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Asperger im Gymnasium: Tipps zur Unterstützung autistischer Kinder

Asperger im Gymnasium: Tipps zur Unterstützung autistischer Kinder

Kinder mit Asperger sind intellektuell für das Gymnasium sehr gut geeignet. Viele Autismus-Experten empfehlen sogar, Asperger-Kinder unbedingt ins Gymnasium zu geben. Denn gerade in jungen Jahren sollen sie intellektuell gefördert und gefordert werden – dann können sie im späteren Leben viel Selbständigkeit erreichen. Doch gerade die Unterstufe (5. bis 8. Schulstufe) hat es in sich …
Folgende Tipps und Haltungsweise können helfen:

Der Schulalltag ist für ein autistisches Kind eine enorme Herausforderung – mehr noch als es für “neurotypische” Kinder ist. Die Klassengemeinschaft ist ein herausforderndes soziales Umfeld, mündliche Mitarbeit kommt einem “sozialen Outing” gleich. Noch schwieriger wird die Herausforderung durch den Wechsel auf die weiterführende Schule – neue Schule, neues Umfeld, neue Lehrer, neue Mitschüler.

Autistische Kinder müssen für uns ganz selbstverständliche Dinge explizit planen und ausführen. Mein Kind hat es einmal so ausgedrückt, als ich ihn zum Lächeln ermuntern wollte:

Die Schule ist anstrengend genug. Wenn ich dort jetzt auch noch lächeln soll – das schaff ich nicht mehr.

Autisten verarbeiten sensorische Eindrücke über Sehen, Hören. Fühlen, Schmecken und dgl. anders. Sie haben z.B. schlechte Filterleistungen, können also “Störgeräusche” und andere Sinneseindrücke nur sehr schwer ausblenden. Jedes noch so kleine Hintergrundgeräusch fordert Aufmerksamkeit und lenkt vom Unterricht ab. Das kann das Flackern einer Leuchtstoffröhre sein oder Für den Schulunterricht bedeutet das, dass sie sehr schnell ermüden und ihre Aufnahmekapazität schneller als bei anderen erschöpft ist.

Christine Preißmann, selbst Autistin und Autorin, bringt die Problematik auf den Punkt:

Für Lehrer wird es immer wieder verwirrend sein, wenn autistische Schülerinnen und Schüler in verschiedenen Fächern unterschiedliche Zensuren erreichen und auch in denselben Fächern an verschiedenen Tagen unterschiedliche Leistungen zeigen. Da sie sich außerdem im Unterricht oft kaum beteiligen, gelten sie als desinteressiert oder sogar faul.
(Quelle: Kinder und Jugendliche mit Autismus-Spektrum-Störung. Neue Wege durch die Schule)

Asperger im Gymnasium: Tipps zur Unterstützung autistischer Kinder

Asperger im Gymnasium: Wichtige Rahmenbedingungen

Haltung und Anzahl der Lehrer

Unterricht für Kinder mit Autismus erfordert in erster Linie eine entsprechende Haltung, dann erst Methodik. Wichtig ist eine kompetenzorientierte Herangehensweise. Ein Lehrer mit kreativem, unstrukturiertem Vorgehen ist bei vielen Schülerinnen und Schülern willkommen. Für autistische Kinder und Jugendliche kann das hingegen sehr schwierig werden.

Ideal wären wenige Lehrer mit möglichst breiten Fächerkombinationen. Ein Lehrer kann eine Klasse dadurch in mehreren Fächern unterrichten. Das bietet für autistische Schüler Übersichtlichkeit und Struktur in personaler Hinsicht.

Anders-sein akzeptieren

Eine deutsche Studie hat ergeben, dass die meisten Lehrerinnen und Lehrer wenig über Autismus wissen und autismustypischem Verhalten negativ gegenüber eingestellt sind.

Autismusspezifische Besonderheiten im Kommunikations- und Sozialverhalten können schnell dazu führen, dass die Beziehung zwischen Lehrer und Schüler mit ASS belastet ist. Das Nichteinhalten sozialer Konventionen, der mangelnde Blickkontakt oder respektlos erscheinende Äußerungen können leicht als persönliche Missachtung, Desinteresse oder Aggressivität fehlinterpretiert werden. (Schiermer 2010, S. 52)

Wichtig wäre, dass autistische Kinder nicht nur über ihr “Nicht-Können” beurteilt werden. Ideal wäre, wenn Lehrer offen für normabweichende Sichtweisen sind und nicht auf (theoretischen) Prinzipien und Formalien “herumreiten”, sondern sich auch mal darüber hinweg setzen können. Wichtig ist, nicht alle Schülerinnen und Schüler über einen Kamm zu scheren. Heißt: Die Schulkultur sollte Vielfalt als Normalität begreifen.

Nicht jeder Tag ist gleich

Es gibt ganz unterschiedliche Tage im Leben eines Autisten – manchmal geht es gut, manchmal fallen selbst Kleinigkeiten extrem schwer. Manchmal erstarrt das Kind einfach – dann geht gar nichts mehr. Die Suche nach den Gründen gestaltet sich nicht selten zur detektivischen Detailschau.

Null-Toleranz für Mobbing

Autistische Kinder sind oft Mobbing-Opfer. Das Lehrpersonal sollte Mobbing und Bullying durch konstruktive Aufsicht verhindern und im Akutfall konsequent und nachhaltig einschreiten. (Siehe dazu auch: Mobbing: Do’s und Dont’s für Eltern)



Asperger: Hilfe im Schulalltag

Selbstorganisation und Handlungsorganisation

Autistische Kinder haben – in unterschiedlichem Ausmaß – Probleme mit der Selbst- und Handlungsorganisation. Sie haben zum Beispiel Schwierigkeiten, eine geplante Handlung auszuführen oder eine begonnene Handlungen zu Ende zu bringen. Derartige Handlungsstörungen werden aber oft als Verweigerung ausgelegt.

Ein typisches Problem ist z.B.: Der autistische Schüler hat zwar seine Hausaufgaben gemacht, zeigt sie jedoch am Fälligkeitstag nicht vor. Der Lehrer wertet das als nicht erbrachte Leistung – verständlich. Allerdings einem autistischen Schüler ist diese Sicht kaum zu vermitteln. Er weiß, dass er die Hausaufgabe gemacht hat und damit hat sich die Situation für ihn erledigt. Es mag an der fehlenden Theory of Mind liegen.

Wir haben für die bessere Organisation dieses Ordnungssystem für unser Kind bereitgestellt: Für jedes Schulfach ein Fach. Daneben ein Fach für zu erledigende Hausaufgaben und eines für erledigte Hausübung.

Asperger im Gymnasium: Ordnungssystem

Visuelle Informationsvermittlung

Das reine “Besprechen” des Kindes bzw. Jugendlichen geht oft ins Leere. Hilfreich ist visuelle Unterstützung: Hausaufgaben an die Tafel schreiben, nicht nur mündlich sagen. Der Lehrer sollte zudem auch darauf achten, dass das Kind die Hausaufgaben notiert.

Spezieller Arbeitsplatz



Autistische Schüler möchten gerne abseits sitzen. Sie sollten vom Rotationsprinzip der Sitzordnung ausgenommen werden. Sie brauchen ihren persönlichen, geschützten Bereich, der sich auch nicht verändern sollte.

Klare Aufgabenstellung

Selbst im Fach Mathematik, das Autisten normalerweise liegt, kann es bei Textaufgaben zu Schwierigkeiten kommen. Es gelingt ihnen kaum, zwischen den wichtigen Textpassagen und jenen absichtlich eingebauten Verwirrungen zu unterscheiden. Vorteilhaft wären sehr klare, eindeutige Angaben.

Rückzugmöglichkeit

Kinder mit Asperger brauchen Schutz und Rückzugsmöglichkeiten. Bei Stillarbeiten könnten z.B. Ohrstöpsel zum Einsatz kommen. Eventuell kann in bestimmten Situationen auch Musikhören über Kopfhörer erlaubt werden.

Wettlauf gegen die Uhr

Autistische Schüler brauchen meist länger, um Aufgaben zu erfüllen. Manche geraten dadurch so in Angst und Panik, dass sie völlig blockiert sind. Hinzu kommt, dass besonders handschriftlich verfasste, längere Texte oft nicht in der geforderten Zeit leistbar sind.

Mündliche Beteiligung am Unterricht

Mündliche Beteiligung (Mitarbeit) ist für viele autistische Schülerinnen und Schüler nicht oder nur mit erheblicher Überwindung möglich. Hier ist oft ein Nachteilsausgleich, bei dem die mündliche Leistung weniger bewertet wird, unumgänglich. Sonst führt das trotz guter schriftlicher Leistungen zu einem Absacken der Bewertung im Zeugnis. Und damit sinkt auch die Motivation des autistischen Kindes.

Nachteilsausgleich

Mündliche Mitarbeit ist oft nur schwer möglich, Handlungsstörungen werden oft als Verweigerungshaltung interpretiert. Das Sozialverhalten ist oft unangepasst und unverständlich. Für problematische Situationen im Schulalltag sind oft Sonderregelungen erforderlich. Dabei sollten jedoch die Anforderungen in den einzelnen Fächern nicht herabgesetzt werden.

Wichtig: Der Nachteilsausgleich ist somit keine Bevorzugung von autistischen Kindern und Jugendlichen. Er dient vielmehr dazu, ihnen die gleichen Chancen für einen erfolgreichen Schulabschluss wie ihre Mitschüler zu ermöglichen.

Die Schule bekommt seit diesem Schuljahr erstmals 4 zusätzliche Wochenstunden für unser autistisches Kind. Er wird dazu aus der Klasse geholt und arbeitet in einer 1:1-Situation mit zwei Lehrerinnen aus der Schule in der Bibliothek alle jede Themen auf, die im Rahmen des normalen Unterrichts gescheitert sind. Das hat das erste Semester gerettet! (Bewilligung: Antrag der Schule an die Bildungsdirektion – vormals Landesschulrat; Kostenübernahme über das Bildungsministerium)

Last but not least: Konsequenzen ziehen nicht

Autisten besitzen oft nicht die Voraussetzung, Angst vor Konsequenzen zu haben. Darum laufen solche Erziehungsmethoden prinzipiell ins Leere! Eine Einsicht bei autistischen Menschen erreicht man nur durch sachliche und logische Argumente!

Fazit:

Wir haben echtes Glück mit der Schule. Aber einfach ist es ganz und gar nicht – weder für das Kind, noch für uns Eltern oder das Lehrpersonal.

Ich möchte mit einem Zitat aus dem Buch Kinder und Jugendliche mit Autismus-Spektrum-Störung. Neue Wege durch die Schule. schließen:

Jede Schule sollte sich bewusst sein, dass die Andersartigkeit Teil der Vielfalt von Menschen mit jeweils individuellen Bedürfnissen ist. Eine solche Vielfalt sollte von den Schulen nicht als Störung, sondern als Bereicherung gewertet werden, denn Vielfalt ist die Quelle allen wahren Wachstums.

Schön!

Das könnte dich auch interessieren:

Quellen: Elterntraining mit der österreichischen Autismus Expertin Elvira Muchitsch; Kinder und Jugendliche mit Autismus-Spektrum-Störung. Neue Wege durch die Schule; eigene Erfahrungen

Buchempfehlung:

Kinder und Jugendliche mit Autismus-Spektrum-Störung. Neue Wege durch die Schule. Gutes Buch für Eltern sowie Pädagoginnen und Pädagogen. Durch verschiedene Sichtweisen – von Expertinnen und Experten, selbst Betroffenen sowie Eltern – bekommt man augenöffnende Einblicke in die Erlebniswelt von autistischen Menschen. Viele Fragen nach dem Warum erklären sich dann von selbst. Außerdem zeigt es detailliert und auf einzelne Schulfächer aufgeschlüsselt konkrete Empfehlungen für eine autistenfreundliche Schule.


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Hier plaudert Birgit, alias Mutti, 40+, seit 2009 aus dem Nähkästchen: Authentizitäts-Freak, selbstbewusst grauhaarig, kreativ angehaucht, völlig unperfekte Mutter. Familienblog aus dem Leben mit zwei Jungs - Mutter allein unter Männern. Mehr über Muttis Nähkästchen: About. Nix verpassen? Folgt mir via Social Media oder Newsletter.

Dieser Beitrag hat 5 Kommentare

  1. Wir haben auch Glück mit dem Gymnasium unseres Sohnes….war aber auch viel vorarbeit. Seine Klassenlehrerin hat er in englisch deutsch, Geografie… also über die Hälfte der Wochenstunden….. die Ablagekörben haben wir auch, nur farblich noch sortiert…jeder Schulfach hat seine Farbe in hefteinband Bucheinband und auch Fach zuhause….so bleibt der Überblick besser erhalten. Für Textaufgaben in Mathe kommt auch der markierstift zum Einsatz…. nur die wichtigen Zahlen anstreichen….. Text ignorieren…..

    Liebe Grüße Silke

  2. Ich kann dir nur zustimmen. Mein Asperger-Kind hat 3 Jahre ein Gymnasium besucht, das 1. Jahr war ok, im 2. Jahr ist er depressiv geworden und im 3. aggressiv. Latein war ein harter Brocken, und dass sich die Lehrerin eingebildet hat, es muss jeden Tag Hausübung gemacht werden, auch an dem Tag, an der er ohnehin erst um 17.00 Uhr nach Hause gekommen ist, hat es nicht leichter gemacht. Als die Schule gesehen hat, dass sich sein Verhalten nicht auf Knopfdruck ändern läßt, wollten sie ihn nur mehr loswerden (Vorschlag: SPZ). Er hat dann die 4. Klasse in der örtlichen Mittelschule besucht, und es ging gleich viel besser (sowohl Verhalten als auch Noten). Jetzt ist er im ersten Jahr an einem privaten Oberstufenrealgymnasium, das auch reformpädagogisch im Namen trägt, und die Aussage der Schulleitung ist: Wir sind glücklich, dass … an unserer Schule ist. Er ist auch einer der Klassenbesten. Anfangs musste ich trotzdem um die Aufnahme kämpfen, da der Großteil der Lehrer keine Ahnung von Autismus hatte und hinterfragt worden ist, ob er überhaupt intellektuell in der Lage ist, dem Unterricht zu folgen. Zum Glück gibt es an der Schule eine Integrationslehrerin, die sich auskennt und Aufklärungsarbeit geleistet hat. Mein Kind hat auch diese 4 Unterstützungsstunden – lt. Infoschreiben des Bundesministeriums könnten es aber mehr sein, wenn vom LSR mehr Stunden beantragt werden. Das werde ich nächstes Jahr versuchen.
    Die Schule ist eine Ganztagsschule. Anfangs dachte ich, dass ihm das zuviel wird, wenn er immer so spät heimkommt. Aber es passt super, weil er eben keine HÜs mehr machen muss, und er ohnehin nie verstanden hat, warum er zu Hause etwas für die Schule machen muss.
    Bin immer dankbar über Autismus-Berichte.
    Liebe Grüße, Brigitte

    1. Vielen, vielen lieben Dank für deine Rückmeldung! Erfahrungsberichte von euch helfen auch mir enorm weiter.
      Alles Gute, Birgit.

  3. Hallo,
    Ich bin durch Zufall auf dieser Seite gelandet. Wohl weil ich seit Wochen Google foltere, es soll mir doch bitte die richtige Schule für unseren Sohn ausspucken.
    Intellektuell ist er ein klassischer Kandidat fürs Gymnasium, aber mit seinem „Gepäck“ wäre Realschule vom Anspruch her leichter. Dachte ich, bis ich deinen Beitrag gelesen habe.
    Vielen Dank dafür!

    1. Danke für deine Rückmeldung. Bei uns lautete die Empfehlung der Experten: Gymnasium – auch wenn’s nicht leicht wird. Und es IST nicht leicht … da müssen schon alle mit im Boot sitzen: Eltern, Lehrer (!) und das Kind. Die halbe Miete ist schon gewonnen, wenn der Direktor bzw. die Direktorin sehr klar dahinter steht.
      Bei jeder anderen Schule würde sich ein Asperger “nach unten nivellieren” und zum klassischen Vermeider – probiert er zwar im Gymnasium auch, aber da ziehen ihn dann teilweise die anderen mit.
      Alles Gute! Birgit

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