Viele glauben, Narzissmus entstehe durch Erziehung. Eine neue große Studie stellt diese Annahme auf den Kopf. Was wirklich dahintersteckt, könnte den Blick auf Familien komplett verändern.
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Inhaltsverzeichnis
- Narzissmus in Familien: Warum Narzissmus oft „vererbt“ wirkt
- Die große Studie hinter den Erkenntnissen
- Narzissmus in Familien: Gene spielen eine größere Rolle als gedacht
- Was bedeutet das für Eltern?
- Der Einfluss von Freundschaften, Schule und Lebenserfahrungen
- Narzissmus ist nicht nur negativ
- Ein neuer Blick auf Familien
- Warum diese Erkenntnisse wichtig sind
- Fazit: Familie prägt. Aber anders als gedacht

Narzissmus in Familien:
Warum Narzissmus oft „vererbt“ wirkt
Vielleicht hast du es selbst schon beobachtet: In manchen Familien scheinen ähnliche Verhaltensmuster immer wieder aufzutauchen. Ein starkes Bedürfnis nach Aufmerksamkeit, ein ausgeprägtes Selbstbewusstsein oder der Wunsch nach Anerkennung. Schnell liegt der Gedanke nahe, dass die Erziehung dafür verantwortlich ist.
Genau diese Annahme stellt eine aktuelle Studie unter Beteiligung der Universität Münster nun infrage. Die Forschenden zeigen, dass Narzissmus innerhalb von Familien zwar gehäuft vorkommt, die Ursache dafür aber überwiegend genetisch ist und nicht, wie lange angenommen, im Erziehungsstil liegt.

„Unsere Ergebnisse sprechen dafür, dass Narzissmus in Familien zwar gehäuft vorkommt, diese Ähnlichkeit aber überwiegend genetisch vermittelt ist. Die verbreitete Annahme, dass das familiäre Umfeld und der Erziehungsstil der zentrale Ursprung narzisstischer Unterschiede seien, ist nicht länger haltbar.“
Prof. Dr. Mitja Back, Institut für Psychologie, Universität Münster
Das bedeutet: Auch wenn Kinder und Eltern sich ähnlich sind, liegt das nicht unbedingt daran, wie sie miteinander umgehen.
Die große Studie hinter den Erkenntnissen
Die Ergebnisse basieren auf Daten aus dem langfristigen Forschungsprojekt „TwinLife“. Insgesamt wurden 6.715 Personen untersucht. Darunter Zwillinge, Geschwister, Eltern sowie Partnerinnen und Partner.
Besonders spannend ist der Ansatz der Studie. Statt nur Zwillinge zu vergleichen, wurden ganze Familien einbezogen. Dadurch konnten genetische Einflüsse, familiäre Umgebung und individuelle Erfahrungen deutlich genauer voneinander getrennt werden als bisher. Die Teilnehmenden waren im Durchschnitt 15, 21 und 27 Jahre alt. So konnten auch unterschiedliche Lebensphasen berücksichtigt werden.
Ein Blick in die Ergebnisse zeigt ein klares Muster: Eineiige Zwillinge ähneln sich deutlich stärker im Narzissmus als zweieiige Zwillinge oder Geschwister. Genau das ist ein starkes Indiz für genetische Einflüsse.
Narzissmus in Familien:
Gene spielen eine größere Rolle als gedacht
Die Analysen zeigen ein erstaunlich klares Ergebnis. Rund 50 Prozent der Unterschiede im Narzissmus lassen sich durch genetische Faktoren erklären. Die anderen 50 Prozent gehen auf individuelle Erfahrungen zurück, die Menschen außerhalb der Familie machen. Das familiäre Umfeld, also Dinge wie Erziehungsstil, gemeinsame Werte oder soziale Bedingungen, spielt dagegen kaum eine Rolle.
Oder anders gesagt: Was Geschwister gemeinsam erleben, prägt ihre narzisstischen Persönlichkeitszüge deutlich weniger als bisher angenommen.
Diese Erkenntnis widerspricht vielen klassischen Theorien. Lange wurde vermutet, dass etwa übermäßiges Lob oder emotionale Kälte in der Kindheit entscheidend für die Entwicklung von Narzissmus sind. Die Studie zeigt nun, dass diese Faktoren zumindest nicht der zentrale Ursprung sind.
Was bedeutet das für Eltern?
Diese Ergebnisse können entlastend sein. Denn sie nehmen den Druck von Eltern, alles „richtig“ machen zu müssen, um bestimmte Persönlichkeitszüge zu verhindern. Gleichzeitig heißt das aber nicht, dass Erziehung unwichtig ist. Sie wirkt nur anders, als viele denken.
Individuelle Erfahrungen spielen nämlich weiterhin eine große Rolle. Dazu gehören Erlebnisse mit Freund:innen, in der Schule, in Beziehungen oder im späteren Berufsleben. Diese Erfahrungen sind einzigartig und unterscheiden sich selbst zwischen Geschwistern deutlich. Genau darin liegt ein wichtiger Punkt: Auch wenn Kinder im gleichen Haushalt aufwachsen, erleben sie ihre Umwelt nie identisch.
Der Einfluss von Freundschaften, Schule und Lebenserfahrungen
Die Studie lenkt den Blick weg von der Familie hin zu anderen Lebensbereichen. Wenn das familiäre Umfeld weniger Einfluss hat, rücken andere Faktoren stärker in den Fokus.
Dazu gehören zum Beispiel:
- Beziehungen zu Gleichaltrigen
- Erfahrungen in Partnerschaften
- Bildungswege
- berufliche Entwicklungen
Diese individuellen Erfahrungen tragen genauso viel zur Entwicklung von Narzissmus bei wie genetische Faktoren. Oder anders formuliert: Nicht das gemeinsame Zuhause prägt uns am stärksten, sondern die Wege, die jede Person für sich geht.
Narzissmus ist nicht nur negativ
Im Alltag wird Narzissmus oft ausschließlich negativ bewertet. Doch die Forschung zeigt ein differenzierteres Bild. Narzisstische Persönlichkeitszüge können auch positive Seiten haben. Dazu gehören Selbstbewusstsein, Durchsetzungsfähigkeit oder die Fähigkeit, Führungsrollen zu übernehmen.
Gleichzeitig kann Narzissmus aber auch zu Konflikten führen, etwa in Beziehungen oder im sozialen Miteinander. Gerade deshalb ist es wichtig, Narzissmus besser zu verstehen und nicht vorschnell zu bewerten.
Ein neuer Blick auf Familien
Die Ergebnisse der Studie verändern unseren Blick auf Familien grundlegend. Ähnlichkeiten zwischen Eltern und Kindern sind nicht automatisch das Ergebnis von Erziehung. Vielmehr zeigt sich, dass genetische Einflüsse eine zentrale Rolle spielen. Gleichzeitig bleibt Raum für individuelle Entwicklung durch persönliche Erfahrungen.
Für dich als Elternteil oder Familienmitglied kann das eine wichtige Erkenntnis sein. Du gestaltest zwar den Rahmen, aber nicht jede Eigenschaft lässt sich durch Erziehung formen.
Warum diese Erkenntnisse wichtig sind
Ein besseres Verständnis von Narzissmus hilft nicht nur im Familienalltag. Es kann auch in der Schule, im Beruf und in Beziehungen eine Rolle spielen. Wenn klarer wird, woher bestimmte Persönlichkeitszüge kommen, lassen sich Verhaltensweisen besser einordnen. Das schafft mehr Verständnis und oft auch mehr Gelassenheit.
Die Forschenden plädieren deshalb dafür, künftig stärker außerhalb des familiären Kontexts zu forschen. Denn genau dort entstehen viele der prägenden Erfahrungen.
Fazit: Familie prägt. Aber anders als gedacht
Narzissmus tritt in Familien zwar gehäuft auf, doch der Grund dafür liegt vor allem in den Genen. Das familiäre Umfeld spielt eine deutlich kleinere Rolle als lange angenommen.
Gleichzeitig bleibt die individuelle Entwicklung entscheidend. Freundschaften, Beziehungen und persönliche Erfahrungen formen die Persönlichkeit mindestens genauso stark. Das bedeutet nicht, dass Familie unwichtig ist. Aber ihr Einfluss ist komplexer und weniger direkt, als viele glauben.
Quelle: Back, M. D., Instinske, J., Rohm, T., Deppe, M., & Kandler, C. (2026). Narcissism Runs in Families Due to Genetics: An Extended Twin Family Analysis. Social Psychological and Personality Science. https://doi.org/10.1177/19485506261429556
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