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Wer braucht eigentlich noch die Schreibschrift?

Wer braucht eigentlich noch die Schreibschrift?

Schreibst du noch – oder tippst du schon?
Finnland hat die Schreibschrift abgeschafft. Seit Herbst 2016 – also jetzt – ist sie aus dem Lehrplan der Grundschulen gestrichen.

Macht das Sinn?
Oder ist die Schreibschrift besser als ihr Ruf?

Was sagt unser Lehrplan – ist die Schreibschrift wirklich Pflicht? Und wenn ja, wie streng?
Und das sagt die Forschung:

Rückblende

Damals – wir schreiben das Jahr 1986

Österreichische Schulschreibschrift 1969

An meinen ersten Schultag im Gymnasium kann ich mich noch ganz genau erinnern. Ich war entsetzt, weil der neue Klassenvorstand mit einer “Sauklaue” an die Tafel kritzelte. Vorbei die Zeit der schönschreibenden Lehrerinnen. Ich habe in der Volksschule die österreichischen Schulschrift von 1969 gelernt.

Mit der Zeit habe ich die Schrift an den (meinen) jeweiligen Zeitgeschmack angepasst und für mich optimiert. Erst war sie nach links geneigt und trug dicke Kringel als i-Punkt. Dann ging sie mehr nach rechts – wo sie heute noch ist. Das b, r und das w mach ich anders, die Schlaufen im a, d, g und o sind verschwunden. Die Großbuchstaben sehen eher wie die Druckbuchstaben aus. Während meines ERASMUS-Austauschjahres Ende der 1990-er Jahre hab ich mir von den Skandinaviern so manches hübsche Handschrift-Detail abgeschaut – beinhart geklaut.

Österreichische Schulschreibschrift 1995Heute

Meine Kinder lernen die Österreichische Schulschrift 1995. Die ist wesentlich einfacher – aber nur auf den ersten Blick. Wie so oft liegt der Hund im Detail. Beim a wird nämlich erst der Kringel gemacht und dann abgesetzt! Der Strich kommt separat. Hä?
Ich musste damals extra bei der Lehrerin nachfragen, weil mir das so widersinnig vorgekommen ist. Aber gut – Vorschrift ist Vorschrift.

(Bemerkenswert finde ich, dass man sich die Form des r offensichtlich aussuchen kann …)

Jetzt geht mein älterer Sohn ins Gymnasium. Unlängst meinte er: “Mama, die Professoren schreiben alle so wie du! Mit Schlaufen!”

Ui, und dabei dachte ich, ich wäre alle Schlaufen losgeworden … Zugegeben, ich schreibe immer noch gerne mit der Hand. Ich fange dann auch zum Kritzeln und Zeichnen an.

Und ja, damals im ERASMUS-Jahr konnte ich die Herkunft meiner Kommilitonen an der Handschrift ablesen. Briten schreiben anders als Skandinavier schreiben anders als wir. Und so weiter. Die Handschrift hat also durchaus etwas Kulturbildendes.

Schreibschrift muss sein?

Bisher lieferten sich Eltern, Lehrer und Wissenschaftler leidenschaftliche Grabenkämpfe über Sinn und Unsinn von Druckschrift und Schreibschrift in Grundschulen.

Ja, auch mein Kind kämpft mit der Handschrift … (Klar, es ist ein Junge).
Ja, und speziell für Kinder mit grapho-motorischen Schwächen ist sie eine enorme Herausforderung.

Andererseits heißt es doch, dass wir am besten mit allen Sinnen lernen – aber beinhaltet das auch die Handschrift? Oder entwickelt sich die nicht ohnehin mit der Zeit? Würde es ausreichen, nur die Druckbuchstaben zu lernen – und alles andere dem Zufall zu überlassen?



Umso erstaunlicher ist es, dass sich die Expertinnen und Experten ob Finnlands Entscheidung nun derart einig sind: Sie schlagen die Hände über dem Kopf zusammen. Der Tenor: Die Handschrift muss bleiben! Ausgerechnet der PISA-Musterschüler Finnland macht diesen “sinnbefreiten Schritt”.

Handschrift – Pflicht und Wahrheit

Aber erstmal halblang! Ist die Schreibschrift wirklich Pflicht?

In Hamburg ist das Erlernen der Handschrift keine Pflicht. Der bayerische Lehrplan erwartet am Ende des zweiten Grundschuljahres eine entsprechende Schreibkompetenz. In Österreich ist das Ziel: eine gut lesbare und flüssige Handschrift:

Die beiden Vorlagen der “Österreichischen Schulschrift” (1969, 1995) sind als Richtformen für den Anfangsunterricht in der 1. und 2. Schulstufe zu verstehen. In den folgenden Schuljahren sollen sich die Schülerinnen und Schüler ihre persönliche, gut lesbare und flüssige Handschrift aneignen. Für den gesamten Bereich “Schulschrift” gilt das Prinzip weitgehender Offenheit. Es bestehen Freiräume bei der Wahl der Buchstaben- und Ziffernformen, der Schriftgröße, der Lineatur und der Schriftneigung. (Quelle: bmb.gv.at)

Na, da schau her! Dass das alles derart flexibel ist, wusste ich bisher nicht!

Und es geht sogar noch weiter: Die Schriftvorlagen sind “nicht verbindliche Normen”. Auch sind “individuelle, von den Kindern ausgehende, Ausformungen der Schrift zulässig”.

Gutes Zeugnis für Handschrift



Ist die Handschrift mehr als bloß eine Kulturtechnik? Studien aus Princeton und der UCLA zeigen, dass die Handschrift beim Lernen die Nase vorne hat. Studierende, die sich handschriftliche Notizen machten, schnitten bei Leistungstests besser ab als jene, die am Computer tippten. Der Grund: Am Computer tippt man schneller. Daher tendiert man dazu, alles wörtlich zu notieren. Bei den Notizen per Hand ist hingegen das Hirnkastl gefordert: Wichtiges wird gleich herausgefiltert und in eigenen (Stich-)Worten zusammengefasst. Und das merkt man sich besser. (Quelle: The pen is mightier than the keyboard)

Auch die Studie der University of Stavanger schlägt in diese Kerbe. Angeblich haben Kinder auch bessere Ideen, wenn sie einen Stift halten.

Und wie in allen Bereichen gilt: Flüssig geht’s nur, wenn man’s auch regelmäßig übt …

Übrigens

Ach ja, heute ist der 117. Geburtstag von László József Bíró, dem Erfinder des Kugelschreibers. Wer weiß, wie lange wir den noch brauchen?!?

Und was sagt ihr?

Jetzt ist eure Meinung gefragt …

Muttis Nähkästchen

Hier plaudert Birgit, alias Mutti, 40+, seit 2009 aus dem Nähkästchen: Authentizitäts-Freak, selbstbewusst grauhaarig, kreativ angehaucht, völlig unperfekte Mutter. Familienblog aus dem Leben mit zwei Jungs - Mutter allein unter Männern. Mehr über Muttis Nähkästchen: About. Nix verpassen? Folgt mir via Social Media oder Newsletter.

Dieser Beitrag hat 7 Kommentare

  1. Also ich mag die Schreibschrift, die Handschrift, Schriften allgemein (also auch am PC ;), die Kalligraphie… werde demnächst auch was darüber bloggen weil mein Grosser jetzt auch Schüler ist (in der CH) und die “Basisschrift” lernt… also, bitte das Schreiben von Hand nicht Abschaffen! :D Wäre echt schade… ich kritzle auch so gerne rum ;)

    1. Hinterlass doch bitte hier den Link, wenn dein Artikel online ist. Bin gespannt auf die schweizer Sicht!

  2. Ich schreibe auch gerne und finde es immer faszinierend wie die Handschrift anderer aussieht. Sie hat etwas romantisches und Persönliches, dass würde ich ungern nie wieder sehen.
    Liebe Grüße

  3. Hallo,
    bei uns in Deutschland ist das Ländersache und daher in jedem Bundesland anders geregelt. Wir haben nun auch die Diskussion um die Einführungnder Grundschrift, die der Schweizer Basisschrift ähnelt. Zu letzterer gibt es wissenschaftliche Untersuchungen, die für diese sprechen.
    Ich glaube aber, dass die Begriffe Hand- und Schreibschrift nicht dasselbe meinen. Die Grundschrift ist z.B. von Hand geschrieben und damit eine Handschrift aber aufgrund der fehlenden bzw. unterbrochenen Verbindungen keine Schreibschrift.
    Viele Grüße, Anna

    1. Aha! Wenn ich es recht verstehe, dann ist die deutsche Grundschrift und die schweizer Basisschrift eine unverbundene, etwas “schwungvollere” Druckschrift – die natürlich mit der Hand geschrieben wird. Nach und nach werden die Buchstaben dann immer mehr verbunden bis eine individuelle Handschrift entsteht.
      Bei uns ist das so: Meine Söhne haben ein Jahr (oder sogar mehr) lang intensiv an der Druckschrift gearbeitet (natürlich auch mit der Hand geschrieben). In der zweiten Klasse wurde dann die Schreibschrift (in der Schweiz wohl mit der “Schnürlischrift”, in Deutschland mit der “Ausgangsschrift” zu bezeichnen) eingeführt. Das ging ganz rasch und unproblematisch.

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