichen (noch) nicht dazu fähig ist. Als ob es sich weigern würde!? Und nachholen? Was soll es JETZT nachholen. Man kann nicht am Gras ziehen, damit es schneller wächst. Dann bricht es. Gleiches gilt für Kinder. 

    Kannst Du Dir vorstellen, wie erschreckend der Titel des Buches ist? Brücken bauen – Tipps für Pädagogen!!

    Muss ich weiterlesen?

    Danke, 
    LG, Florian 

    1. Wow, danke für deine Rückmeldung. Ich bin immer wieder erstaunt wie vielschichtig Worte und Texte verstanden werden. Ich habe selbst ein autistisches Kind sowie ein nicht sprechendes autistisches Kind in der Familie. Als Eltern sind wir bemüht, einen liebevollen Kommunikationskanal zum Kind zu finden – was bei einem nicht sprechenden Kind noch deutlich schwieriger ist. Und genau das ist mit “Eis brechen” und “Brücken bauen” gemeint. Eben um das Kind besser zu verstehen. Dass das das Kind nicht absichtlich meint, ist wohl allen Betroffenen bekannt. Und weder im Buch noch im Artikel wird das Gegenteil behauptet.
      Bist du auch ein Elternteil eines autistischen Kindes?

  2. Hallo Muttis Nähkästchen,

    ebenfalls vielen Dank für Deine Rückmeldung. Wenn ich den Text falsch verstanden habe, dann würde es Dir bestimmt nichts ausmachen, das Wort “wollen” in “können” im ersten Satz abzuändern. Dann auch gerne meinen Kommentar entfernen, denn er wäre dann irreführend.

    Um Autisten verstehen zu lernen ist es wichtig Bücher zu lesen, die von Autisten geschrieben worden sind (z. B. Gee Vero in diesem Zusammenhang).

    Kommunikation ist übrigens nur zu einem Bruchteil verbal. Das meiste spielt auf non-verbaler Ebene statt. Dort können ohne Anstrengungen Brücken gebaut werden, natürlich auch mit geeigneten Liedern. Irgendwann ist das Gehirn so strukturiert, dass sich Sprache entwickelt, dann ist das Kind automatisch so interessiert zu lernen, dass man unterstützend helfen kann. Manchmal geht es bei Autisten gar nicht mit verbaler Sprache, dann bleibt Kommunikation nonverbal. Ist dann eben so und nicht weiter schlimm.

    Ob ich Elternteil eines autistischen Kindes bin, ist für das Thema nicht relevant.

    Beste Grüße,
    Florian

    1. Danke für die Rückmeldung. Ja, die Sache mit den Worten ist manchmal fatal. Sehr gerne habe ich deinen Änderungsvorschlag umgesetzt.

      1. Danke :)

  3. Liebe Muttis Nähkästchen, Danke für deinen Artikel – und auch die anderen Artikel, die Du zu diesem Thema aufgreifst und die Menschen, die mit autistischen Kindern in Berührung sind, oft helfen, neue Inputs geben oder einfach nur informieren. Bestimmt ist es nicht immer einfach die richtigen Worte zu finden, zumal man ja als „Begleiter“ selbst weder „betroffen“ noch fachlich Experte ist. Aber sie sprechen eben auch eine andere wichtige Seite an: Die Menschen, die tagtäglich begleiten, die verstehen wollen, miteinander leben, lachen, weinen – und diese sind dankbar für einen Ort wie diesen.

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