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Fakten zum Thema Kinder-kriegen – warum gängige Zahlen zur Geburtenrate so nicht ganz stimmen

Schwanger

Fruchtbarkeit und Geburtenraten sind Themen, bei denen sich alle einig zu sein scheinen: zu wenig, zu gering, überhaupt alles furchtbar. Dass das nicht ganz so stimmt, zeigt eine neue Studie für Deutschland, Österreich und die Schweiz. Da wird da gründlich mit Mythen und Legenden rund um das Thema Kinder-kriegen aufgeräumt:

Einige gängige Mythen und Legenden – und was die neue Studie dazu sagt (ich hab versucht, die sehr akademischen Formulierungen ein bisschen zu “übersetzen”; für die wiederkehrende Bezeichnung “Deutschland, Österreich und Schweiz” habe ich aus platzgründen die Abkürzung “DACH” gewählt):

“Frauen in DACH haben im Durchschnitt 1,4 Kinder.”

Ja und nein. Je nachdem, wie es berechnet wird. Die 1,4 Prozent werden von den spezifischen Geburtenraten eines Kalenderjahrs  hochgerechnet (Periodenfertilität)- sie ist stark abhängig vom Timing der Geburt und wird oft als “durchschnittliche Kinderzahl je Frau” (miss-)interpretiert. Die so genannte Kohortenfertilität benennt die tatsächlich erreichte Kinderzahl im Durchschnitt – bei den Mitte der 1970-er Jahren geborenen Frauen wären das voraussichtlich 1,6 Kinder. Die endgültige Zahl kann es freilich erst geben, wenn alle diese Frauen (Mutti eingeschlossen) ihre reproduktive Phase beendet haben. Zum Vergleich: um 1900 geborene Österreicherinnen bekamen “nur” 1,8 Kinder.

“Die Fertilitätsziffern in Europa und somit auch in DACH sinken immer weiter ab.”

Nein, es herrscht gegenwärtig Stillstand bzw. ein Anstieg der Geburtenziffern. Weil die Frauen beim ersten Kind immer älter wurden, gab es in den letzten Jahren Verzerrungen. Da sich dieser Altersanstieg nun aber abgeschwächt hat, kam es wieder zum Anstieg der Geburtenraten – in Österreich, der Schweiz sowie in Ostdeutschland. In Westdeutschland … tja,  da lässt dieser Trend noch auf sich warten.

“Kinderlosigkeit ist so hoch wie nie zuvor.”

Ja, die Kinderlosigkeit ist hoch. In Deutschland ist sie e mit rund 20 Prozent eine der höchsten in Europa. Aber das ist bei weitem nicht neu! Auch im vorindustriellen Europa blieben viele Menschen kinderlos.

“Hochgebildete Frauen bekommen kaum noch Kinder.”

Akademikerinnen bekommen weniger Kinder als Nicht-Akademikerinnen. Das Maß der Kinderlosigkeit wurde jedoch bisher zu hoch eingeschätzt.

“Menschen mit niedrigerer Bildung bekommen überall mehr Kinder.”

Nein! Das gilt nur in DACH! In Ländern, die eine gute Vereinbarkeit von Familie und Beruf ermöglichen, gilt das nicht – z.B. in Schweden, Finnland und Dänemark.

“Niedrige Geburtenraten sind eine Folge weiblicher Erwerbstätigkeit.”

Nicht notwendigerweise. Frankreich, Schweden und die USA beweisen das Gegenteil.

Weitere – von mir unkommentierte – Kernaussagen der Studie:



  • In Westdeutschland stieg das Durchschnittsalter bei der ersten Geburt zwischen 1970 und 2008 von 23,8 auf 28,7 Jahre, in Ostdeutschland blieb es dagegen über zwei Jahrzehnte bei 22,5 und stieg erst von 1990 bis 2008 auf 27,5 Jahre. In Österreich lag das Durchschnittsalter der Erstgebärenden 2008 bei 27,8 Jahren und in der Schweiz bei 29,6 Jahren (derzeit höchster Wert in Europa).
  • Die Verantwortung für Haus- und Familienarbeit ist in DACH ungleich zwischen den Partnern verteilt.
  • Die durchschnittliche Kinderzahl pro Frau in DACH  wird in den nächsten Jahrzehnten den Wert von zwei (den einige europäische Gesellschaften zurzeit erreichen) nicht übersteigen. Außer es gelingt, die gesellschaftlichen Hindernisse zu beseitigen.
  • Erwerbstätigkeit bringt wirtschaftlichen Nutzen, vermittelt Selbstwert und sozialen Status und stärkt die Autonomie von Menschen. Ein zentrales Ziel moderner Familienpolitik ist es deshalb, die Vereinbarkeit von Elternschaft und Beruf zu ermöglichen, das heißt die Chancen von Müttern und Frauen auf Teilhabe an der Arbeitswelt zu erhöhen.

… und wieder einmal zeigt sich: Glaube nie einer Statistik, die du nicht selbst hingebogen hast! Diese und weiter Mythen sowie jede Menge Kernaussagen könnt ihr hier nachlesen: www.zukunft-mit-kindern.eu

Foto: doriana s, sxc

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Birgit

Hier plaudert Birgit, alias Mutti, 40+, seit 2009 aus dem Nähkästchen: Authentizitäts-Freak, selbstbewusst grauhaarig, kreativ angehaucht, völlig unperfekte Mutter. Familienblog aus dem Leben mit zwei Jungs - Mutter allein unter Männern. Mehr über Muttis Nähkästchen: About. Nix verpassen? Folgt mir via Social Media oder Newsletter.

Dieser Beitrag hat 3 Kommentare

  1. Sehr interessant!
    “Niedrige Geburtenraten sind eine Folge weiblicher Erwerbstätigkeit.” klingt für mich ein wenig nach “Frauen, bleibt zu Hause!” und widerspricht damit eigentlich der Aussage “Erwerbstätigkeit bringt wirtschaftlichen Nutzen, vermittelt Selbstwert und sozialen Status und stärkt die Autonomie von Menschen.”.
    Oder war das nur als Erklärung für die Erhöhung des Durchschnittsalters der Mütter gedacht?

    1. Zur Klarstellung:

      Die fetten Zitate sind die Mythen und Gemeinplätze, die in Medien, Politik, Gesellschaft UND Wissenschaft kolportiert werden. Das, was drunter steht, sind die Ergebnisse dieser neuen Studie – und die widerlegt bzw. relativiert diese Aussagen teilweise gehörig.

      Die von dir angesprochene Aussage “Niedrige Geburtenraten sind eine Folge weiblicher Erwerbstätigkeit.” ist so ein Mythos. Für DACH scheint dies tatsächlich zu stimmen – schließlich hat unsere Gesellschaft nach wie vor die starke Tendenz in Richtung “Frauen, bleibt zu Hause!” und “Arbeitende Mütter sind Rabenmütter”.
      Aber verallgemeinern kann man diese Aussage nicht: Frankreich, Schweden und die USA beweisen das Gegenteil. Denn: Trotz sehr hoher Erwerbstätigkeit der Frauen sind in diesen Ländern die Geburtenraten deutlich höher als in DACH.
      Und das sollte uns zu denken geben …

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