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Bei welchen Themen Asperger-Kinder in der Schule scheitern

Bei welchen Themen Asperger-Kinder in der Schule scheitern

Wir haben die besondere Herausforderung mit unserem Sohn wirklich gut im Griff. Überwiegend merkt man ihm seine Beeinträchtigung gar nicht an. Aber hin und wieder knallt’s so richtig rein – und wenn ich mir dann die Themen anschaue, an denen die Situationen eskaliert sind, denke ich: “Sonnenklar, dass er da nicht weiterkommt!”
Hier unsere gesammelten “Highlights” aus den letzten zwei Jahren – möge diese Auflistung helfen, um die Sensibilität von Eltern und vor allem Lehrer_innen zu schärfen:



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Bei eskalierten Situationen bin ich als Elternteil immer wieder Vermittler und Fürsprecher. Immer öfter ist es für mich ganz klar, warum mein Kind bei machen Themen auf Widerstand schaltet. In der Folge ist entweder der Tag “gelaufen” oder die Schulnote im Keller.

Bei diesen Themen stößt unser Asperger an seine Grenzen – Melt down oder Totalverweigerung vorprogrammiert:

Hochemotionale Inhalte

Geschichte im Lesebuch: Eine Familie setzt ihren Hund aus – sehr, sehr emotional geschrieben (ich selbst hab jedenfalls Rotz und Wasser geheult!). Und am Ende muss der Schüler zwei Fragen beantworten: Was denkst du dabei? Wie glaubst du geht es dem Hund?
Unser Asperger sagte wahrheitsgetreu: “Dazu kann ich nichts denken.” Und darum hat er die Fragen auch partout nicht beantwortet. Mir als halbwegs Asperger-sensiblisiertes Elternteil leuchtete das absolut ein: Das Kind kann mit Emotionen nur schwer umgehen – und wenn es derart ans Eingemachte geht, dann erst recht nicht. Er hat quasi als Schutzfunktion die Rollläden runtergelassen und jegliches Denken eingestellt. Wir einigten uns nach langem (sehr langem!) hin und her auf folgende Antwort: “Mama weint, ich nicht!”

Personenbeschreibung

Asperger beschäftigen sich nicht gerne mit Personen – sie sind viel zu unberechenbar. Lieber beschäftigen sie sich mit Dingen. So zeichnet unser Sohn zum Beispiel mit Hingabe Straßenbahnen und entwirft Verkehrspläne – P&R, öffentlicher Verkehr, Umsteigestellen – bis ins letzte Detail. Wir könnten das gesamte Wohnzimmer mit derartigen Plänen tapezieren – mindestens. Menschen zeichnet er hingegen nie. Hat er auch als Kleinkind nicht gemacht. Und eine Personenbeschreibung fällt ihm dementsprechend schwer. Und wenn diese in der zweiten Schulstunde am Programm steht, kann es passieren, dass der gesamte Tag für ihn “gelaufen” ist.

Mehrdeutige Anforderungen

Bei manchen Schulbüchern muss ich echt den Kopf schütteln: Wenn ich als halbwegs gebildete (Uni-Abschluss – reicht das für Grundschul-Hausaufgaben?) und mit reichlich Hausverstand ausgestattete Erwachsene schon wild überlegen muss, was denn hier nun wirklich gemeint und verlangt wird … wie soll das dann ein Kind – und im speziellen ein autistisches Kind – lösen??? Jede fehlende Klarheit, jeder Interpretationsspielraum werden hier zur schier unüberwindbaren Hürde.



Bildgeschichte

Dass autistische Kinder mit Bildgeschichten ihre liebe Not haben, ist hinlänglich bekannt. Sie können sich nur schwer in andere Menschen hinein versetzen. Und bei einem offenen Ende fehlt ihnen die nötige Phantasie – sie sind schließlich beinharte Realisten. In der Einzeltherapie hat unsere Therapeutin mit unserem Sohn eine Checkliste erarbeitet, die ihm Hinweise gibt, worauf er achten und wie er eine Bildgeschichte schreiben kann. Die erste Schularbeit zu diesem Thema hat wunderbar geklappt.

Arbeitsorganisation und Zeiteinteilung

Ein Autist lebt im Jetzt. Er vergisst die Zeit. (Wenn ich’s mir recht überlege, eigentlich eine hervorragende Eigenschaft!) Aber bei einer Schularbeit ist diese Gabe leider ganz und gar nicht förderlich. Er arbeitet stur von oben nach unten – und wenn er bei einer Aufgabe nicht weiterkommt, bleibt er hängen. Um Hilfe bitten kann er nicht… Sehr gut – adé! Auch wenn er im Grunde ein Mathe-Genie ist.
Der Lösungsvorschlag von unserer Therapeutin: Statt alle Aufgaben untereinander zu schreiben, kommt jede Aufgabe auf einem separaten Blatt mit folgendem Text:.

“Schaue dir die Aufgabe auf dem Blatt an. Kannst du sie lösen?
– Wenn ja, dann leg los!
– Wenn nein, nimm das nächste Blatt!
Fertige Blätter kommen in die Ablage! Nicht gelöste Aufgaben nach hinten sortieren” (Oder so ähnlich …)

So tauchen erledigte Aufgaben nicht mehr auf. Nicht erledigte Aufgaben kommen so am Schluss wieder zum Vorschein, die Bearbeitungszeit wird effizient genutzt.

“Sinnlose” Unterrichtsfächer

Musik, Werken, Sport, Religion – aus Sicht meines Sohnes “sinnlos”. Da müssen wir schon mit handfesten – sprich: wissenschaftlich fundierten – Gegenargumenten auffahren. Denn: Ein Asperger will immer daran erinnert werden, WARUM er etwas machen soll. “Weil es eben so ist” oder “Weil es alle machen” zählen nicht. Darum schneide ich ihm immer wieder Zeitungsausschnitte aus – wie z.B. dieser hier: Musik verbessert unsere Gehirnleistung: Wenn das Gehirn Musik – also Melodie, Text und Rhythmus – verarbeitet, werden sehr viele Bereiche des Denkorgans aktiviert. Motorische, planende und ausführende Funktionen sind an der Verarbeitung von Musik beteiligt. […]” Dann folgen noch Argumente für selbst Musik machen und gemeinsames Musizieren. Tja, meine Rede (siehe u.a. Lebensmittel Musik), aber mein Kind verlangt Beweise …

Mit der Hand schreiben

Die Handschrift meines Sohnes ist wirklich ein Graus. Dass er gerne mit der Füllfeder schreibt, wäre glatt gelogen. Ich bin wirklich enorm dankbar, dass er Merkwörter, Ansagen und Schularbeiten am Computer schreiben darf. Das Erlernen des 10-Finger-Systems war jedenfalls überhaupt kein Drama – siehe: 10-Finger-System lernen für Kinder: empfehlenswerte Online-Lernprogramme

Geräuschkulissen & Co.

“Es ist aber wirklich nicht laut!”, beteuert die Lehrerin. Das mag sein – für neurotypische Menschen. Für ein autistisches Kind kann das für andere unhörbare Brummen (oder Flackern!) einer Leuchtstoffrohre, das Rascheln und Tuscheln der “leisen” Schulkolleg_innen oder ein kaum wahrnehmbar tropfender Wasserhahn zur Herausforderung werden. Die ohnehin hart erkämpfte Konzentration ist hinüber.
Dieses Video wirkt augenöffnend – Autist_innen sehen die Welt anders:

Der Fotograf und andere schulfremde Personen

Ich habe seid Jahren nur Klassenfotos, auf denen ein Kind fehlt – meins. Die allseits bekannten Portraits – werden gemacht, aber nicht von meinem Kind. Er verweigert das. Dieses Jahr hat der Fotograph meinen Sohn “hinterrücks” erwischt – er hat es gar nicht mitbekommen, dass er fotografiert wird. Schlussendlich hat er sich dennoch gefreut, dass es auch Fotos von ihm gibt. (Ja, hätte auch nach hinten losgehen können, ich weiß …)
Da kann der Fotograf noch so lange im Voraus angekündigt werden – es hilft nix. Ähnliches gilt auch für andere schulfremde Personen – auch wenn sie regelmäßig auftauchen, wie z.B. die Damen der Gesundheitsvorsorge. Tja …



Saisonale Herausforderungen

Wichteln

Ein beliebes Ritual im Advent: In der Klasse wird gewichtelt. Wir kennen das Problem bereits, daher muss er da auch nicht mitmachen. Dann haben sie es aber doch irgendwie geschafft, ihn zu überreden. Und dann hat er prompt sich selbst gezogen und musste den Zettel wieder retournieren … frage nicht, mehr hat’s nicht gebraucht …

Fasching

Verkleiden? Nein, danke. Musste ich auch erst lernen zu akzeptieren. Aber Gott sei Dank ist das kein Schulfach. ;-)

Pfew – lange Liste … hab ich was vergessen?

FAZIT: Der Schul-Alltag bietet für Asperger-Kinder so viele zusätzliche Herausforderungen. Nein, sie provozieren mit ihren Reaktionen nicht mutwillig – sie versuchen “zu überleben”.  Verurteilt sie nicht vorschnell – helft diesen Kindern! Es geht und es gibt viele erprobte Strategien!

Siehe auch:


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Muttis Nähkästchen

Hier plaudert Birgit, alias Mutti, 40+, seit 2009 aus dem Nähkästchen: Authentizitäts-Freak, selbstbewusst grauhaarig, kreativ angehaucht, völlig unperfekte Mutter (aka. Rabenmutter). Familienblog aus dem Leben mit zwei Jungs - Mutter allein unter Männern. Mehr über Muttis Nähkästchen: About. Nix verpassen? Folgt mir via Social Media oder Newsletter.

Dieser Beitrag hat 13 Kommentare

  1. Bei uns scheiterte es immer wieder an:
    Sätzen wo das überflüssige Wort gestrichen werden sollte
    Aufgaben überspringen fällt schwer
    Geräuschkulisse
    selbst auferlegter Leistungsdruck
    Fragen die nicht ausreichend beantwortet werden
    der Unberechenbarkeit von 22 Klassenkameraden

  2. Danke. Wir sind nicht allein, dass zu wissen tut gut.
    Ich kann der Liste hinzufügen: sinnlose Aufgaben!

    Dazu kurz erzählt: Kind ist in der ersten Klasse. Wir quälen uns durch Zahlen- und Buchstaben-Schreiblernhefte. Bereits in der ersten Woche kommt mein Kind nach hause und soll x-mal die 1 schreiben. Einziger Kommentar: “Ich soll 93 mal die 1 schreiben, das mach ich nicht! Wenn ich eine Reihe schreiben kann, sieht die Lehrerin, dass ich das kann. ” Totalverweigerung!

    Die Leistung, in der ersten Schul-Woche bereits bis 93 zu zählen (und selbstverständlich stimmte diese Angabe) wird leider nicht gewürdigt. Stattdessen: in der Pause drinnen bleiben (Asperger Kinder brauchen ja keine Bewegung), keine Teilnahme am Sport (Asperger Kinder brauchen ja keine Bewegung) so wie weitere nette Disziplinierungen.

    Ich hatte die kleine Hoffnung, wenn wir endlich durch die Schreiblernhefte durch sind wird es besser. Aber die obige Aufstellung hat mir glücklicherweise die Illusion genommen.

    Da kann ich es nur mit der Haltung meines Kindes nehmen: Wie lange muss ich in die Schule? 10 Jahre? Super ein halbes Jahr schon rum…

    1. Oh, ja – das kenn ich auch! “Warum soll ich das üben? Ich kann das doch schon längst!” Ein Argument, das sich nur sehr schwer entkräften muss. Gott sei Dank hat unsere Lehrerin bis zu einem gewissen Grad Einsicht.

      1. Ich finde es wirklich schlimm, dass Kinder mit Asperger immer noch so sehr ausgeschlossen werden. Verständnis und Toleranz sollten in der heutigen Zeit doch wirklich selbstverständlich sein!

  3. Oh wie gut kennen wir das , der Autismus und Schule wie oft hören wir den Satz in der Schule klappt es aber ja weil sie es mittlerweile schafft vier Stunden nicht aufzufallen dafür kommt es dann zu Hause doppelt. ..

    1. Oh ja! Mein Sohn hat es jetzt mittlerweile in die 4. Klasse (inkl. Nachmittagsbetreuung) geschafft. Im Hort gab es letztes Jahr die Situation, dass er mir in einem Meltdown irgendwann zufällig erzählt hat, was passiert. Dass er dort von jüngeren Kindern sekkiert wird, dass er sich dann in ein Spielhäuschen setzt und dort bleibt -> weil ihn dort dann keiner beim Weinen sieht. Ganz super, wenn man das dann vom eigenen Kind hört. Warum hat er mir das nicht einfach erzählt? “Weil du meine Mami bist. Du bist daheim und das dort ist doch Schule. Du kannst ja dort eh nichts machen.” Tja.

      Aber er hält es durch. Ohne viel aufzufallen. Oder halt nicht mehr als andere “Problemkinder”. Dafür habe ich jeden Abend das fertige Kind daheim. Fünf Minuten nach dem Abholen geht es los. Er ist aggressiv, grantig, weint nur, ist überhaupt nicht mehr belastbar. Eigentlich zum Niederlegen. Aber das geht auch nicht – er ist ja nach seiner eigenen Aussage nicht müde. Und das glaube ich ihm. Also heißt es für uns durchbeißen. Seine Schwester nimmt es hin, aber auch sie leidet darunter.

  4. Gern ergänze ich die Liste Herausforderungen in der Schule sind auch:
    – Sitzplanänderungen
    – Stundenausfall
    – Lehrerwechsel
    – Stundenplanänderungen
    – Raumwechsel

    Liebe Grüße
    AspieMami

  5. Während ich den Text las, dachte ich, mein Gott, das ist doch mein Sohn ? es ist im übrigen sehr schön geschrieben.

  6. Ein sehr guter Text! Und ich finde meinen Sohn darin fast 1:1 wieder.
    Deutschtext zu Fledermäusen, die dazugehörige Frage war, was den Leser an dem Text interessiert. Die Antwort für ihn war klar: „Nichts!“
    Jetzt kann ich darüber lachen, in der Hausaufgabensituation nicht.
    Eine weitere Herausforderung im Schulalltag sind für ihn Tafelaufschriebe. Er kann sich wunderbar an einzelnen Buchstaben aufhängen, die der Lehrer anders schreibt als gewohnt.

  7. Meine Tochter ist jetzt fast 17, hat für uns (und auch unsere ehemalige Kindergärtnerin) eindeutig Asperger, aber leider trotz 3xiger Untersuchung von verschiedenen Psychologinnen keine Diagnose. Wenn ich ihre Erzählungen lese, dann sehe ich mein Mädchen vor mir. Freies Lernen und Gruppenarbeiten waren und sind ihr ein Graus. GsD wird das jetzt in der Oberstufe immer weniger verlangt. Sie stand immer am Rand der Gruppe, hat nur schwer Freunde gefunden.
    Wir haben schon viele Dinge intuitiv richtig gemacht, wie wir mit ihr umgegangen sind obwohl es schwer war.
    Ich habe mir Bücher besorgt, um zu wissen, wie ich jetzt in der Pupertät mit ihr umgehen kann. Das hilft mir sehr – weil es mich auch in vielem bestätigt.

  8. Regeln, an die sich die Lehrer selbst nicht halten (Puenktlichkeit z. B.). Klassenzimmerwechsel in der Grundschule, d.h.in der kleinen Pause vorher schon wissen, was man zuhause braucht und das dann auch mitnimmt..

  9. Ich bin selber Lehrerin an einer Grundschule und hatte kurz (mein Mutterschutz begann😉) ein autistisches Kind in der Klasse. Die offizielle Diagnose würde erst gestellt, als ich bereits weg war. Der Mutter und mir war allerdings schon eher klar, das es sich um Autismus handelt.
    Leider lassen sich im Schulalltag gewisse Dinge nicht immer vermeiden. Z.b. wird nicht plötzlich die Klassengröße reduziert oder der Stundenplan so geändert, dass möglichst wenig FachkollegInnen unterrichten. Auch Vertretungen lassen sich nicht verhindern. Leider ist das für Autistische Kinder sehr unangenehm, aber es ist ein Problem des Systems. Wir können Rückzugsmöglichkeiten anbieten, Schulbegleiter beantragen etc. und auf viel Verständnis von den Kollegen und Kindern hoffen. Aber es wird immer wieder laut werden (viele Kinder sind nun mal laut, auch wenn sie nur in Zimmerlautstärke miteinander reden), brummende Leuchtstoffröhren (für Modernisierung, zusätzliche (Ruhe)räume fehlt das Geld) und auch Lehrerwechsel sind nicht zu verhindern.
    Ich kann ihren Unmut als Eltern gut verstehen, aber auch den Lehrern sind in einigen Punkten die Hände gebunden(rw). Auch wenn es leider immer noch Kolleginnen gibt, die zu wenig Rücksicht auf die Bedürfnisse der Kinder nehmen.

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