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Wie TikTok & Co. das Lernen erschweren

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Wie TikTok & Co. das Lernen erschweren

Kurze, unterhaltsame Videoclips auf Plattformen wie TikTok, YouTube Shorts oder Instagram Reels erfreuen sich enormer Beliebtheit – insbesondere bei jungen Erwachsenen. Doch wie beeinflussen diese Inhalte unser Lernverhalten und unsere Denkstrukturen? Der Bildungspsychologe Thorsten Otto hat in zwei Studien erstmals systematisch untersucht, welchen Einfluss der Konsum solcher „Short Videos“ auf kognitives Denken, Lernstrategien und den Lernerfolg hat. Die Ergebnisse sind alarmierend!

Estimated reading time: 14 Minuten


Wie TikTok & Co das Lernen erschweren


Was wurde untersucht?

Zwei Studien mit insgesamt fast 300 Teilnehmenden aus Deutschland zeigen:

  • Häufige Nutzung von Short Videos korreliert negativ mit rationalem Denken.
  • Kurzvideo-Konsum fördert oberflächliches Lernen (surface learning).
  • Lernende, die mit kurzen Videos lernen, schneiden im Wissenstest schlechter ab als jene, die mit Texten arbeiten.

Schnelle Clips, seichtes Lernen

Besonders brisant: Schon das bloße Ansehen einer Sammlung kurzer Videos vor einer Lerneinheit führte zu mehr oberflächlichem Lernverhalten – unabhängig davon, wie häufig die Teilnehmenden sonst Short Videos konsumieren.

In der ersten der beiden Studien hat Thorsten Otto rund 170 Erwachsene im Alter von 18 bis 52 Jahren zu ihrem Kurzvideokonsum, ihrer Fähigkeit zum rationalen Denken und ihrem Lernansatz befragt bzw. getestet. Etwa die Hälfte der Teilnehmenden waren Studierende. Dabei zeigte sich: Wer viele Kurzvideos konsumiert, schnitt beim Test für rationales Denken signifikant schlechter ab. „Um rationales Denken zu fördern, brauchen Kinder und junge Erwachsene Lernumgebungen, die ihnen vermitteln, wie statt was sie denken sollen“, sagt Thorsten Otto.

Die zweite Studie ging einen Schritt weiter. Rund 120 Teilnehmende im Alter von 18 bis 30 Jahren wurden in einem Online-Experiment in vier Gruppen eingeteilt. Zwei der Gruppen sahen für drei Minuten eine Sammlung von unterhaltsamen, für Social Media-Plattformen typische Kurzvideos, die beiden anderen nicht. Das Lernmaterial wurde anschließend entweder in Form von zwei Kurzvideos oder in Textform präsentiert, der Inhalt beider Lernmaterialien (Text und Kurzvideo) war wortgenau derselbe. Im Anschluss sollten die Teilnehmenden ein Wissensquiz zum Inhalt des Lernmaterials und einen Test zum rationalen Denken bearbeiten.

Das Ergebnis war eindeutig: Die Teilnehmenden, die den Lernstoff in Form von Kurzvideos vermittelt bekamen, schnitten im anschließenden Quiz schlechter ab als diejenigen, die mit Texten gelernt hatten. Darüber hinaus zeigte sich, dass bereits das dreiminütige Anschauen einer Sammlung von Kurzvideos zu einer Präferenz für einen oberflächlichen Lernansatz und somit für oberflächliches Lernen führte. Bei diesem Ansatz, der auf möglichst geringem Aufwand beruht, werden Inhalte auswendig gelernt, ohne sie wirklich durchdringen oder verstehen zu wollen. Forschungen zeigen: Wer so lernt, erzielt oft schlechtere Leistungen.


Kritischer Umgang mit Kurzvideos

Was bedeutet das nun konkret für Lernende, aber auch für Eltern, Lehrer*innen und Dozent*innen? Kurzvideos sind zwar ein wirksames Mittel, um Aufmerksamkeit zu gewinnen – doch sie reichen offenbar nicht aus, um Wissen nachhaltig zu verankern. Aufgrund ihrer begrenzten Länge bieten sie meist nur einen sehr oberflächlichen Einstieg in ein Thema. Zudem beinhalten sie häufig eine Vielzahl gleichzeitig ablaufender Reize (wie schnelle Bildwechsel, gesprochene Sprache, Untertitel, Effekte und/oder Musik). Diese sind nicht alle für den eigentlichen Wissensgewinn notwendig, können aber zu kognitiver Überlastung führen und eine tiefergehende Verarbeitung erschweren. Diese Effekte lassen sich unter anderem durch die „Cognitive Theory of Multimedia Learning“ erklären: „Diese besagt, dass Lernen am effektivsten gelingt, wenn Informationen in einem ausgewogenen Verhältnis über unterschiedliche Kanäle – visuell und auditiv – präsentiert werden, ohne die begrenzten kognitiven Ressourcen zu überlasten.“

Im Unterricht sollte deshalb der kritische Umgang mit schnelllebigen Kurzvideos stärker thematisiert werden, so Thorsten Otto. „Lehrkräfte, die Kurzvideos in ihren Unterricht integrieren möchten, sollten bei der Auswahl oder Gestaltung auf Elemente verzichten, die eine zusätzliche kognitive Belastung verursachen wie etwa Untertitel oder ein zu hohes Tempo.“ Wer lernt, sollte auf das Schauen von unterhaltungsorientierten Kurzvideos verzichten, da dies den Wissenserwerb beim anschließenden Lernen spürbar mindern könnte.


Die wichtigsten Erkenntnisse im Überblick

#1 Rationales Denken wird gehemmt

Short Videos fördern „System-1-Denken“ – also intuitive, schnelle Entscheidungen ohne tieferes Nachdenken. Das sogenannte „System-2-Denken“, das für reflektiertes, analytisches Denken notwendig ist, wird verdrängt.

#2 Akademische Selbstregulation leidet

Die ständige Verfügbarkeit schneller Belohnung durch SVs verringert die Fähigkeit, auf spätere, wichtigere Ziele (wie akademischen Erfolg) hinzuarbeiten – ein Phänomen, das als „academic delay of gratification“ bekannt ist.

#3 Text schlägt Video – zumindest beim Lernen

In einem Experiment schnitten Teilnehmende, die mit Texten lernten, deutlich besser ab als jene, die den gleichen Inhalt in SV-Form konsumierten – obwohl es sich um wenig komplexe Lerninhalte handelte.


Was bedeutet das für die Bildungspraxis?

Keine pauschale Verteufelung

Short Videos können durchaus Lernmotivation steigern oder als Einstieg („Hook“) in ein Thema dienen. Entscheidend ist das „Wie“: Pacing, Design und Integration müssen lernförderlich gestaltet werden.

Didaktische Empfehlungen

  • Kritisches Denken fördern: Lernsettings sollten gezielt System-2-Denken trainieren.
  • Bewusster Medieneinsatz: Vor Lerneinheiten keine SVs konsumieren – das fördert Konzentration und tiefes Lernen.
  • Short Videos gezielt einsetzen: Kurze Videos können Interesse wecken, sollten aber nicht als Hauptquelle für Wissensvermittlung dienen.

„Ich bin überzeugt, dass wir junge Menschen stärker für Bildung begeistern können, wenn man im Unterricht gezielt Anknüpfungspunkte an ihre Lebenswelt schafft“, so der Wissenschaftler. „Wenn es gelingt, alltagsnahe Elemente – wie Soziale Medien – verantwortungsvoll und punktuell in den Unterricht zu integrieren – ohne negative Lerneffekte zu erzeugen, kann dies das Engagement sowie die positive Haltung gegenüber schulischem Lernen deutlich fördern.“


Impulse für Schüler:innen und Studierende

  • TikTok & Co. in Lernphasen vermeiden.
  • Notifications und Auto-Scroll-Funktionen ausschalten („Digital Nudging“).
  • Lernen aktiv gestalten: Notizen, Zusammenfassungen, Concept Mapping.

Und noch einen weiteren Tipp hat Thorsten Otto parat: „Um das zwanghafte Konsumieren von Kurzvideos zu reduzieren, kann es helfen, Push-Nachrichten auszuschalten oder den Schwarz-Weiß-Modus einzustellen, damit die Videos ihren Reiz verlieren.“


Fazit: Short Videos sind kein Bildungskiller – aber ein Risiko bei falschem Einsatz

Diese Studien machen deutlich: Die Integration von Short Videos in Bildungsprozesse erfordert Fingerspitzengefühl. Während Short Videos Engagement und Motivation fördern können, bergen sie auch das Risiko, kognitive Tiefe und Lernerfolg zu schmälern. Wer Bildung ernst nimmt – ob als Lehrende:r oder Lernende:r – sollte ihren Einsatz daher mit Bedacht planen.

„Kurzvideos im Unterricht sind nicht per se problematisch – aber sie stellen keinen Ersatz für tiefgehende Lernprozesse dar“, sagt Thorsten Otto.

Quellen: Otto, T. (2025). Should educators be concerned? The impact of short videos on rational thinking and learning: A comparative analysis. Computers & Education, 2025, 105330. https://doi.org/10.1016/j.compedu.2025.105330


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