Schon in der Grundschule beginnen viele Kinder, sich innerlich von Technik zu verabschieden. Nicht, weil sie kein Talent hätten – sondern weil ihnen weniger zugetraut wird. Eine aktuelle Studie zeigt, dass gerade in Technik und Informatik Erwartungen eine entscheidende Rolle spielen. Besonders beunruhigend: Die stärksten Zweifel kommen nicht von erfahrenen Lehrkräften, sondern von jenen, die Kinder künftig unterrichten sollen.
Wie früh diese Weichen gestellt werden, warum sie oft unbemerkt bleiben – und was Familien dagegen tun können, bevor Interesse leise verschwindet, liest du in diesem Beitrag.
Inhaltsverzeichnis
- „Das ist nichts für Mädchen!“ Wie frühe Zweifel Kinder für Technik verlieren lassen
- Erwartungen wirken – selbst dann, wenn niemand sie ausspricht
- Mädchen können Mathe. Aber Technik traut man ihnen weniger zu
- Besonders beunruhigend: Angehende Lehrkräfte zweifeln stärker
- Warum das gerade in der Grundschule so folgenschwer ist
- Was Familien auffangen können – und warum das so wichtig ist
- Klare Konsequenzen für Ausbildung und Unterricht
- Ein Gedanke zum Schluss

„Das ist nichts für Mädchen!“
Wie frühe Zweifel Kinder für Technik verlieren lassen
Ein Kind sitzt am Küchentisch. Vor ihm liegen Schrauben, Kabel, ein altes Radio. Es wird aufgeschraubt, ausprobiert, wieder zusammengesetzt. Die Stirn gerunzelt, die Augen wach.
„Wie funktioniert das?“
Ein paar Jahre später ist diese Frage verstummt.
Nicht, weil das Interesse verschwunden wäre. Sondern, weil es leise überlagert wurde. Von Blicken. Von unausgesprochenen Erwartungen. Von Zweifeln, die nicht laut, aber wirksam waren.
Eine aktuelle Studie des Leibniz-Instituts für Bildungsforschung und Bildungsinformation (DIPF) zeigt, wie genau das geschieht. Und warum vor allem Mädchen schon in der Grundschule beginnen, Technik und Informatik innerlich loszulassen.
Erwartungen wirken – selbst dann, wenn niemand sie ausspricht
Kinder spüren sehr früh, was Erwachsene ihnen zutrauen. Sie hören es nicht nur in Worten, sondern lesen es zwischen den Zeilen. Wer häufiger ermutigt wird, bleibt dran. Wer seltener angesprochen wird, zweifelt schneller an sich.
Genau hier setzt die Forschung des DIPF an. In zwei aufeinander aufbauenden Studien wurden Grundschullehrkräfte und Lehramtsstudierende gebeten einzuschätzen, wie kompetent Mädchen und Jungen typischerweise in den MINT-Bereichen sind. Bewertet wurden Mathematik, Naturwissenschaften, Technik und Informatik – jeweils getrennt nach Geschlecht.
Es ist das erste Mal, dass mehrere MINT-Domänen einzeln untersucht wurden. Und genau das macht die Ergebnisse so aufschlussreich.
Mädchen können Mathe.
Aber Technik traut man ihnen weniger zu
Das zentrale Ergebnis ist eindeutig: Sowohl Lehrkräfte als auch angehende Lehrkräfte schrieben Jungen in allen MINT-Fächern höhere Kompetenzen zu als Mädchen. Doch das Ausmaß dieser Unterschiede variierte deutlich je nach Fach.
In Mathematik und Naturwissenschaften fielen die Unterschiede vergleichsweise gering aus. Teilweise wurden Mädchen und Jungen ähnlich eingeschätzt.
Ganz anders zeigte sich das Bild in Technik und Informatik. Hier war die Erwartungslücke besonders groß. Mädchen wurde deutlich weniger zugetraut als Jungen. Und zwar ganz unabhängig von tatsächlichen Leistungen.
Oder, wie es Prof. Dr. Hanna Beißert, Leiterin des Arbeitsbereichs „Heterogenität und Bildung“ am DIPF, zusammenfasst:
Stereotype Erwartungen gegenüber Mädchen bestehen vor allem in den MINT-Domänen Technik und Informatik – und sie sind dort besonders hartnäckig.
Besonders beunruhigend: Angehende Lehrkräfte zweifeln stärker
Ein Befund der zweiten Studie wirkt besonders nach. Denn ausgerechnet Lehramtsstudierende, also jene, die Kinder künftig begleiten und fördern sollen, gingen von größeren Kompetenzunterschieden zwischen Mädchen und Jungen aus als erfahrene Lehrkräfte.
Die Erklärung liegt nahe: Wer noch wenig Praxiserfahrung hat, greift stärker auf gesellschaftliche Bilder zurück. Wer viele Kinder erlebt hat, weiß, wie wenig diese Bilder tragen. Erfahrene Lehrkräfte scheinen durch den Schulalltag zu lernen, dass Technikinteresse und technische Fähigkeiten nicht vom Geschlecht abhängen, sondern von Förderung, Übung und Zutrauen.
Dass angehende Lehrkräfte dennoch besonders starke Stereotype zeigen, macht deutlich, wie wichtig frühe Sensibilisierung ist.
Warum das gerade in der Grundschule so folgenschwer ist
Die Grundschule ist kein neutraler Ort. Sie ist ein Raum, in dem Kinder ihr Selbstbild formen. In dem sie lernen, worin sie „gut“ sind. Und worin vielleicht eher nicht.
Auch wenn Technik und Informatik dort meist keine eigenständigen Fächer sind, werden sie im Sachunterricht vorbereitet. Genau hier entstehen erste Einstellungen, erste Selbstzuschreibungen, erste Zweifel.
Wenn Kinder in dieser Phase spüren, dass ihnen in bestimmten Bereichen weniger zugetraut wird, wirkt das langfristig. Interesse wird vorsichtiger. Fragen werden seltener. Neugier zieht sich zurück.
Nicht aus Desinteresse. Sondern aus Selbstschutz.
Was Familien auffangen können – und warum das so wichtig ist
Familien können diese stillen Rückzüge oft abfedern. Nicht durch Leistungsdruck, sondern durch Haltung. Kinder brauchen Erwachsene, die Interesse ernst nehmen, auch wenn etwas nicht sofort gelingt. Die Rückschläge nicht als Beweis für Untalent deuten, sondern als Teil eines Lernprozesses.
Ein Kind, das hört: „Das ist schwierig, aber du kannst das lernen“, bleibt dran.
Ein Kind, das hört (oder spürt): „Das liegt dir halt nicht“, geht.
Gerade in Technik und Informatik entscheidet oft nicht Fähigkeit, sondern ermutigende Begleitung.
So werden auch Mädchen in Technik richtig gut!
Klare Konsequenzen für Ausbildung und Unterricht
Aus Sicht des DIPF ergeben sich aus den Studien deutliche Handlungsbedarfe. Lehramtsausbildung und Fortbildungen sollten geschlechtsspezifische Stereotype gezielt thematisieren und angehenden Lehrkräften Raum zur Reflexion bieten. Entscheidend ist dabei, nicht pauschal über „MINT“ zu sprechen, sondern die einzelnen Domänen differenziert zu betrachten.
Denn während sich viele Fördermaßnahmen auf Mathematik konzentrieren, legen die Ergebnisse nahe, dass vor allem Technik und Informatik stärker in den Fokus rücken müssen. Das gilt ausdrücklich auch für den Grundschulbereich.
Darüber hinaus empfiehlt Prof. Beißert, Unterrichtsmaterialien diverser zu gestalten. Gerade in Arbeitsblättern finden sich noch häufig stereotype Darstellungen. Bilder, Beispiele und Geschichten, in denen Mädchen und Frauen selbstverständlich als Tüftlerinnen, Programmiererinnen oder Ingenieurinnen vorkommen, können einen wichtigen Gegenakzent setzen. Und auch die Sprache beeinflusst die kindliche Wahrnehmung von Berufen!
Ein Gedanke zum Schluss
Vielleicht sitzt gerade jetzt irgendwo ein Kind am Tisch. Ein Mädchen versucht sich in Technik. Es schraubt, probiert, denkt nach. Vielleicht fragt es sich – leise –, ob diese Neugier berechtigt ist. Ob es „darf“, sich für Technik zu interessieren. Ob es gut genug ist.
Was dieses Kind braucht, ist kein besonderes Talent.
Es braucht Erwachsene, die sagen – und zeigen:
„Du darfst das. Und du kannst es lernen.“
Quelle: Fink, K., Weiß, H., McGuire, L., Mulvey, K. & Beißert, H. (2025). Teachers’ and pre-service teachers’ (stereotypical) expectations regarding children’s competencies in different STEM fields. Zeitschrift für Erziehungswissenschaft, 28, 1103–1122. https://doi.org/10.1007/s11618-025-01352-w
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