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Vorwürfe, Distanz, Kontaktabbruch: Warum Geschwister dieselbe Kindheit ganz anders erleben

Vorwürfe, Distanz, Kontaktabbruch: Warum Geschwister dieselbe Kindheit ganz anders erleben

Eigentlich ist nur ein Besuch bei den Eltern geplant. Trotzdem bist du schon Tage vorher angespannt, am Tisch ständig auf der Hut und danach völlig erschöpft. Woher kommt diese Reaktion? Entwicklungspsychologin Prof. Dr. Julia Zwank erklärt, warum unser Körper alte Beziehungserfahrungen erstaunlich lange speichern kann, weshalb es dafür nicht immer das eine dramatische Ereignis braucht, deine Geschwister die Situation ganz anders sehen und was sich verändert, wenn wir selbst Eltern werden.

Vielleicht kennst du das: Ein Familienfest steht bevor, die Eltern haben zum Essen eingeladen oder der nächste Besuch bei den Großeltern ist geplant. Objektiv betrachtet passiert erst einmal nichts Besonderes. Trotzdem merkst du schon vorher, dass dein Körper reagiert. Du bist gereizt, unruhig oder angespannt. Beim Treffen beobachtest du jede Bemerkung, jeden Blick und jede Veränderung der Stimmung. Wieder zu Hause bist du vor allem eines: erschöpft. Häufig stellt sich eine quälende Frage: Warum reagiere ich eigentlich so stark?

Prof. Dr. Julia Zwank, Professorin für Entwicklungs- und Wirtschaftspsychologie an der SRH Fernhochschule, beschäftigt sich mit den psychischen und körperlichen Folgen belastender Beziehungserfahrungen. Sie erklärt, dass Reaktionen im Erwachsenenalter eng damit zusammenhängen können, was ein Mensch in einer Beziehung über viele Jahre gelernt hat.

Dabei geht es nicht nur um Kontaktabbrüche. Es geht zunächst um etwas viel Grundsätzlicheres: darum, warum Nähe zu bestimmten Menschen Stress auslösen kann, warum viele kleine Verletzungen langfristig bedeutsam werden können und weshalb zwei Geschwister auf dieselbe Kindheit völlig unterschiedlich zurückblicken.


Vorwürfe, Distanz, Kontaktabbruch: Warum Geschwister dieselbe Kindheit ganz anders erleben


Wenn der sichere Hafen selbst Stress auslöst

Kinder sind darauf angewiesen, bei ihren Bezugspersonen Sicherheit und Schutz zu finden. Genau darin liegt ein grundlegendes Problem, wenn dieselben Menschen gleichzeitig Angst, Anspannung oder Unsicherheit verursachen.

Zwank beschreibt diesen Widerspruch mit einem eindrücklichen Bild:

„Das ist das eigentlich Grausame daran. Ein Kind ist von Natur aus darauf angelegt, bei seinen Eltern Schutz zu suchen; sie sind der Hafen, in den es bei jedem Sturm zurückkehrt. Was aber, wenn dieser Hafen selbst der Sturm ist? Dann steckt das kindliche Gehirn in einem Widerspruch, den es nicht auflösen kann.“

Die Bindungsforschenden Mary Main und Erik Hesse beschrieben diesen Konflikt als „fright without solution“, also als Angst ohne Ausweg. Das Kind sucht ausgerechnet bei der Person Schutz, die gleichzeitig sein Alarmsystem aktiviert.

Unter anhaltendem Stress passt sich der Körper an. Die Stressreaktion wird aktiviert, Wachsamkeit kann zur Gewohnheit werden und das Kind versucht häufig, Konflikte zu vermeiden, sich anzupassen oder möglichst wenig Angriffsfläche zu bieten. Hält eine solche Belastung über längere Zeit an, kann sie die weitere Entwicklung beeinflussen. Die von Zwank angeführte Forschung zu toxischem Stress und belastenden Kindheitserfahrungen zeigt, dass frühe Belastungen noch im Erwachsenenalter mit gesundheitlichen Folgen verbunden sein können.

Das bedeutet allerdings nicht, dass hinter jeder schwierigen Kindheit böse Absicht steckt. Zwank betont einen entscheidenden Unterschied:

„Natürlich sollten Eltern der sichere Hafen sein. Dass es vielen nicht durchgehend gelingt, hat selten mit Bosheit zu tun. Nur registriert das kindliche Nervensystem eben nicht die Absicht, sondern die Wirkung.“


Warum der Körper Jahre später noch reagiert

Genau das kann erklären, warum eine längst erwachsene Person beim Gedanken an ein Treffen mit den Eltern plötzlich wieder nervös wird.

Zwank berichtet von einer Frau, die ihr nach einem Vortrag erzählte:

„Mir wird schon drei Tage vor dem Geburtstagskaffee bei meinen Eltern schlecht. Am Tisch bin ich in Habachtstellung, abends bin ich zerstört. Stimmt etwas nicht mit mir?“

Nach Zwanks Erklärung hat der Körper in solchen Situationen möglicherweise schlicht sehr gut gelernt. Er hat bestimmte Personen, Stimmen, Situationen oder Stimmungen irgendwann mit erhöhter Wachsamkeit verknüpft. Dieses Erfahrungswissen müsse nicht bewusst abrufbar sein.

Zwank vergleicht die Reaktion mit einem Rauchmelder. Wurde er auf bestimmte Muster eingestellt, reagiert er darauf sehr schnell. Ob tatsächlich gerade etwas Gefährliches passiert, wird nicht erst lange analysiert. So könne Anspannung schon auf dem Weg zum Treffen beginnen, während des Besuchs anhalten und anschließend in tiefe Erschöpfung münden.

Vielleicht erklärt das auch ein Phänomen, das für Außenstehende schwer nachvollziehbar sein kann: Beim Familientreffen fällt kein böses Wort und trotzdem fühlt sich die Situation für eine beteiligte Person enorm belastend an.

Denn unser Erleben einer Beziehung besteht nicht nur aus dem, was in diesem einen Moment passiert.


„Es waren doch nur Worte“

Nicht jede Verletzung hinterlässt sichtbare Spuren. Wiederkehrende Abwertungen, Beschämungen, Sarkasmus oder verbale Angriffe können ebenfalls bedeutsam sein.

Kinder entwickeln ihr Bild von sich selbst wesentlich darüber, was ihnen wichtige Bezugspersonen spiegeln. Wer immer wieder hört, zu laut, zu empfindlich, zu schwierig oder eine Enttäuschung zu sein, kann solche Botschaften irgendwann in das eigene Selbstbild übernehmen.

Zwank formuliert es so:

„Und deshalb schrumpft der erwachsene Mensch im Wohnzimmer seiner Eltern nicht, weil dort real Gefahr droht, sondern weil das Kind von früher innerlich mit am Tisch sitzt.“

Forschung zu elterlicher verbaler Aggression unterstützt die Annahme, dass Worte keineswegs grundsätzlich harmlos sind. Eine Studie von Martin Teicher und Kolleg untersuchte beispielsweise die Zusammenhänge verschiedener Formen von Misshandlung mit psychischen Symptomen bei jungen Erwachsenen. Weitere bildgebende Studien fanden bei jungen Erwachsenen mit hoher Belastung durch elterliche verbale Aggression Unterschiede in bestimmten Nervenbahnen beziehungsweise Hirnregionen. Diese Studien zeigen Zusammenhänge und sollten nicht so verstanden werden, dass einzelne abwertende Sätze zwangsläufig bestimmte Veränderungen verursachen.

Entscheidend ist häufig die Wiederholung.

Zwank weist deshalb besonders auf die vermeintlich „leisen“ Formen hin: ständige Abwertung, Bloßstellung, verletzender Sarkasmus oder Gesten, die dem Kind vermitteln, falsch zu sein.

„Aus ‚Ich habe etwas falsch gemacht‘ wird ‚Ich bin falsch‘.“

Gerade der Satz „Es waren doch nur Worte“ gehört für sie deshalb zu den folgenreichen Irrtümern im Umgang mit Erziehung.


Es braucht nicht immer das eine große Ereignis

Wenn Familien über einen späteren Konflikt sprechen, suchen sie häufig nach dem Auslöser. Was ist damals passiert? Welcher Streit war entscheidend? Wann hat sich alles verändert?

Doch vielleicht gibt es auf diese Frage gar keine einfache Antwort.

Zwank verwendet dafür ein starkes Bild: Erosion statt Erdbeben.

„Wir stellen uns seelische Verletzung als Erdbeben vor, als den einen dramatischen Moment. Meistens ist es aber Erosion, der Tropfen, der über Jahre denselben Stein aushöhlt.“

Eine einzelne verletzende Bemerkung erklärt dann die heutige Distanz genauso wenig wie ein einzelner Regentropfen einen ausgehöhlten Stein erklärt. Entscheidend ist die Summe.

Das kann auch erklären, warum sich Eltern und erwachsene Kinder in ihrer Einschätzung so stark unterscheiden. Eltern erinnern sich möglicherweise an einzelne Situationen und denken: So schlimm war diese eine Bemerkung doch nicht. Das erwachsene Kind erinnert sich dagegen an das Klima der Beziehung.

Zwank beschreibt genau diese unterschiedliche Erinnerung:

„Das Nervensystem legt diese vielen kleinen Kränkungen nicht als Liste einzelner Vorfälle ab, sondern als Grundstimmung einer Beziehung.“

Dadurch fehlt manchmal jener eine Vorfall, auf den jemand zeigen und sagen könnte: Das war der Grund. Nach Zwanks Einschätzung bedeutet das aber nicht automatisch, dass es keinen Grund gab.

Auch der Soziologe Karl Pillemer beschreibt familiäre Entfremdung in seinem Buch Fault Lines als einen Prozess, der nicht auf einen einzigen Moment reduziert werden kann. Das Buch basiert unter anderem auf seinem langjährigen Forschungsprojekt zu familiärer Entfremdung und Versöhnung.


Aber mein Bruder erinnert sich ganz anders

Eine zusätzliche Schwierigkeit entsteht, wenn Geschwister völlig unterschiedliche Geschichten über dieselbe Familie erzählen.

„Bei uns war es doch schön.“
„So war Mama überhaupt nicht.“
„Das bildest du dir ein.“

Solche Aussagen können die eigene Wahrnehmung zusätzlich ins Wanken bringen. Allerdings müssen unterschiedliche Erinnerungen nicht zwangsläufig bedeuten, dass eine Person die Wahrheit sagt und die andere lügt.

Erinnerung ist keine Videoaufnahme. Wie wir eine Situation abspeichern, hängt unter anderem davon ab, wie wir sie erlebt haben. Zudem haben Geschwister unterschiedliche Temperamente, befinden sich in verschiedenen Rollen und erleben ihre Eltern in unterschiedlichen Lebensphasen.

Zwank bringt das auf einen zugespitzten Satz:

„Geschwister wachsen streng genommen gar nicht in derselben Familie auf.“

Die Forschung von Robert Plomin und Denise Daniels prägte in diesem Zusammenhang den Begriff der „nicht geteilten Umwelt“. Gemeint sind Umwelteinflüsse, die dazu beitragen, dass sich Geschwister trotz gemeinsamer Familie unterschiedlich entwickeln.

Ein erstgeborenes Kind erlebt beispielsweise andere Eltern als das dritte Kind einige Jahre später. Dazu kommen unterschiedliche Rollen, Erwartungen und individuelle Reaktionen der Eltern auf jedes Kind.

Zwank fasst zusammen:

„So können zwei Menschen beide bei der Wahrheit bleiben und trotzdem zwei verschiedene Kindheiten erzählen.“


Unsere Eltern bringen ihre eigene Geschichte mit

Wer beginnt, die eigene Kindheit kritisch zu betrachten, landet irgendwann beinahe zwangsläufig bei der nächsten Generation zurück: Wie sind eigentlich meine Eltern aufgewachsen?

Auch sie haben Bindung, Konflikte, Nähe und Erziehung irgendwo gelernt.

Eine Metaanalyse des Bindungsforschers Marinus van IJzendoorn zeigte bereits 1995 einen deutlichen Zusammenhang zwischen den Bindungsrepräsentationen von Eltern und der Bindung ihrer Kinder.

Das hilft zu verstehen, warum sich bestimmte Muster über Generationen fortsetzen können. Es verändert allerdings nicht automatisch ihre Wirkung.

Zwank formuliert deshalb eine wichtige Unterscheidung:

„Die Geschichte der Eltern erklärt ihr Verhalten, sie entschuldigt es nicht. Und die Wunden der Eltern zu heilen, ist nicht Aufgabe des Kindes. Verstehen darf Frieden bringen, ganz ohne, dass daraus wieder Nähe werden muss.“

Das ist gerade im Familienkontext ein wichtiger Gedanke. Wir können nachvollziehen, warum jemand bestimmte Verhaltensweisen entwickelt hat, ohne deshalb alles akzeptieren zu müssen.


Wenn die eigene Elternschaft plötzlich alles verändert

Für viele Menschen verändert sich der Blick auf die eigene Kindheit noch einmal grundlegend, wenn sie selbst Kinder bekommen.

Plötzlich hältst du ein weinendes Baby im Arm. Du erlebst ein Kleinkind, das völlig außer sich ist. Dein Schulkind macht einen Fehler, dein Teenager widerspricht dir. Und während du versuchst, damit umzugehen, taucht manchmal unerwartet die eigene Vergangenheit auf.

Zwank beobachtet dabei sehr unterschiedliche Reaktionen.

„Für viele ist es der Moment, in dem das Bild plötzlich schärfer wird: Wenn man das eigene weinende, wütende, anhängliche Kind im Arm hält, spürt man sehr unmittelbar, was so ein kleiner Mensch braucht, und begreift oft im selben Atemzug, wie viel man selbst gebraucht hätte.“

Manche werden dadurch verständnisvoller gegenüber den eigenen Eltern, weil sie zum ersten Mal erleben, wie fordernd Elternschaft sein kann. Andere reagieren genau umgekehrt. Sie erleben bestimmte Situationen mit ihrem eigenen Kind und fragen sich plötzlich, weshalb ihre Eltern damals so anders gehandelt haben.

Beides kann sogar gleichzeitig passieren: mehr Verständnis für die Überforderung der Eltern und gleichzeitig Trauer darüber, was man selbst vermisst hat.

Die Psychoanalytikerin Selma Fraiberg und ihre Kolleginnen Edna Adelson und Vivian Shapiro beschrieben solche wiederkehrenden, unverarbeiteten Erfahrungen bereits 1975 mit dem bekannten Bild der „Gespenster im Kinderzimmer“. Gemeint sind Erfahrungen aus der eigenen Kindheit, die sich in der Beziehung zum eigenen Kind wieder bemerkbar machen können.

Die entscheidende Botschaft ist dabei nicht, dass sich unsere Geschichte zwangsläufig wiederholen muss. Zwank betont vielmehr, wie wichtig Verarbeitung und Verständnis der eigenen Erfahrungen sein können:

„Wer die eigene Kindheit verstanden hat, ist deutlich freier, es anders zu machen.“


Und was bedeutet das für die Großeltern?

Sobald eigene Kinder im Spiel sind, wird die Frage noch komplizierter. Vielleicht möchtest du selbst weniger Kontakt zu deinen Eltern, gleichzeitig wünschst du deinem Kind liebevolle Großeltern. Darfst du diese beiden Beziehungen überhaupt getrennt betrachten?

Zwank empfiehlt, nicht allein auf die biologische Rolle zu schauen.

„Kinder haben ein Recht auf Sicherheit, aber keine Pflicht zu einer Beziehung, die ihnen schadet. Identität wächst nicht aus einem Titel wie ‚Oma‘ oder ‚Opa‘, sondern aus tragfähigen Beziehungen.“

Das bedeutet nicht, dass eine schwierige Eltern-Kind-Beziehung automatisch gegen jeden Kontakt zwischen Großeltern und Enkelkindern spricht. Zwank plädiert ausdrücklich für einen differenzierten Blick. Ist eine Beziehung schwierig, aber nicht verletzend, können begrenzte oder begleitete Treffen durchaus bereichernd sein.

Die entscheidende Frage lautet deshalb nicht allein: Sind diese Menschen miteinander verwandt?

Sondern: Ist diese konkrete Beziehung sicher und gut für mein Kind?


Zwischen Nähe und Kontaktabbruch liegt viel Raum

Wenn dich eine Beziehung belastet, gibt es nicht nur zwei Möglichkeiten: alles aushalten oder den Kontakt vollständig abbrechen. Dazwischen liegt ein großes Spektrum.

Du kannst bestimmte Themen ausklammern, Besuche verkürzen oder Treffen auf neutralen Boden verlegen. Kontakt kann seltener stattfinden oder zeitweise pausieren. Manchmal funktioniert schriftlicher Austausch besser als ein persönliches Gespräch. In anderen Fällen hilft es, Treffen so zu organisieren, dass du jederzeit selbst gehen kannst.

Zwank beschreibt das Ziel solcher Grenzen folgendermaßen:

„Der Sinn ist dabei nie Strafe, sondern die kleinstmögliche Distanz, bei der man sich selbst noch treu bleibt. Nicht selten rettet eine klare Grenze sogar die Beziehung, die ein Abbruch beendet hätte.“

Damit verschiebt sich die entscheidende Frage. Es geht nicht nur darum, ob Kontakt besteht, sondern auch darum, unter welchen Bedingungen dieser Kontakt möglich ist.


Wann kann Annäherung gelingen?

Auch eine belastete Beziehung muss nicht unveränderlich bleiben. Nach Zwanks Einschätzung braucht es dafür allerdings Bewegung auf beiden Seiten. Eine Annäherung kann eher gelingen, wenn ein Elternteil Verantwortung für Verletzungen übernehmen kann, ohne sofort in Rechtfertigungen überzugehen. Ebenso wichtig ist die Bereitschaft, die Wahrnehmung des erwachsenen Kindes auszuhalten und Grenzen zu respektieren.

„Eine Beziehung, die schwierig ist, sich aber bewegt, ist die Mühe wert.“

Eine Beziehung allein aufrechtzuerhalten, funktioniert dagegen langfristig kaum:

„Eine Tür lässt sich auf Dauer nicht von einer Seite allein offenhalten.“

Karl Pillemers Forschung und sein Buch Fault Lines beschäftigen sich ebenfalls intensiv mit der Frage, unter welchen Voraussetzungen Versöhnung nach familiärer Entfremdung möglich sein kann. Ein zentraler Punkt dabei ist, dass Versöhnung nicht einfach die Rückkehr zum früheren Zustand bedeutet, sondern Veränderung voraussetzt.


Vier Fragen, die beim Sortieren helfen können

Am Ende ihrer Ausführungen schlägt Zwank vier Fragen vor, mit denen Betroffene ihre Situation betrachten können:

  1. Wurde das Verletzende klar benannt und konnte das Gegenüber überhaupt zuhören?
  2. Ist Veränderung realistisch oder wiederholt sich dasselbe Muster seit Jahren?
  3. Wurden weniger weitreichende Möglichkeiten wie Grenzen, weniger Kontakt oder eine Pause bereits ausprobiert?
  4. Geht es mir mit diesen Menschen über die Jahre betrachtet besser oder schlechter?

Gerade die letzte Frage verändert den Blick. Einzelne schöne Nachmittage oder besonders schwierige Feiertage müssen nicht die gesamte Beziehung definieren. Entscheidend ist die längerfristige Bilanz.

Dauerhafter Stress ist schließlich nicht nur unangenehm. Die Stressforschung beschreibt mit dem Begriff der allostatischen Last den körperlichen Verschleiß, der durch wiederholte oder chronische Aktivierung von Stresssystemen entstehen kann. Der Neurowissenschaftler Bruce McEwen erläuterte dieses Konzept bereits 1998 im New England Journal of Medicine.


Familie ist mehr als biologische Nähe

Familiäre Beziehungen sind selten eindeutig. Wir können unsere Eltern lieben und trotzdem Abstand brauchen. Wir können verstehen, woher bestimmte Verhaltensweisen kommen, ohne sie gutzuheißen. Wir dürfen schöne Erinnerungen haben und gleichzeitig anerkennen, dass andere Erfahrungen wehgetan haben.

Vielleicht ist gerade deshalb die Suche nach einer einzigen Wahrheit so schwierig.

Die Forschung zeigt zudem, dass Entfremdung zwischen erwachsenen Kindern und Eltern keineswegs ein seltenes Phänomen ist. Eine deutsche Langzeitstudie von Oliver Arránz Becker und Karsten Hank wertete zehn Erhebungswellen des German Family Panel mit mehr als 10.000 Befragten aus. Rund 20 Prozent erlebten im Untersuchungszeitraum zumindest zeitweise eine Entfremdung von ihrem Vater, bei der Mutter waren es neun Prozent. Als Entfremdung galt dabei fehlender Kontakt oder seltener Kontakt in Kombination mit geringer emotionaler Nähe.
Das erklärt nicht die einzelne Familiengeschichte. Es zeigt aber, dass schwierige Beziehungen zwischen erwachsenen Kindern und ihren Eltern viele Familien betreffen.

Vielleicht hilft deshalb weniger die Frage: „Wer hat recht?“

Hilfreicher könnte sein: Was hat diese Beziehung mit den beteiligten Menschen gemacht, was macht sie heute mit ihnen und kann sich daran tatsächlich etwas verändern?

Zwank fasst den Blick auf einen Kontaktabbruch am Ende sehr eindringlich zusammen:

„Ein Kontaktabbruch ist fast nie der Anfang eines Konflikts. Er ist das Ende eines jahrelangen, unbeantworteten Rufes nach Veränderung. Wer ihn wählt, kündigt nicht die Liebe. Er zieht die Konsequenz aus einer Antwort, die nie kam.“


Quellen und Literatur:

  • „(Nicht) von schlechten Eltern? – Über die Gründe für den Kontaktabbruch erwachsener Kinder“, SRH Fernhochschule – The Mobile University, mit Aussagen von Prof. Dr. Julia Zwank. Via idw-online.de
  • Arránz Becker, O. & Hank, K. (2022). Adult children’s estrangement from parents in Germany. Journal of Marriage and Family, 84(1), 347–360. DOI: 10.1111/jomf.12796.
  • Choi, J., Jeong, B., Rohan, M. L., Polcari, A. M. & Teicher, M. H. (2009). Preliminary evidence for white matter tract abnormalities in young adults exposed to parental verbal abuse. Biological Psychiatry, 65(3), 227–234. DOI: 10.1016/j.biopsych.2008.06.022.
  • McEwen, B. S. (1998). Protective and damaging effects of stress mediators. New England Journal of Medicine, 338(3), 171–179. DOI: 10.1056/NEJM199801153380307.
  • Plomin, R. & Daniels, D. (2011). Why are children in the same family so different from one another? International Journal of Epidemiology, 40(3), 563–582. DOI: 10.1093/ije/dyq148.
  • Shonkoff, J. P., Garner, A. S., Committee on Psychosocial Aspects of Child and Family Health, Committee on Early Childhood, Adoption, and Dependent Care & Section on Developmental and Behavioral Pediatrics (2012). The lifelong effects of early childhood adversity and toxic stress. Pediatrics, 129(1), e232–e246. DOI: 10.1542/peds.2011-2663.
  • Teicher, M. H., Samson, J. A., Polcari, A. & McGreenery, C. E. (2006). Sticks, stones, and hurtful words: Relative effects of various forms of childhood maltreatment. American Journal of Psychiatry, 163(6), 993–1000. DOI: 10.1176/ajp.2006.163.6.993.
  • Tomoda, A., Sheu, Y.-S., Rabi, K., Suzuki, H., Navalta, C. P., Polcari, A. & Teicher, M. H. (2011). Exposure to parental verbal abuse is associated with increased gray matter volume in superior temporal gyrus. NeuroImage, 54(Suppl. 1), S280–S286. DOI: 10.1016/j.neuroimage.2010.05.027.

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Hier plaudert Birgit, alias Mutti, 40+, seit 2009 aus dem Nähkästchen: Authentizitäts-Freak, selbstbewusst grauhaarig, kreativ angehaucht, völlig unperfekte Mutter. Familienblog aus dem Leben mit zwei Jungs - Mutter allein unter Männern. Mehr über Muttis Nähkästchen: About. Nix verpassen? Folgt mir via Social Media oder Newsletter.

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