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Experteninterview: Leiden unsere Kinder am Naturdefizit-Syndrom?

Experteninterview: Leiden unsere Kinder am Naturdefizit-Syndrom?

Natur macht ruhig, Natur ist erholsam.
Wir Eltern wissen: Sind Kinder unausgeglichen oder sind zu lange am Computer gesessen, dann hilft meist nur eines: “Auslüften”.
Warum Natur für Kinder wichtig ist und wie man Natur auch therapeutisch einsetzen kann, verrät Naturpädagogin Elisabeth Tomasi:

Interview mit Naturpädagogin Elisabeth Tomasi

Warum ist das draußen Sein für Kinder wichtig?

Die Natur stellt einen idealen Entwicklungs- und Erfahrungsraum dar. Draußen erspielen die Kinder ihre Lebenskompetenzen, sie können Erfahrungen sammeln und sich Herausforderungen stellen.

Natur wirkt sich auch positiv auf das Verhalten aus, in der Natur kann man Dampf ablassen, seinem Bewegungsdrang freien Lauf lassen – aber auch zur Ruhe kommen, in einer Tätigkeit versinken und von der erholsamen Wirkung der Natur profitieren. In der Natur können Kinder selbstwirksam sein, können Kompetenzen üben – und zwar im eigenen Tempo. Und sie bietet kindgerechte Reize – es ist nicht so laut, nicht so bunt wie indoor, draußen haben wir nicht diese Reizüberflutung, die viele Kinder (u.a. Erwachsene) oft überfordert. In Studien konnte sogar gezeigt werden, dass bei Kindern mit ADHS das Draußen-sein genauso gut wirken kann wie Medikamente.

Welche Kompetenzen können Kinder in der Natur einüben?

Im freien Spiel in unstrukturierter Umgebung können Kinder vielfältige Erfahrungen machen, im Gehirn werden neue Verknüpfungen gebildet – das fördert das kognitive Wachstum. In der Natur können Fein- und Grobmotorik, das Gleichgewichtsgefühl, die Körperwahrnehmung und die Sinneswahrnehmung gefördert werden. Auch die Kreativität und Sozialkompetenzen werden trainiert. Und das Schöne daran ist, es läuft quasi wie von alleine, nebenbei, ohne Absicht oder Druck. So trainiert ein schwaches Kind ganz automatisch sein Gleichgewicht, wenn es sich in den Kopf gesetzt hat, über einen Baumstamm zu balancieren, weil es am anderen Ende etwas Spannendes zu erforschen gibt.

Sind unsere Kinder zu wenig draußen?

R. Louv hat 2011 den Begriff des “Natur-Defizit-Syndrom” geprägt. Weil es eben einen Unterschied macht, ob man Tiere in der Realität füttert – oder es am Computer tut. Andere Autoren formulieren es so: die Natur tut uns gut, ja sie ist sogar wichtig für unsere Entwicklung und unser Wohlbefinden. Wenn wir bedenken, dass wir Menschen uns als Teil der Natur, geprägt von unserer natürlichen Umgebung, entwickelt haben, liegt der Schluss nahe, dass wir fürs Lernen, für unsere Gehirnentwicklung, für unser körperliches und geistiges Wohlbefinden die Natur brauchen.

Die Natur hat eigene Rahmenbedingungen – das lässt sich nicht simulieren. Wenn ein Stein für den Staudamm zu schwer ist, muss ich einen Kompromiss eingehen und einen kleineren Stein nehmen. Das klingt banal – aber in unserer heutigen Zeit ist das definitiv ein großes Thema. Viele Kinder sind es nicht gewöhnt, mit Widerständen umzugehen, weil man sie (wohlmeinend) davor bewahrt. Aber die Natur funktioniert nicht auf Knopfdruck, die passt sich nicht uns an, sondern wir müssen uns an die Gegebenheiten anpassen.

In der Natur gelingt vieles leichter, und sie bietet für viele unserer heutigen Probleme eine Hilfestellung. Viele Familien kennen das: Bewegungsmangel, kombiniert mit Übergewicht und Diabetes. Sich in der Natur zu bewegen, zu laufen und zu klettern macht meist mehr Spaß als unter Druck und Zwang in der Turnhalle. Zunehmende Kurzsichtigkeit aufgrund des steigenden Bildschirm-Konsums? Draußen in der Natur muss sich das Auge an unterschiedliche Lichtverhältnisse und Entfernungen anpassen und die ansprechende Fülle, die das Auge erblickt, lädt zum Erforschen und Entdecken ein.

Kinder sollen also viel draußen spielen. Aber oft fehlt die Zeit oder es ist kein richtiger Wald in der Nähe des Wohnorts…

Wenn wir von Natur sprechen, ist nicht unbedingt der unberührte Wald, die Blumenwiese aus dem Heimatfilm oder ein Gebirgsbach gemeint. Natur finden wir quasi überall – gerade auch in kleinen Dingen: sei es eine Mauerritze, eine Regenlacke oder der Hinterhof. Das zeigen uns die Kinder auf, weil genau diese Orte sie faszinieren und ansprechen. Wichtig ist dabei, dass die Kinder dort Raum und Zeit haben, ihre Erfahrungen zu sammeln, selbstwirksam tätig zu sein und Bindungen eingehen können. Das nimmt vielleicht auch vielen Eltern und Pädagog/innen den Druck, in der Natur ein Event inszenieren zu müssen, um die Kinder optimal zu fördern. Wir brauchen die Kinder nicht ständig bespaßen oder beschäftigen! In Kindergarten, Schule, beim Sport oder im Verein gibt es eh schon genug Vorgaben. Lassen wir den Kindern in der Natur mehr Freiräume und Zeit für ihr selbstbestimmtes Spiel.

Sie bieten ein völlig neues Therapiekonzept: den Therapieraum Natur. Was ist besonders daran?

Die Kinder-Ergotherapeutin Angelika Reichartzeder (siehe auch: Spielen ist Lernen fürs Leben | Expertenrat einer Ergotherapeutin) und ich haben ein einzigartiges Konzept entwickelt, in dem wir Ergotherapie und Naturpädagogik kombinieren, um Kinder in ihrer Entwicklung und Kompetenzerweiterung zu unterstützen Wir arbeiten in Kleingruppen unter Einbindung von Geschwistern und Eltern und gehen gemeinsam hinaus in die Natur. Durch diese Familienzentrierung werden Eltern zu kompetenten Partnern und bekommen einen neuen Blick auf ihr Kind. In dieser gemeinsamen Qualitätszeit bekommen sie gleichzeitig hautnah mit, wie wir mit den Kindern in den Therapiestunden arbeiten. Bei den Kindern achten wir auf eine heterogene Zusammensetzung der Gruppen, denn Kinder lernen sehr viel voneinander. Wir arbeiten mit Kindern mit Entwicklungsverzögerung, Wahrnehmungsstörungen, ADHS, Autismus, Defizite in der Sozialkompetenz usw. Ziel ist die individuelle  Kompetenzförderung. Wir arbeiten in einer lockeren Atmosphäre und regen spielerisch alle Sinne an.

Welche Erfahrungen haben Sie im Therapieraum Natur gemacht?

Die schönste Erfahrung ist die Bestätigung, dass unsere Arbeit in der Natur etwas bringt!

Wir begleiten die Familien über 10 Wochen und sehen, was sich bei den Kindern und ihren Familien verändert und entwickelt. Als naturverbundener Mensch ist mir die positive Wirkung der Natur im privaten und beruflichen Alltag bewusst. Schön ist es zu sehen, dass man damit anderen Menschen helfen kann. Spannend finde ich, dass es durch wissenschaftliche Arbeiten belegbar und in Zahlen messbar ist.

Gegensätze ziehen sich an: Oft haben sich ruhige und quirlige Kinder zusammengefunden, lernen voneinander und ergänzen sich in ihren Kompetenzen und Fähigkeiten. Der Transfer in den Alltag gelingt: Viele Kinder, die in großen Gruppen überfordert sind, können erlernte Kompetenzen aus dieser kleinen Gruppe dann in größere Gruppen – wie z.B. die Schulklasse – übertragen. Eltern berichten, dass die gemeinsame Zeit in der Natur auch außerhalb der Therapie einen entspannten Umgang in der Familie ermöglicht.



Im Rahmen meiner Masterarbeit zum Green Care – Studium habe ich mehrere Gruppen wissenschaftlich begleitet.  Die Ergebnisse zeigen, dass Kinder mit Verhaltensauffälligkeiten auf vielen Ebenen profitieren: Sie üben Durchhaltevermögen, Konzentration, Kraftdosierung, Gleichgewicht und Motorik, sie bauen Stress und Berührungsängste ab.

Mein Kind hat noch nie in den Dreck gegriffen – und jetzt macht er “Gatschkugeln”. Ich glaub es nicht!
Vater eines Aperger-Kindes

 

Ideen für’s Kinder-Auslüften:

Experteninterview: warum die Natur so wichtig für die Entwicklung von Kindern ist. Wie sich das im Alltag mit Kindern und in der Therapie nutzen lässt.

Eliasbeth TomasiDie Expertin: Mag.biol. Elisabeth Tomasi, MSc, Naturpädagogin, Ökologin & Green Care-Absolventin.
Magisterstudium der Ökologie an der Universität Salzburg; Studienlehrgang Nachhaltigkeit, Recht und Kommunikation im Umweltschutz an der Universität Rostock;  Lehrgang Outdoor Education am ifau Steyr; Masterstudium Green Care an der Hochschule für Agrar- und Umweltpädagogik. Selbständige Tätigkeit als Naturpädagogin im Bereich Naturvermittlung, Umweltbildung und Bildung für Nachhaltige Entwicklung, Museumspädagogin im Haus der Natur, Referentin in der Aus- und Weiterbildung (u.a. ZEKIP Salzburg, PH und KPH Salzburg). Naturvermittlung für Kleinkinder, Kindergärten, Schulen, Studierende, Familien, Menschen mit Beeinträchtigungen, Kinder mit Verhaltensauffälligkeiten im Raum Salzburg und Umgebung, OÖ, Tirol, Südtirol, Deutschland. www.naturwirkt.com


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Muttis Nähkästchen

Hier plaudert Birgit, alias Mutti, 40+, seit 2009 aus dem Nähkästchen: Authentizitäts-Freak, selbstbewusst grauhaarig, kreativ angehaucht, völlig unperfekte Mutter (aka. Rabenmutter). Familienblog aus dem Leben mit zwei Jungs - Mutter allein unter Männern. Mehr über Muttis Nähkästchen: About. Nix verpassen? Folgt mir via Social Media oder Newsletter.

Dieser Beitrag hat 2 Kommentare

  1. Meine 2 großen gehen zum Glück auch liebend gerne raus.wir haben das Glück Wald und Wiesen genau vor der Haustür zu haben.mit einem kleinen bach in dem sie schon allerlei kleine Tiere gefunden und erforscht haben. Seit kurzem gibt es einen waldkindergarten bei uns, den Zwerg nr 3 ab Dezember besuchen wird. Das wird bestimmt super. Natur ist für Kinder einfach was wunderbares.

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