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Autismus: Krisenbewältigung in der Schule – Ein Erfahrungsbericht

Autismus: Krisenbewältigung in der Schule – Ein Erfahrungsbericht

Das 3. Schuljahr war noch keine 4 Wochen alt, als wir – Eltern, Lehrerinnen, Direktorin, Beratungslehrerin und eine von der Schule hinzugerufene Autismus-Expertin von der Pädagogischen Hochschule – zum ersten “Krisengespräch” der Saison zusammen saßen. In der Schule ging rein GAR NICHTS, die Nerven aller beteiligten Erwachsenen lagen blank. Was wir vereinbart und erfolgreich umgesetzt haben:

Vorbemerkung: Warum schreibe ich das hier?
Es ist kein Geltungsbedürfnis, kein Jammern, keine Berechnung. Es ist schlichtweg eine Zusammenfassung. Zum einen für mich selbst, zum anderen für Familien in ähnlichen Situationen. Wenn ich damit auch nur einer anderen Familie (oder vielleicht auch einer betroffenen Schule) einen entscheidenden Tipp liefern konnte, hat es sich schon gelohnt!

Die Ausgangsituation

Wir haben eine sehr gute Basis mit der Schule, das Setting ist perfekt, alle sind sehr bemüht. Aber nach wenigen Wochen war die Krise perfekt: das Kind (Asperger, knapp 9 Jahre) rebellierte auf’s Äußerste, wollte aus der Schule abhauen, wurde tätlich, machte in den Schulstunden nicht mit, brachte nichts weiter (obwohl er eigentlich ein sehr kluges Kerlchen ist), störte den Unterricht erheblich.
Die Lehrerin war – verständlicherweise – am Ende.
Wir auch.
Und wie …

Gleich vorweg – und da sind sich unterschiedliche Experten mit der Dringlichkeit dieses Appells erstaunlich einig: Es ist unbedingt nötig, ein autistisches Kind im gewohnten Umfeld zu belassen! Ergo: Kein Schul- oder Klassenwechsel, keine “Beurlaubung” oder Suspendierung und auch kein Herausnehmen aus der Schule, wenn das Kind nicht wirklich krank ist! Das würde die Situation nachhaltig verschärfen!
Für Schule und Eltern gilt: das Kind unbedingt mit vereinten Kräften durch diese herausfordernde Situation durchstützen. Das Alter sei typisch für derartige Probleme (Vorpubertät mit jeder Menge Hormonschwankungen, siehe auch: Der Rubikon: das Drama rund um das 9./10. Lebensjahr). Das Gute daran: Das geht vorbei, es wird wieder besser!

Und – wie es die Autismus-Expertin ausgedrückt hat: Das Kind macht das nicht mit Absicht, im Gegenteil: Das Kind ist in höchster NOT! (Nicht zuletzt für solche Einsichten ist es sowohl für Lehrer als auch Eltern mehr als wertvoll, Expert/-innen in derartige Runden hinzuzuziehen!)

Folgende Dinge haben wir – mit Erfolg! – umgesetzt:

Maßnahmen in der Schule

  1. Die Freiarbeit wurde ausgesetzt – für die gesamte Klasse. Es gab 2 Wochen Frontalunterricht. Am Ende der 2. Woche stimmten alle Kinder ab, was ihnen lieber ist. Die Mehrheit war für Freiarbeit (unser Kind nicht).
  2. Täglicher Plan zur besseren Orientierung: Die Lehrerin schickte uns JEDEN TAG am Abend einen detaillierten, tagesaktuellen Plan für den nächsten Schultag mit folgenden Inhalten: Uhrzeit, Fach, unterrichtende Lehrpersonen, genauer Plan (welches Thema, welches Buch, welche Seite …)
    Bei der Wiedereinführung der Freiarbeit (die jetzt wohlweislich “Wochenplanarbeit” heißt) wurden folgende Dinge zusätzlich eingeführt (der tägliche Orientierungsplan wird auf Empfehlung der PH-Expertin weiterhin gemacht): Belohnungssystem statt Dauerfrust
  3. Gegenständliches Arbeitssystem: Das Kind erhielt mittels sog. Standardbriefkörbe eine To-Do-Box und eine Erledigt-Box für eine bessere Arbeitsorganisation. In der To-Do-Box ist genau jenes Material, das er an diesem Tag im Rahmen der Wochenplanarbeit zu erledigen hat. Am Ende wartet ein “Verstärker” als Belohnung.
  4. Arbeit mit Verstärkern: Spezialinteressen werden gezielt eingesetzt. Hintergrund: Viele Dinge erscheinen autistischen Kindern  sinnlos, und sie lehnen sie daher vehement hab. Wenn allerdings eine – für sie – sinnvolle Belohnung winkt, sind sie oft zur Mitarbeit bereit. Bei uns kommt ein Kritzelbuch mit Pariser Metroplan-Einband sowie diese Tram- und Metro-Bücher zum Einsatz.
  5. Time Timer: Damit lässt sich die zur Verfügung stehende Zeit mittels einer immer kleiner werdenden roten Scheibe visualisieren; die Kinder sehen (auch die anderen, “neuro-typischen” profitieren!) wie die Zeit vergeht.

Maßnahmen in der Familie

  1. Liebe, Liebe und nochmals Liebe: Vorfälle ansprechen, aber nicht zerreden. Dem Kind vermitteln, dass wir es in seiner Not ernst nehmen und alle ihm helfen wollen – und das allerwichtigste: vermitteln, dass das Kind bedingungslos geliebt wird.
  2. Gruppentherapie: In Kürze startet eine von einer Elterninitiative ins Leben gerufene Kleingruppe für autistische Kinder, in der mit speziell ausgebildeten Psychologinnen soziale Themen geübt werden (45,- Euro pro Stunde).
  3. Einzeltherapie: Die Autismus-Expertin von der PH empfahl uns auch eine Einzeltherapie für das Kind (75,- Euro pro Stunde); da sind wir uns momentan noch nicht sicher, ob es uns nicht insgesamt zu viel wird …
  4. Probiotika: Nach dem ich eine höchst interessante Dokumentation gesehen und diesen Beitrag (Hilfe bei Autismus – Die Rolle der Bakterien) geschrieben habe, kriegen meine Kinder nun täglich etwas Probiotisches (Pulver aus der Apotheke, Joghurts und Drinks) – schaden wird’s auf keinen Fall.
  5. Reden, reden, reden: Ich habe mit den unterschiedlichsten Leuten (Freunden, Bekannten, Kollegen – zu denen man entsprechendes Vertrauen hat) über unsere Herausforderungen gesprochen – und jede/-r (wirklich jede/-r!) hat mir etwas mitgegeben, das sich im weiteren Verlauf als hilfreiches Puzzle-Stück im großen Gesamtbild herausgestellt hat!
  6. Alternative Unterstützung: Wir haben uns auch Unterstützung aus alternativen Heilmethoden geholt. Zum Beispiel haben ich an mir selbst (und nicht am Kind) gearbeitet, das Kind hat Globuli gekriegt usw. An alle, die mehr wissen wollen: hinterlasst ein Kommentar, ich meld mich dann bei euch persönlich.

Fazit nach 3 Wochen

Nach 2 ober-katastrophalen Wochen (Lehrerin schickte den täglichen Plan, Freiarbeit wurde ausgesetzt, die Situation hat sich trotzdem nicht gebessert) waren wir noch entmutigter als je zuvor. Von Tag zu Tag wuchs die Angst, dass die Schule das Handtuch schmeißt und uns quasi vor die Tür setzt. Es sind viele Verzweiflungstränen (bei den Erwachsenen!) geflossen.

Seit dieser Woche (Wiedereinführung der Wochenplanarbeit, täglicher Plan, neue Organisationshilfen in der Schule und unsere unterstützende Arbeit daheim) ist das Kind wie ausgewechselt! Er kommt fröhlich heim, will sofort seine Hausaufgaben erledigen (!) – und zwar auch gleich die HÜ für den nächsten Tag. Er erledigt seine Sachen in der Schule und hat trotzdem genug Zeit, um noch in seinem “Verstärker-Buch” zu lesen. Lehrerinnen und Eltern sind begeistert. Wir klopfen auf Holz, dass es weiterhin so gut läuft!

Hilfreiche Literatur: Praxis TEACCH: Herausforderung Regelschule

Und ja, es wir immer wieder Themen geben, an denen autistische Kinder in der Schule scheitern … Wenn wir Eltern aber mehr informieren und aufklären, gibt es Hoffnung auf Akzeptanz und Rücksichtnahme.

Foto: johnhain, Pixabay

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Muttis Nähkästchen

Hier plaudert Birgit, alias Mutti, 40+, seit 2009 aus dem Nähkästchen: Authentizitäts-Freak, selbstbewusst grauhaarig, kreativ angehaucht, völlig unperfekte Mutter. Familienblog aus dem Leben mit zwei Jungs - Mutter allein unter Männern. Mehr über Muttis Nähkästchen: About. Nix verpassen? Folgt mir via Social Media oder Newsletter.

Dieser Beitrag hat 4 Kommentare

  1. Danke für deine Zusammenfassung, könnte gerade ich geschrieben haben, nur das es das Gespräch noch nicht gab, aber wohl bald geben wird… es geht gerade gar nichts :-( hättest du für mich einige kurzen Infos zu den Probiotika, habe kurz in die Reportage reingeschaut, aber gerade totalen Zeitmangel… Liebe Grüße Melanie

  2. Hallo,
    Mein Sohn ist auch neun,Asperger,habe Interesse mich mit dir auszutauschen.
    Tolle Seite,
    Lg

  3. Liebe ……,

    Über eine Rückmeldung wurde ich mich RIESIG freuen, da uns auch etwas ähnliches bald erwartet.

    Danke im voraus,
    Flora

    1. Liebe Flora,
      falls dein Kind eine Diagnose hat, dann unbedingt einen Experten bzw. eine Expertin mit zum Termin nehmen – nur er/sie bringt eine objektive Sicht in derartige Termine und fungiert immer als Fürsprecher für das Kind. Ich gehe seither nie wieder ohne diese Verstärkung zu solchen Krisensitzungen! (Aber ich habe gehört, dass nicht alle Schulen das erlauben?!?!)

      Bei uns hat sich der tägliche Plan absolut bezahlt gemacht – ist deutlicher Mehraufwand für die Lehrerin, wird aber immer noch (nach über einem Jahr) täglich gemacht und ausgefüllt. Vorteil: Wir Eltern haben unmittelbares Feedback, wie der Tag gelaufen ist. So sieht das aus: https://muttis-blog.net/2015/02/23/belohnungssystem-statt-dauerfrust-manchmal-lassen-sich-sogar-medikamente-einsparen/
      Seit über einem Jahr machen wir mit Erfolg Gruppentherapie und seit Januar 2015 auch Einzeltherapie – macht Sinn und bringt uns alle miteinander weiter.

      Manche Dinge, wie etwa die To-Do- und die Erledigt-Box, haben sich nicht bewährt – unser Sohn wollte keine “Extrawürste”. Die Verstärker waren auch noch nicht so berauschend. Wir arbeiten hier seit einigen Monaten sehr erfolgreich mit dazuverdienbarer Spielzeit (gekoppelt an das tägliche Feedback aus der Schule).

      Und:
      Wir hatten oberhammermäßige Erfolge mit Homöopathie – siehe: https://muttis-blog.net/2015/01/12/ist-mein-autistisches-kind-geheilt/
      Ich weiß nicht, wie alt dein Kind ist, aber 9-10 Jahre scheint ein typisches Alter für derlei Probleme zu sein – siehe https://muttis-blog.net/2014/12/16/der-rubikon-das-drama-rund-um-das-9-10-lebensjahr/

      Wenn du noch Fragen hast, dann schreib mir doch an mutti@muttis-blog.net oder kommentiere hier im Blog – vielleicht haben ja auch andere Eltern ähnliche Situationen und können von deinen Erzählungen profitieren. Erzähl doch bitte ein bisschen von eurer speziellen Herausforderung und den Geschehnissen.

      Ich wünsche dir viel Kraft!

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