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Preisgekrönte Leseempfehlung: Warum 350 Kinder für dieses Buch jubeln

© Carsten Schmale/Uni Siegen

Preisgekrönte Leseempfehlung: Warum 350 Kinder für dieses Buch jubeln

Was muss ein Kinderbuch schaffen, damit Hunderte Grundschulkinder begeistert klatschen, trommeln und sogar mit den Füßen stampfen? Beim Siegener Kinderbuchpreis zeigte sich, wie viel Energie eine Geschichte entfalten kann, wenn Kinder selbst entscheiden dürfen, welches Buch sie überzeugt.

Bei einer Preisverleihung denken viele vermutlich an festliche Kleidung, höflichen Applaus und lange Reden. Im Friedrich-Schadeberg-Hörsaal der Universität Siegen klingt das an diesem Tag ganz anders. Die Kinder klatschen, trommeln und trampeln so begeistert, dass die Stuhlreihen zu zittern beginnen. Der Grund für die ausgelassene Stimmung ist kein Popstar und auch kein Fußballspiel. Im Mittelpunkt steht ein Kinderbuch!

Mehr als 350 Kinder aus Grundschulen im Kreis Siegen-Wittgenstein haben gelesen, diskutiert und abgestimmt. Ihr Favorit ist „Wer schnappt Ronaldo?“ des Berliner Autors Benjamin Tienti, ein Buch zum Thema finanzielle und soziale Ungleichheit. Die jungen Leserinnen und Leser beschreiben die Geschichte als „cool und spannend“. Damit machen sie den Autor zum Gewinner des zweiten Siegener Kinderbuchpreises.


Preisgekrönte Leseempfehlung: Warum 350 Kinder für dieses Buch jubeln


Eine Preisverleihung wie ein kleines Popkonzert

Als verkündet wird, dass Benjamin Tienti den Preis erhält, kennt die Begeisterung kaum Grenzen. Einige Kinder rufen laut: „Benjamin, Benjamin“. Die Atmosphäre erinnert eher an ein Popkonzert als an eine klassische Literaturveranstaltung.

Für den Autor ist dieser Empfang etwas Besonderes. Schließlich gibt es nicht allzu viele Auszeichnungen für Kinderbücher. Entsprechend stolz nimmt er den Preis entgegen. Noch wichtiger als die Trophäe dürfte für ihn jedoch die Reaktion seines jungen Publikums sein. Mehrere Hundert Kinder haben sein Buch nicht nur gelesen, sondern sich intensiv damit beschäftigt.

Benjamin Tienti bringt seine Freude darüber direkt zum Ausdruck:

„Vor so einer großen Gruppe zu stehen, die alle mein Buch gelesen haben, macht mich total fröhlich!“

Dass er die Aufmerksamkeit der Kinder schnell gewinnt, ist kein Zufall. Tienti schreibt nicht nur Kinderbücher, sondern arbeitet auch als Schulsozialarbeiter in Berlin. Er kennt den Alltag von Kindern, weiß, wie sie miteinander sprechen, und kann einschätzen, wann langes Stillsitzen zur Herausforderung wird.

Bevor er aus seinem Buch vorliest, lädt er deshalb zunächst alle dazu ein, aufzustehen, sich zu schütteln und zu hüpfen. Die Kinder machen begeistert mit. Auch die Lehrkräfte der neun beteiligten Grundschulen und die Mitglieder der Jury beteiligen sich an der Bewegungspause.

Siegerehrung mit Autor Benjamin Tienti
Autor Benjamin Tienti (Mitte) freut sich über den Siegener Kinderbuchpreis. Neben den begeisterten Kindern gratulierten (von links): Prof. Dr. Daniel Stein und Dr. Barbara Müller-Naendrup von der Universität Siegen, Dr. Gisela Labenz von der Bürgerstiftung Siegen und Susanne El Hachimi-Schreiber von der Siegener Zeitung. © Carsten Schmale/Uni Siegen

Kinder entscheiden selbst, welche Geschichte gewinnt

Der Siegener Kinderbuchpreis unterscheidet sich in einem wesentlichen Punkt von vielen anderen Literaturauszeichnungen: Nicht ausschließlich Erwachsene oder Fachleute wählen das Gewinnerbuch aus. Die entscheidenden Stimmen kommen von den Kindern.

Zunächst wählt eine ehrenamtliche Jury aus aktuellen Neuerscheinungen drei Kinderbücher aus. Danach lesen vierte Klassen alle nominierten Bücher. Die Kinder besprechen die Geschichten, beurteilen sie und wählen schließlich ihren persönlichen Favoriten. Ihre Einschätzungen geben sie an die Jury weiter, in der ebenfalls Kinder vertreten sind. Dadurch werden die jungen Leserinnen und Leser nicht nur zum Publikum einer Preisverleihung. Sie übernehmen eine aktive Rolle und entscheiden mit, welche Geschichte ausgezeichnet wird.

Dr. Jana Mikota ist Wissenschaftlerin und Expertin für Kinder- und Jugendliteratur an der Universität Siegen. Bei der Preisverleihung richtet sie ihren Dank deshalb vor allem an die Kinder:

„Der größte Dank geht an Euch, denn Ihr habt fleißig gelesen, heiß diskutiert und abgestimmt.“

Die Kinder zeigen mit ihrer Entscheidung, welche Geschichten sie fesseln, welche Figuren sie interessieren und welche Sprache sie als glaubwürdig empfinden.


Eine Heldin mitten im Berliner Mietshaus

Im Mittelpunkt von „Wer schnappt Ronaldo?“ steht Nivin. Ihre Lebenswelt hat zunächst wenig mit der idyllischen Villa Kunterbunt zu tun. Die Geschichte spielt im Alltag eines Berliner Mietshauses.

Dr. Gisela Labenz von der Bürgerstiftung Siegen erkennt dennoch eine Verbindung zwischen Nivin und einer der bekanntesten Kinderbuchfiguren überhaupt. Ihre eigene Heldin aus Kindertagen war Pippi Langstrumpf. Nivin und Pippi seien sich trotz ihrer unterschiedlichen Lebenswelten ähnlich. Beide Figuren seien mutig, stark, klug und lebenslustig. Für Labenz ist der Siegener Kinderbuchpreis ein „Herzensprojekt“. Bücher, sagt sie, machten glücklich.

Dieser Gedanke wird im Hörsaal beinahe körperlich spürbar. Die Kinder halten ihre Bücher in den Händen, lesen während der Veranstaltung mit und reagieren unmittelbar auf die Geschichte. Vielen Exemplaren sieht man an, dass sie bereits häufig geöffnet und durchgeblättert wurden.


Warum in diesem Kinderbuch auch „böse Wörter“ vorkommen

Die Kinder loben „Wer schnappt Ronaldo?“ als spannend und cool. Gleichzeitig fällt ihnen auf, dass die Figuren darin Wörter verwenden, die Erwachsene vermutlich als unhöflich oder unangemessen bezeichnen würden. Für Benjamin Tienti gehört diese Sprache bewusst zur Geschichte. Er möchte Kindern keine künstliche Welt präsentieren, die mit ihrem tatsächlichen Alltag wenig zu tun hat. Der Autor erklärt:

„Ihr fragt, warum es böse Wörter gibt, in meiner Geschichte. Weil man diese Wörter auf jedem Schulhof hört, weil Kinder sie eben benutzen.“

Die Figuren sollen so sprechen, wie Kinder tatsächlich sprechen können. Dadurch wirkt die Geschichte nah an ihrer Lebenswelt. Tienti nimmt sein Publikum ernst und versucht nicht, den Alltag zu beschönigen. Gerade das scheint bei vielen jungen Leserinnen und Lesern anzukommen. Sie erkennen Situationen, Ausdrucksweisen und Konflikte wieder. Das Buch begegnet ihnen nicht von oben herab, sondern erzählt auf Augenhöhe.


Lesen, zuhören und trotzdem nicht stillsitzen müssen

Während Benjamin Tienti weitere Kapitel vorliest, beobachtet er sein Publikum aufmerksam. Er lässt seinen Blick immer wieder durch den großen Hörsaal wandern. Werden die Kinder unruhig? Können sie noch folgen? Hören auch jene zu, die ganz hinten sitzen?

Die Antwort fällt eindeutig aus: Die Kinder sind weiterhin dabei. Viele verfolgen den Text in ihren eigenen Büchern und lesen mit. Tienti reagiert darauf in seinem Berliner Tonfall: „Ihr hört sehr gut zu. Da kann ich noch ein Kapitel lesen, wa?“

Diese Szene zeigt, dass eine Lesung für Kinder nicht steif oder förmlich sein muss. Bewegung, direkte Ansprache und ein aufmerksamer Blick auf die Bedürfnisse des Publikums schaffen eine Atmosphäre, in der Kinder gerne zuhören.


Ein Projekt, das immer mehr Kinder erreicht

Der Siegener Kinderbuchpreis wird gemeinsam von der Universität Siegen, der Bürgerstiftung Siegen und der Siegener Zeitung vergeben. Inzwischen findet die Auszeichnung zum zweiten Mal statt. Dr. Barbara Müller-Naendrup, Prorektorin für Lehrkräfte, Weiterbildung und Nachhaltigkeit, hebt bei der Veranstaltung hervor, welche Dynamik das Projekt entwickelt hat. Die Zahl der teilnehmenden Kinder habe sich im Vergleich zur ersten Durchführung nahezu verdoppelt.

Eine wichtige Voraussetzung für die Teilnahme schafft die Bürgerstiftung Siegen. Sie ermöglicht es, allen Kindern die nominierten Bücher zur Verfügung zu stellen. Dadurch können sämtliche beteiligten Klassen die Geschichten lesen und sich eine eigene Meinung bilden. Das Projekt verbindet auf diese Weise Leseförderung mit echter Beteiligung. Die Kinder erhalten nicht einfach eine Buchempfehlung von Erwachsenen. Sie vergleichen mehrere Geschichten und begründen selbst, welche davon sie am meisten überzeugt.


Wenn die eigene Meinung wirklich zählt

Kinder zum Lesen zu motivieren, bedeutet nicht nur, ihnen Bücher hinzulegen. Begeisterung kann besonders dann entstehen, wenn sie mitreden, diskutieren und Entscheidungen treffen dürfen. Beim Siegener Kinderbuchpreis erleben die teilnehmenden Klassen, dass ihre Einschätzungen ernst genommen werden. Am Ende gewinnt tatsächlich jenes Buch, für das die Mehrheit der Kinder gestimmt hat.

Die jungen Leserinnen und Leser beurteilen dabei nicht nach literaturwissenschaftlichen Kriterien. Sie fragen, ob eine Geschichte spannend ist, ob die Sprache glaubwürdig klingt und ob sie wissen möchten, wie es weitergeht. Genau darin liegt die besondere Stärke ihrer Rückmeldungen. Kinder zeigen unmittelbar, welche Bücher sie erreichen. Sie benennen, was sie lustig, aufregend, ungewöhnlich oder vielleicht auch irritierend finden.

Dieser Austausch kann auch zu Hause oder in der Schule wertvoll sein. Statt nach dem Lesen lediglich zu fragen, ob ein Buch gefallen hat, können Erwachsene genauer nachhaken: Welche Figur war besonders interessant? Welche Stelle hat überrascht? Was war lustig oder ungerecht? Und hätte das Kind die Geschichte anders enden lassen? So wird aus dem Lesen ein Gespräch, in dem es nicht um richtige oder falsche Antworten geht.

Buchtipp: Wer schnappt Ronaldo?

Wer schnappt Ronaldo? Kopfgeld auf ein Chamäleon
Spannendes und witziges Kinderbuch ab 9 Jahren zum Thema finanzielle & soziale Ungleichheit

Nivin und Linus träumen beide vom großen Geld – allerdings aus sehr unterschiedlichen Gründen. Nivin lebt mit ihrer Familie in einer viel zu kleinen Wohnung und sie braucht das Geld für ein eigenes Zimmer. Der wohlhabende Linus hingegen möchte sich seinen Wunsch nach einem Pony erfüllen. Als die beiden Kinder Suchplakate für ein entlaufenes Chamäleon mit einem hohen Finderlohn entdecken, ist ihnen klar: Sie müssen das Tier finden. Auch wenn sie erst Konkurrenten sind, Nivin und Linus merken schnell, dass sie kooperieren müssen, um das kleine Tier im Berliner Großstadtdschungel aufzuspüren. Die Suche entwickelt sich zu einem spannenden Sommer-Abenteuer, bei dem die zwei nicht nur spannende Orte entdecken und auf schräge Charaktere treffen, sondern bei dem sich – trotz unterschiedlicher sozialer Herkünfte – eine wahre Freundschaft entwickelt.


Quelle: idw-online.de

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Hier plaudert Birgit, alias Mutti, 40+, seit 2009 aus dem Nähkästchen: Authentizitäts-Freak, selbstbewusst grauhaarig, kreativ angehaucht, völlig unperfekte Mutter. Familienblog aus dem Leben mit zwei Jungs - Mutter allein unter Männern. Mehr über Muttis Nähkästchen: About. Nix verpassen? Folgt mir via Social Media oder Newsletter.

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