Viele Kinder und Jugendliche entscheiden schon früh, was sie angeblich können und was nicht. Mathe? Sprachen? Beides? Eine neue Bielefelder Studie zeigt: Dieses Selbstbild ist veränderbarer, als viele denken. Und genau darin steckt eine wichtige Botschaft für Familien.
Inhaltsverzeichnis

„Ich bin einfach kein Mathe-Typ“
Vielleicht kennst du diesen Satz aus eurem Familienalltag. Er fällt beim Hausaufgabenmachen, nach einer Klassenarbeit oder abends am Küchentisch, wenn dein Kind erzählt, dass Mathe „einfach nicht seins“ sei. Manchmal klingt es beiläufig. Manchmal steckt Frust dahinter. Und manchmal hat sich dieser Gedanke schon so festgesetzt, dass kaum noch Platz bleibt für ein „Ich kann da besser werden“.
Ähnlich ist es mit Sprachen. Manche Jugendliche sagen früh: „Ich bin eben ein Sprach-Typ.“ Andere halten sich für gut in Mathe und schließen daraus, dass sie mit Deutsch oder Englisch weniger anfangen können. Solche Selbsteinschätzungen wirken zunächst harmlos. Doch sie können viel beeinflussen: Motivation, Kurswahl, Lernverhalten und später auch Bildungs- und Berufswege.
Eine Studie der Universität Bielefeld rückt genau diese Selbstbilder in den Mittelpunkt. Sie zeigt, dass Jugendliche ihre schulischen Fähigkeiten nicht nur nach Noten beurteilen, sondern auch durch Vergleiche. Sie vergleichen sich mit Mitschüler*innen, mit anderen Fächern und mit früheren eigenen Leistungen. Die gute Nachricht: Dieses Selbstbild ist nicht in Stein gemeißelt. Schon eine kurze Unterrichtseinheit kann etwas verändern.
Warum Selbstbilder so mächtig sind
Das akademische Selbstbild beschreibt, wie Schüler*innen ihre eigenen Fähigkeiten in bestimmten Fächern einschätzen. Es geht also nicht nur darum, welche Note auf dem Zeugnis steht. Entscheidend ist auch, was ein Kind oder ein Jugendlicher über sich selbst glaubt.
Wenn dein Kind überzeugt ist, in Mathe grundsätzlich schlecht zu sein, geht es wahrscheinlich anders an Aufgaben heran. Es traut sich weniger zu, gibt nach Misserfolgen schneller auf oder vermeidet Herausforderungen. Wer sich dagegen zutraut, dazuzulernen, bleibt eher dran. Das bedeutet nicht, dass jede Aufgabe plötzlich leicht wird. Aber es verändert die Haltung zum Lernen.
Genau hier setzt die Bielefelder Forschung an. Professor Dr. Fabian Wolff von der Fakultät für Psychologie und Sportwissenschaft der Universität Bielefeld beschreibt das Problem so:
„Viele Jugendliche ziehen bestimmte Wege für sich gar nicht erst in Betracht, weil sie glauben, dafür nicht geeignet zu sein.“
Dr. Fabian Wolff von der Fakultät für Psychologie und Sportwissenschaft der Universität Bielefeld
Dieser Satz ist besonders für Familien wichtig. Denn er zeigt: Es geht nicht nur um eine einzelne schlechte Klassenarbeit. Es geht darum, welche Türen Jugendliche für sich überhaupt offenhalten.
Wie Vergleiche Kinder und Jugendliche prägen
Stell dir vor, dein Kind schreibt in Deutsch regelmäßig gute Noten, in Mathe aber nur mittelmäßige. Schnell entsteht daraus ein Muster: „Deutsch kann ich. Mathe kann ich nicht.“ Das Problem liegt nicht nur in der Note. Es liegt auch im Vergleich zwischen den Fächern.
Die Bielefelder Studie beschreibt, dass Jugendliche ihre Fähigkeiten häufig über solche Vergleiche einordnen. Wer sich in Sprachen stärker erlebt als in Mathe, hält sich schnell für einen „Sprach-Typ“. Umgekehrt kann eine schwächere Leistung in Deutsch oder Englisch dazu führen, dass sich jemand nur noch als „Mathe-Mensch“ versteht.
Wolff bringt diesen Mechanismus auf den Punkt: „Schon kleine Unterschiede in Leistungen können dazu führen, dass Jugendliche sich selbst dauerhaft bestimmten Typen zuordnen.“
Für Familien ist das eine wichtige Beobachtung. Denn Erwachsene verstärken solche Muster manchmal ungewollt. Sätze wie „Mathe lag mir auch nie“ oder „Du bist eben eher kreativ“ können trösten, aber sie können auch eine Grenze ziehen. Natürlich sind Trost und Verständnis wichtig. Trotzdem lohnt es sich, genau hinzuhören, ob ein Satz entlastet oder ob er ein Kind in einer Rolle festhält.
Warum Etiketten so verführerisch sind
„Mathe-Typ“ und „Sprach-Typ“ sind bequeme Begriffe. Sie ordnen die Welt schnell. Sie erklären, warum etwas leichtfällt oder schwerfällt. Manchmal geben sie sogar kurzfristig Erleichterung. Wenn ich einfach kein Mathe-Typ bin, muss ich mich nicht weiter mit Mathe auseinandersetzen.
Doch genau darin liegt die Gefahr. Ein Etikett kann zur Grenze werden. Es sagt nicht nur, was heute schwer ist. Es legt nahe, was morgen nicht möglich sein wird.
Das heißt nicht, dass alle Kinder alles gleich gern mögen oder gleich schnell lernen. Unterschiede gibt es. Interessen gibt es auch. Aber zwischen „Das fällt mir im Moment schwer“ und „Dafür bin ich nicht gemacht“ liegt ein großer Unterschied.
Die Bielefelder Studie macht Mut, diesen Unterschied ernst zu nehmen. Sie zeigt, dass Jugendliche ihre Einschätzung verändern können, wenn sie verstehen, wie Vergleiche wirken und wenn sie Fähigkeiten als entwickelbar erleben.
Die Bielefelder Studie: Was untersucht wurde
Im Projekt COMPASS untersucht Wolff gemeinsam mit seinem Team, wie schulische Selbstbilder entstehen und wie sie sich verändern lassen. COMPASS steht für „Comparison Processes in Students’ Academic Self-Concept Formation“, übersetzt: „Vergleichsprozesse bei der Ausbildung akademischer Selbstkonzepte“.
Die jetzt im Fachjournal Educational Psychology Review veröffentlichte Studie untersuchte erstmals auch die langfristigen Effekte einer Intervention im Unterricht über sechs Monate. An der Langzeitstudie nahmen rund 600 Schülerinnen und Schüler aus zehn Schulen teil. Sie besuchten die Klassen 9 bis 11.
Die Forschenden entwickelten eine kurze Unterrichtseinheit. Sie dauerte rund 90 Minuten und sollte Schülerinnen und Schüler helfen, ihre eigenen Vergleiche besser zu verstehen. Die Jugendlichen lernten, welche Rolle Vergleiche bei der Einschätzung der eigenen Fähigkeiten spielen und wie sie feste Zuschreibungen hinterfragen können.
Im Mittelpunkt standen drei Botschaften:
- Erstens schließen sich Fähigkeiten in Mathe und Sprachen nicht gegenseitig aus.
- Zweitens können sich Fähigkeiten verändern.
- Drittens lassen sich Lernstrategien aus einem Fach oft auch auf andere Bereiche übertragen.
Das klingt einfach, ist aber wirkungsvoll. Denn viele Jugendliche denken nicht bewusst darüber nach, wie stark sie ihr Selbstbild aus Vergleichen ableiten.
Was in der Unterrichtseinheit passierte
Die COMPASS-Intervention war kurz, aber gezielt aufgebaut. Die Schülerinnen und Schüler beschäftigten sich damit, wie sie ihre eigenen Leistungen vergleichen. Dabei ging es nicht darum, Noten schönzureden. Vielmehr sollten sie erkennen, dass eine schwächere Leistung in einem Fach nicht bedeutet, grundsätzlich ungeeignet zu sein.
- Ein Teil der Unterrichtseinheit befasste sich mit Vergleichen zwischen Fächern. Die Jugendlichen reflektierten, ob sie sich selbst als Mathe-Typ oder Sprach-Typ sehen. Sie erfuhren, dass mathematische und sprachliche Fähigkeiten sich nicht ausschließen müssen.
- Ein weiterer Teil richtete den Blick auf die eigene Entwicklung. Schülerinnen und Schüler sollten nicht nur fragen: „Bin ich besser oder schlechter als andere?“ Sie sollten auch sehen: „Was konnte ich früher noch nicht, das ich heute kann?“ Dieser Blick auf Fortschritt ist besonders wertvoll, weil er Lernen sichtbar macht.
- Außerdem ging es um Lernstrategien. Wer in einem Fach gut organisiert lernt, kann diese Strategie vielleicht auch in einem anderen Fach nutzen. Wer Vokabeln regelmäßig wiederholt, kann ähnliche Routinen für Formeln oder Rechenwege entwickeln. Wer in Mathe Schritt für Schritt vorgeht, kann diese Struktur auch beim Schreiben eines Textes nutzen.
So entsteht eine andere Botschaft: Nicht „Ich kann das nicht“, sondern „Welche Strategie hilft mir, hier weiterzukommen?“
Ergebnis: Schon eine Unterrichtseinheit kann den Unterschied machen!
Die Ergebnisse zeigen, dass die kurze Unterrichtseinheit das Vertrauen der Schülerinnen und Schüler in die eigenen Fähigkeiten stärken konnte. Besonders deutlich verbesserte sich das mathematische Selbstbild. Die positiven Effekte waren auch sechs Monate später noch messbar.
Auch in Englisch zeigten sich positive Veränderungen, allerdings weniger konsistent. Das passt zu der Annahme der Forschenden, dass schulische Erfahrungen das Selbstbild in Mathe besonders stark prägen können. In Englisch spielen möglicherweise auch außerschulische Erfahrungen eine größere Rolle, zum Beispiel Medienkonsum oder Alltagssprache.
Wichtig ist: Die Studie behauptet nicht, dass eine einzige Unterrichtseinheit alle Lernprobleme löst. Sie zeigt aber, dass kurze Impulse im Unterricht langfristig etwas bewirken können. Gerade deshalb ist das Ergebnis für Schulen und Familien spannend.
Denn wenn ein Selbstbild veränderbar ist, dann lohnt es sich, genauer auf Sprache, Rückmeldungen und Lernumgebungen zu achten.
Was Familien daraus lernen können
Selbstbilder entstehen auch zu Hause. Kinder und Jugendliche hören, wie Erwachsene über Begabung sprechen. Sie merken, ob Fehler dramatisiert werden. Sie spüren, ob Anstrengung gesehen wird.
Besonders hilfreich ist es, Fortschritte sichtbar zu machen. Viele Kinder schauen vor allem auf das, was noch nicht klappt. Familien können den Blick erweitern: Was ging vor drei Monaten noch nicht? Welche Aufgabe wurde leichter? Wo hat eine neue Strategie geholfen? Solche Fragen stärken nicht automatisch jede Note, aber sie stärken die Wahrnehmung von Entwicklung.
Auch Vergleiche verdienen Aufmerksamkeit. Natürlich vergleichen sich Kinder. Das lässt sich kaum verhindern. Doch du kannst mit deinem Kind darüber sprechen, welche Vergleiche hilfreich sind und welche entmutigen. Der Vergleich mit anderen kann manchmal anspornen, aber er kann auch klein machen. Der Vergleich mit der eigenen früheren Leistung zeigt oft genauer, was sich bewegt hat.
Wenn dein Kind sagt: „Alle anderen können das besser“, lohnt sich eine ruhige Nachfrage. „Woran merkst du das?“ oder „Was konntest du beim letzten Mal noch nicht, was heute schon besser klappt?“ können helfen, pauschale Urteile aufzubrechen.
Wie du dein Kind im Alltag stärken kannst
Du musst keine Unterrichtseinheit durchführen, um die Grundidee der Studie in euren Alltag mitzunehmen. Oft beginnt es mit kleinen Veränderungen in Gesprächen.
Wenn dein Kind eine schlechte Note bekommt, ist die erste Reaktion entscheidend. Statt sofort nach Schuld, Faulheit oder Begabung zu fragen, hilft ein Blick auf das Lernverhalten: Was war schwierig? Was hat funktioniert? Was könnte beim nächsten Mal anders laufen?
Auch Lob kann gezielter werden. Ein pauschales „Du bist so schlau“ klingt schön, bindet Erfolg aber schnell an eine feste Eigenschaft. Besser ist häufig ein Lob, das Strategie und Einsatz sichtbar macht: „Du bist drangeblieben, obwohl es schwer war“ oder „Die neue Lernmethode hat dir geholfen.“
Gleichzeitig brauchen Kinder echte Entlastung. Nicht jeder Tag ist ein Lerntag. Nicht jedes Problem lässt sich mit Motivation lösen. Die Botschaft der Studie lautet nicht: Streng dich nur genug an, dann klappt alles. Sie lautet eher: Ziehe aus Schwierigkeiten nicht zu schnell den Schluss, dass du grundsätzlich ungeeignet bist. Das ist ein feiner, aber wichtiger Unterschied!
Eine neue Frage für den Küchentisch
Vielleicht ist die wichtigste Frage nach dieser Studie nicht: „Ist mein Kind ein Mathe-Typ oder ein Sprach-Typ?“ Vielleicht lautet sie: „Welche Erfahrungen helfen meinem Kind, sich Entwicklung zuzutrauen?“
Wenn Familien, Lehrkräfte und Schulen diese Frage stellen, verändert sich der Blick auf Lernen. Dann geht es nicht nur um Noten, sondern auch um Selbstvertrauen. Nicht um Schönreden, sondern um realistische Zuversicht. Nicht um feste Schubladen, sondern um Wege, die offenbleiben.
Die Bielefelder Studie zeigt: Selbstbilder in der Schule sind veränderbar. Für Jugendliche kann das bedeuten, dass sie sich wieder mehr zutrauen. Für Familien bedeutet es, dass die Art, wie wir über Fähigkeiten sprechen, zählt.
Vielleicht sagt dein Kind beim nächsten schwierigen Thema wieder: „Ich bin einfach kein Mathe-Typ.“ Dann darfst du diesen Satz ernst nehmen. Aber du musst ihn nicht stehen lassen. Du kannst antworten: „Vielleicht fühlt es sich gerade so an. Lass uns schauen, was du schon kannst und was der nächste Schritt ist.“ Manchmal beginnt Veränderung genau dort!
Quelle: Hörsch, Hella, Jennifer Schumacher und Fabian Wolff: Long-Term Effects of an Intervention Targeting Dimensional and Temporal Comparisons on Students’ Math and English Academic Self-Concepts: A Waiting-List Replication and Extension Study. Educational Psychology Review, 38, Artikel 70, 2026. https://doi.org/10.1007/s10648-026-10137-4. Erschienen am 9. Mai 2026.
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