Manche Kinder wirken in der Klasse unruhiger, verträumter oder langsamer als andere. Doch was, wenn dahinter nicht sofort ein Förderbedarf oder ADHS steckt, sondern ein Altersunterschied von fast einem Jahr? Eine neue Studie der Bergischen Universität Wuppertal zeigt, warum der Geburtsmonat in der Schule mehr ausmachen kann, als viele Familien denken.
Am 13. Juli ist der Internationale ADHS-Tag. Zu diesem Anlass möchten wir euch diese Studie näher vorstellen.
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Inhaltsverzeichnis
- Wenn ein paar Monate plötzlich viel bedeuten
- Was die Forschenden herausgefunden haben
- Warum jüngere Kinder schneller auffallen können
- ADHS oder altersgemäße Entwicklung?
- Diagnosen helfen, können aber auch prägen
- Was das Eltern für Eltern bedeutet
- Was Schulen besser machen können
- Fazit: Kinder wachsen nicht nach Stundenplan
- Buchempfehlung

Wenn ein paar Monate plötzlich viel bedeuten
In einer Schulklasse sitzen Kinder zusammen, die offiziell im selben Jahrgang sind. Trotzdem können zwischen ihnen fast zwölf Monate Altersunterschied liegen. Gerade im Kindesalter ist das viel. Ein Kind hat vielleicht schon mehr Übung im Zuhören, mehr Ruhe beim Arbeiten oder mehr Sicherheit im Umgang mit anderen. Ein anderes braucht noch Bewegung, Wiederholung und Zeit.
Die Studie von Prof. Dr. Janka Goldan vom Institut für Bildungsforschung und Dr. Franz G. Westermaier vom Wuppertaler Institut für bildungsökonomische Forschung der Bergischen Universität Wuppertal zeigt nun: Diese relativen Altersunterschiede können systematisch beeinflussen, ob Kinder als sonderpädagogisch förderbedürftig eingestuft oder mit ADHS diagnostiziert werden.
Untersucht wurde das sogenannte relative Alter. Gemeint ist also nicht nur, wie alt ein Kind insgesamt ist, sondern ob es innerhalb seiner Klassenstufe eher zu den älteren oder jüngeren gehört.
Was die Forschenden herausgefunden haben
Für die Untersuchung analysierten Goldan und Westermaier Daten von mehr als 67.000 Schüler:innen der vierten und neunten Klassen aus den bundesweiten IQB-Bildungstrends. Dabei betrachteten sie sonderpädagogischen Förderbedarf, besonders in den Bereichen Lernen, Sprache sowie emotionale und soziale Entwicklung. Außerdem untersuchten sie ADHS-Diagnosen.
Das Ergebnis ist deutlich: Kinder, die innerhalb ihres Jahrgangs zu den jüngsten gehören, werden häufiger als sonderpädagogisch förderbedürftig eingestuft. Für Schüler:innen der vierten Klasse lag die Wahrscheinlichkeit einer solchen Einstufung um rund 21 Prozent höher. In der neunten Klasse waren es sogar bis zu 27 Prozent.
Auch bei ADHS zeigte sich ein klarer Unterschied. Viertklässler:innen, die zu den jüngsten ihrer Klassenstufe gehören, erhalten etwa 52 Prozent häufiger eine ADHS-Diagnose als ältere Kinder desselben Jahrgangs.
Warum jüngere Kinder schneller auffallen können
Ein jüngeres Kind in der Klasse ist nicht automatisch weniger leistungsfähig. Es kann aber im direkten Vergleich unreifer wirken. Vielleicht kann es noch nicht so lange stillsitzen, reagiert impulsiver oder braucht bei Aufgaben mehr Zeit. In einer Klasse mit deutlich älteren Kindern fallen solche Unterschiede stärker auf.
Janka Goldan erklärt dazu: „Unsere Ergebnisse zeigen, dass bei diagnostischen Entscheidungen nicht nur tatsächliche Lern- und Verhaltensmerkmale eine Rolle spielen, sondern auch das relative Alter eines Kindes innerhalb der Klassenstufe.“
Sie ergänzt: „Jüngere Kinder können insbesondere in der Grundschulzeit im Vergleich zu älteren Mitschüler:innen eher als unaufmerksam, impulsiv oder lernschwächer wahrgenommen werden, obwohl solche Unterschiede häufig entwicklungsbedingt und altersgemäß sind.“
Für Familien ist das eine wichtige Einordnung. Wenn dein Kind im Klassenvergleich jünger ist und Rückmeldungen zu Unruhe, Konzentration oder Lernschwierigkeiten bekommt, muss das sorgfältig geprüft werden. Vielleicht liegt tatsächlich ein Unterstützungsbedarf vor. Vielleicht braucht dein Kind aber auch vor allem Zeit, passende Förderung und einen fairen Blick auf seinen Entwicklungsstand.
ADHS oder altersgemäße Entwicklung?
ADHS ist eine ernst zu nehmende Diagnose. Kinder mit ADHS können in Schule, Familie und Alltag stark belastet sein und brauchen gute Unterstützung. Die Studie stellt das nicht infrage. Sie macht aber sichtbar, dass altersbedingte Unterschiede in Aufmerksamkeit, Impulskontrolle und Bewegungsdrang bei jüngeren Kindern leichter als auffällig bewertet werden können.
Gerade in der Grundschule ist das entscheidend. Ein Kind, das fast ein Jahr jünger ist als viele andere in der Klasse, kann schneller abgelenkt sein oder weniger Ausdauer zeigen. Das kann entwicklungsbedingt sein und trotzdem im Schulalltag Probleme machen.
Darum sollten Eltern und Bezugspersonen bei einer möglichen ADHS-Abklärung genau nachfragen: Zeigen sich die Schwierigkeiten nur in der Schule oder auch zu Hause, beim Spielen, im Verein und im Alltag? Bestehen sie über längere Zeit? Wurde das Alter des Kindes im Verhältnis zur Klasse ausdrücklich berücksichtigt?
Diagnosen helfen, können aber auch prägen
Ein sonderpädagogischer Förderstatus oder eine ADHS-Diagnose kann Kindern helfen, gezielte Unterstützung zu bekommen. Das ist wichtig und kann Familien entlasten. Gleichzeitig können solche Entscheidungen langfristig wirken. Erwartungen können sich verändern, Kinder können sich stigmatisiert fühlen, und schulische Laufbahnentscheidungen können beeinflusst werden.
Franz G. Westermaier bringt diesen Punkt so auf den Punkt: „Was zunächst ein normaler Entwicklungsunterschied zwischen jüngeren und älteren Kindern ist, kann durch diagnostische Entscheidungen langfristige Auswirkungen auf den weiteren Bildungsweg haben.“
Genau deshalb braucht es einen sorgfältigen Umgang mit Zuschreibungen. Ein Kind sollte Unterstützung bekommen, wenn es Unterstützung braucht. Aber es sollte nicht vorschnell ein Label erhalten, nur weil es im Vergleich zu älteren Kindern jünger, unruhiger oder langsamer wirkt.
Was das Eltern für Eltern bedeutet
Wenn die Schule Schwierigkeiten meldet, hilft ein ruhiger und genauer Blick. Frage nach konkreten Beobachtungen: In welchen Situationen fällt dein Kind auf? Seit wann bestehen die Schwierigkeiten? Was gelingt gut? Welche Unterstützung wurde schon ausprobiert? Und ganz wichtig: Wie wird das Verhalten deines Kindes im Verhältnis zu seinem tatsächlichen Alter eingeschätzt?
Auch der Austausch zwischen Schule, Familie, Schulpsychologie, Kinderärzt:innen oder weiteren Fachstellen kann hilfreich sein. Entscheidend ist, dass nicht eine einzelne Beobachtung oder ein einzelner Vergleich den Ausschlag gibt. Gute Diagnostik sollte mehrere Perspektiven einbeziehen und das Kind nicht nur an älteren Mitschüler:innen messen.
Was Schulen besser machen können
Die Forschenden sprechen sich für stärker entwicklungsorientierte und standardisierte Diagnoseverfahren aus. Entscheidungen über sonderpädagogischen Unterstützungsbedarf oder ADHS sollten nicht allein auf subjektiven Einschätzungen beruhen. Das relative Alter eines Kindes innerhalb der Klasse sollte ausdrücklich berücksichtigt werden.
Außerdem empfehlen Goldan und Westermaier unabhängige multiprofessionelle Diagnostik und Förderkonzepte, die sich an den individuellen Bedürfnissen und an der Entwicklung der Kinder orientieren. Das bedeutet: Nicht zuerst das Etikett, dann die Hilfe. Sondern zuerst genau hinsehen, verstehen und gezielt unterstützen.
Fazit: Kinder wachsen nicht nach Stundenplan
Für Familien ist die Studie eine Einladung, Vergleiche in der Schule bewusster einzuordnen. Manche Kinder sind nicht grundsätzlich zu langsam, zu unruhig oder zu verträumt. Manche sind im Klassenvergleich einfach jünger und brauchen noch Entwicklungsspielraum.
Das heißt nicht, Schwierigkeiten kleinzureden. Wenn ein Kind leidet, dauerhaft nicht mitkommt oder stark belastet ist, braucht es Unterstützung. Doch bevor aus einem Entwicklungsunterschied eine Diagnose oder ein Förderstatus wird, sollte genau geprüft werden, was wirklich dahintersteckt.
Der Geburtsmonat sollte kein Stempel sein. Aber er sollte auch nicht übersehen werden. Denn jedes Kind verdient eine faire Einschätzung und Unterstützung, die zu seinen tatsächlichen Bedürfnissen passt.
Quelle: Goldan, J., & Westermaier, F. G. (2026). Does the Early Bird Catch the Label? Relative Age Effects in the Assessment of Special Educational Needs and ADHD: Evidence from Germany. Exceptional Children, 1–22. https://doi.org/10.1177/00144029261441922
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