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Ist ein Asperger-Autist behindert?

Ist ein Asperger-Autist behindert?

Um’s kurz zu machen: JA, sicher.
Und zugleich: NEIN, auf keinen Fall!
JA, weil meist ein Behinderungsgrad von 50 Prozent zugestanden wird.
NEIN, weil ein Asperger – bzw. “hochfunktionaler Autist” – meist so gar nicht “schwerbehindert” erscheint. Mir geht es zumindest so mit meinem Kind.
Was bedeutet das alles? Macht ein Antrag auf einen Behindertenpass überhaupt Sinn – oder ist das ein “Stempel für’s Leben”?

Bei Behinderung denken wir meist an körperlich beeinträchtigte Menschen oder “offensichtliche” geistige Behinderung. Einem Asperger sieht man die Behinderung nicht auf den ersten Blick an. Daher fühlen sich viele Menschen (bzw. Angehörige von Kindern) mit autistischen Ausprägungen nicht “schwerbehindert” und verzichten daher den Behindertenstatus. Aber die Autismus-Spektrum-Störung (ASS) – inklusive dem Asperger-Syndrom – ist eine nicht erworbene, tiefgreifende Wahrnehmungsbeeinträchtigung.

Es handelt sich dabei hauptsächlich um qualitative Beeinträchtigungen in den Bereichen Interaktion, Kommunikation, Stereotypien/Rituale und Spezialinteressen. Die Kinder sind nicht “ein bissl anders”, die Beeinträchtigung ist zentral und betrifft viele Lebensbereiche.
Und sie brauchen Unterstützung.
Und die kostet meist echtes Geld.
Und oft genug – wie zum Beispiel in unserem Fall – bleibt die gesamte finanzielle Belastung an den Eltern hängen.
Asperger-Autisten (ICD10-Code F84.5) meist einen Behinderungsgrad von 50 Prozent. Dieser (Schwer-)Behindertenstatus bietet durchaus Vorteile:

Ein Behindertenausweis für Asperger?

Ab einem Grad der Behinderung GdB von 50 gilt man als schwerbehindert und erhält einen Behindertenausweis. Vorteile sind:

  • finanzielle/steuerliche Vergünstigungen
  • Anrechenbarkeit von Aufwendungen
  • Recht auf weitere Unterstützungsmaßnahmen – u.a. für Ausbildung und Beruf.

Den Behindertenstatus muss man übrigens nicht zwingend angeben, z.B. bei einer Bewerbung. Behält man dieses Fakt für sich, verzichtet man ggf. auf eventuelle Nachteilsausgleiche und Vergünstigungen, macht sich aber nicht strafbar. Es ist also quasi ein “Mitgliedsausweis”, den man herzeigen kann – oder eben auch nicht.

Steuerliche Vorteile und erhöhte Familienbeihilfe

In Österreich  gibt es einen Freibetrag für behinderte Kinder (abhängig vom Grad der Behinderung zwischen 75 und 262 Euro). Außerdem werden nicht regelmäßig anfallende Aufwendungen, Schulgelder und Internatskosten (Hilfsmittel, Kosten der Heilbehandlung und ein allfälliges Entgelt für Unterrichtserteilung in einer Sonder- oder Pflegeschule) steuerlich berücksichtigt. Einen Mindestbetrag für “außerordentliche Belastungen” (i.d.R. 4.000,-) gibt es dann nicht.

Eine erhöhte Familienbeihilfe gibt es ab einem Grad der Behinderung von mind. 50 Prozent (aktuell 138,30 pro Monat, wird alle zwei Monate zusätzlich zur Familienbeihilfe ausbezahlt).
Die erhöhte Familienbeihilfe kann übrigens bis zu fünf Jahre rückwirkend (ab Antragstellung) beantragt werden.

Pflegegeld

Ich hab auch schon von zahlreichen Familien gehört, die für ihr Asperger-Kind Pflegegeld (meist Stufe 1) bekommen. Pflegegeld ist durchaus angebracht, da folgende Punkte auch bei Aspergern zutreffen:

  • mangelnde Gefahreneinsicht
  • keine bzw. mangelnde Wahrnehmung und Äußerung von eigenen Bedürfnissen (trinken, essen, schlafen, zur Toilette gehen …)
  • erhöhter Aufwand durch notwendige 1:1-Begleitung
  • erhöhter Aufwand durch intensive Kontakte mit Schule, Kindergarten zwecks Krisenbewältigung
  • erhöhter zeitlicher und finanzieller Aufwand für Therapiemaßnahmen

Allerdings reduzieren sich bei Bezug von Pflegegeld andere Leistungen (z.B. werden 60 Euro der erhöhten Familienbeihilfe auf das Pflegegeld angerechnet).

Unser Fazit:

Behindertenpass und erhöhte Familienbeihilfe: ja.
Das Sachverständigen-Gutachten hat uns einen Grad der Behinderung von “50 v. H.” (Beamten-Deutsch für 50 Prozent).
Weil wir schließlich jede Menge Kohle für Therapien bezahlen – und von Krankenkasse, Land oder sonstigen Behörden KEINEN CENT Unterstützung dafür bekommen. Dann können wir die Beträge nun zumindest steuerlich geltend machen und erhalten die erhöhte Familienbeihilfe.
Das Pflegegeld werden wir nicht beantragen – das fühlt sich für uns nicht passend an. Es bringt auch unter’m Strich wenig Vorteile, weil es Freibeträge und die erhöhte Familienbeihilfe mindert.

Als “behindert” werden wir unseren Sohn dennoch nicht bezeichnen, geschweige denn so anreden. Er ist wie er ist. Und er ist in Ordnung so wie er eben ist. Ihm gegenüber haben wir das ganze Verfahren so erklärt: “Wir haben Geld beantragt zur Unterstützung von diversen Therapien, die wir gemeinsam mit dir machen: für das Sommercamp, für die Gruppentherapie und für die Einzeltherapie.” Er (10 Jahre alt) meinte dazu: “OK.”

Weitere Informationen

Deutschland:



Österreich:

Unsere Geschichte:

Ein paar Hilfsmittel und Lösungsstrategien, die wir uns mit der Zeit zusammengesucht und ausprobiert haben:

Erfahrungsbericht einer Familie mit Asperger-Kind:Asperger Grad der Behinderung (GdB), Behindertenpass


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Muttis Nähkästchen

Hier plaudert Birgit, alias Mutti, 40+, seit 2009 aus dem Nähkästchen: Authentizitäts-Freak, selbstbewusst grauhaarig, kreativ angehaucht, völlig unperfekte Mutter. Familienblog aus dem Leben mit zwei Jungs - Mutter allein unter Männern. Mehr über Muttis Nähkästchen: About. Nix verpassen? Folgt mir via Social Media oder Newsletter.

Dieser Beitrag hat 4 Kommentare

  1. Hallo. Ich bin über deine/eure Seite gestollpert, auf der Suche nach Autismus Spektrum Störung. Wir haben die Diagnose seit kurzem und frage mich wie geht man als Mama damit um? Wie verkraftet man das und vor allem, WIE sagt man seinem Kind das es ASS hat? Würde mich über eine E-Mail zum Austausch freuen.
    LG Claudia

    1. Hallo Claudia,
      ich war ehrlich gesagt heilfroh über die Diagnose. Ich hab mich dann eingelesen in verschiedene Bücher – und da sind die Tränen geflossen. Denn erstmals hab ich verstanden, warum mein Kind sich verhält wie es sich verhält, welche Situationen es aushalten muss und welche Nöte es hat. Ich konnte eine ganz neue Liebe zum Kind entwickeln. Denn vorher hab ich nur versucht, es zu “erziehen” – aber das ging nicht. Das Kind “funktionierte” einfach nicht so wie andere Kinder – das hat viel Selbstzweifel und viel Selbstvorwürfe mit sich gebracht …
      Wie sagt man es dem Kind? Das ist fürwahr eine herausfordernde Situation. Bei uns hat das eine auf Autismus spezialisierte Psychologin gemacht, die uns (Eltern und Kind) 2 Jahre lang intensiv begleitet hat. Und uns auch heute noch mit Rat und Tat zur Seite steht – z.B. zu einer Supervision im Gymnasium.
      Alles Gute!
      Birgit

  2. Liebe/r Angehörige/r eines besonderen Kindes (nicht nur Mamas, sondern auch Väter oder Geschwister)!

    Ich verfasse momentan im Rahmen des Ethik-Lehrgangs an der Pädagogischen Hochschule Oberösterreich meine Abschlussarbeit. Es geht dabei um das Thema „Resilienz von Familien mit beeinträchtigten Kindern” und in diesem Zusammenhang habe ich einen zweiteiligen Fragebogen erstellt, dessen Beantwortung 5-10 Minuten in Anspruch nimmt.

    Alle Daten werden vertraulich behandelt, anonymisiert ausgewertet und nur für diese Arbeit verwendet. Es gibt auch keine richtigen oder falschen Antworten – Ihre/deine persönliche Einschätzung und Erfahrung sind gefragt!

    Mit Ihrer/deiner Teilnahme leisten Sie/leistest du einen großen Beitrag zur Untersuchung meiner Forschungsfrage. Ganz besonders würde ich mich darüber freuen, wenn Sie/du den Fragebogen auch an andere Betroffene weiterleiten könnten/könntest.

    Hier sind die Links (bitte beide anklicken):

    Teil 1: https://de.surveymonkey.com/r/VDRWYNH

    Teil 2: https://de.surveymonkey.com/r/VD3RDCG

    Vielen Dank für Ihre/deine Unterstützung!

    Julia

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