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So äußert sich Autismus: Erfahrungsbericht

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So äußert sich Autismus: Erfahrungsbericht

Ist mein Kind Autist? Wie kann ich erkennen, ob mein Kind eine Autismus-Spektrum-Störung hat? Eine Leserin dieses Blogs erzählt ihre Geschichte aus erster Hand. Ihr Sohn war zum Zeitpunkt der Aufzeichnung 6,5 Jahre alt.


Zwischenruf in eigener Sache:

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Birgit und Christine von Muttis Nähkästchen

Für alle, die uns noch nicht kennen: Hier plaudern Birgit und Christine aus dem Nähkästchen und schreiben über das (Über-)Leben mit Kindern.

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Voraussichtliche Lesedauer: 13 Minuten

Wie kann ich erkennen, dass mein Kind Autist ist? Diese Frage stellen sich in letzter Zeit scheinbar immer mehr Eltern. Das zeigen meine persönlichen Erfahrungen und auch die Reaktionen hier am Blog. Erfahrungsberichte von anderen betroffenen Eltern sind in diesem Zusammenhang Goldes wert. Ich bin sehr dankbar, dass eine Leserin dieses Blogs – sie möchte aus Rücksicht auf ihren Sohn anonym bleiben – ihre Situation beschreibt.


So äußert sich Autismus - ein Erfahrungsbericht aus erster Hand


Mein Sohn ist anders, braucht länger, ist sehr willensstark

Mein Sohn, 6,5 Jahre, bereitet uns derzeit (und in Wahrheit schon seit längerer Zeit) Sorgen. Wir überlegen intensiv, wie wir ihm helfen können. Er war schon immer, d.h. heißt seit langer Zeit, ein etwas „anderes“ Kind. Er brauchte für viele Dinge, wie Schwimmen lernen, sich auf ein Klettergerüst trauen, sich etwas Aneignen, Vorläufer-Übungen für die Schule etc. viel länger und ist sehr, sehr willensstark.

Wenn ihm etwas nicht passt oder er etwas Spezielles sofort will, schreit oder jammert er so lange (teilweise über 1-2 Stunden), bis er es irgendwann bekommt. Das ist zum Teil völlig irrational und sinnlos, aber in dieser Sekunde/Stunde gibt es für ihn nur diese eine Sache und er blendet alles andere aus.

Dazu muss ich sagen, dass er Einzelkind ist, sehr behütet ist und natürlich sehr verwöhnt wird bzw. die volle Aufmerksamkeit hat. Vielleicht auch ein Fehler von uns, aber wer weiß das schon, keiner will einem Kind etwas Schlechtes.  


Routinen, Rituale und Spezialinteressen

Er ist wahnsinnig „marottig“, besteht auf seine Routinen und Rituale und kann eigentlich kaum von diesen abweichen. Wenn er dazu genötigt wird oder ihn etwas in seinem Thema stört, beginnt der Druck und auch teilweise sein Terror.

Seine „Themen“ kreisen in kontinuierlichen „Etappen“ immer wieder um dieselben Dinge. Dies sind zum Beispiel Elektrotechnik, Bahnhöfe oder Jahreszeiten. Er ist dann so tief drinnen im Thema, dass er unaufhörlich (mit jedem) wasserfallartig darüber redet, alles hinterfragt, hundertmal dasselbe fragt, alles zum Thema sehen will, etc.

Er kennt zum Thema viele Dinge auswendig, weiß extreme Details und es geht so weit, dass er überhaupt nicht zuhört oder folgt und fast in seiner Welt „gefangen“ ist. Unser Sohn baut dann an einem technischen Gerät herum, zerlegt es. Dann am Folgetag ist er in einem anderen Thema, ein paar Tage darauf beginnt das „Spiel“ wieder von vorne. Dies alles nur als Beispiel.


Kontakt mit anderen Kindern

Natürlich hat er auch ganz normale Phasen, hat Freude an Treffen mit anderen Kindern, Erlebnissen in der Natur etc. Beim Kontakt mit Kindern muss man sagen, dass er auch hier teilweise „eigen“ ist. Er hat Freude an Kindern, aber ganz oft sind es interessanterweise jüngere oder ältere Kinder, die ihn interessieren, nicht aber gleichaltrige.  


Sprachgewandtheit und Detailwissen

Sprachlich ist er extrem gut entwickelt, hat einen breiten Wortschatz, spricht in komplizierten Sätzen, etc. Auch kann er schwierige Zusammenhänge erfassen und logische Schlussfolgerungen ziehen. Er erinnert sich an extreme Details aus der Vergangenheit (Jahre zurück), vergisst aber wichtige Dinge, die man ihm 10 Minuten vorher sagte.


Eine Frage des Interesses

Folgen und aufpassen, was man ihm sagt, tut er wenig. Man kann Dinge 1000-mal wiederholen, hat aber das Gefühl, es kommt nicht an. Alles dauert ewig, er tut oft, was er will und wenn man ihm sagt, tu das bitte nicht, dann macht er es oftmals dennoch und findet das noch lustig. Die Kränkung oder unsere Wut erkennt er nicht. (Es ist aber nicht bösartig, er versteht es einfach nicht.)

Umgekehrt kommen alle Informationen sofort bei ihm an, wenn ihn etwas interessiert oder etwas wissen will. Er fragt viel nach, wenn Erwachsene reden, hört alles, registriert alles. Alles nur eine Frage, ob er Interesse hat oder nicht. Der Grad zwischen einem totalen konzentrationslosen Träumer und einem hoch interessierten kleinen Schlaumeier ist schwimmend.


Und dann begann die Schule …

Er wird sehr geliebt und bis dato haben wir seine „seltsame Art“ ganz gut kaschieren können und als simple Eigenheit abgetan.    Und jetzt ab Herbst begann die Einschulung – und das Unheil nahm seinen Lauf. Er wurde in der Regelschule eingeschult. Dort hat er die Aufnahme problemlos geschafft. Aber nun habe ich fast jede Woche mit der Lehrerin zu tun.

Meistens sind es „Hoppalas“ – passiert garantiert bei jedem Werk-/Malunterricht. Dort gibt es immer wieder total nasse Hefte oder verklebte Bücher, weil er nicht mit Wasserfarben oder Klebstoff hantierten kann (oder will?). Er nimmt viel zu viel Wasser, schüttet es dann um, verwischt alles. Er hat bis dato noch kein „Werk“ vollendet. Dann ist er deprimiert und zerreißt es mitunter auch.  

Im Lesen und Rechnen ist es genauso schwierig – jedoch nicht auf intellektueller Ebene, sondern im Bereich der Konzentration. Immer kommt von der Lehrerin der Input, dass er einfach dahin träumt, nicht aufpasst, was zu tun ist, und dann ganz etwas anderes macht. So hat er zum Beispiel eine Buchseite mit Rot bemalt, obwohl die Buchstaben „A“ und „E“ rot einzukreisen gewesen wären.

Schulaufgaben sind öfter daheim „nachzubearbeiten“ und Fehler auszumerzen. Die Lehrerin hat ihn schon seit einiger Zeit auf einen Einzelplatz gesetzt und spricht ihn direkt an. Aber es dringt oft nicht durch und er ist in seiner Gedankenwelt.

Auf unsere Nachfrage an ihn, wie es in der Schule war, sagt er gut. Aber er will darüber nicht reden. Auf die Frage, warum er sich nicht endlich konzentriert und mitmacht im Unterricht, sagt er (immer!), weiß ich nicht oder mal mag ich nicht (weil es interessiert ihn in dem Moment nicht).  


Hausaufgaben sind eine Sache der Tagesverfassung

Gleiches Thema haben wir bei der Hausübung: Er kommt heim, weiß manchmal nicht mal, was Hausaufgabe ist und/oder will sie nicht machen.

Manchmal kann es problemlos und spielend leicht klappen. Zum Beispiel, wenn wir einen guten Moment erwischen oder wir ihn mit einer Belohnung locken oder tun, was er will. Zum Beispiel muss meine Mama dabeisitzen und die Hausübung muss im Wohnzimmer mit dem einen roten Stift gemacht werden. An schlechten Tagen wird aus dem HÜ-Thema oder dem Thema Konzentration in der Schule der blanke Horror. Vielleicht liegt’s auch mit am verständnislosen und grantigen Nachfragen meinerseits


Flucht in ein Universum, in das wir keinen Zutritt haben

Er fängt dann wild an, ewig lang herum zu lachen, nur Blödsinn zu tun, reagiert nicht mehr auf Zureden, spricht 1000-mal Unsinnswörter. All das machte er vor der Einschulung nie! Die Wörter sind völlig sinnlos, irgendwie ist es fast so, als ob er sich in ein Universum flüchtet, in das wir keinen Zutritt haben, sobald er sich unter Druck gesetzt fühlt.

Gut zureden, schimpfen, ins Zimmer schicken, das Gespräch suchen, etc. bringt alles eigentlich nichts. Irgendwann (vielleicht durch eine Ablenkung) hört dieser „Anfall“ dann auf und man kann mit ihm wieder etwas anfangen.

In der Schule macht er so eine „Szene“ nicht, da gilt er zwar als Träumer mit Wahrnehmungsproblemen und Konzentrationslosigkeit, aber auch als gut erzogenes, liebes Kind.


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Schulpsychologische Untersuchung

Uns wurde durch die Schule angeraten, eine schulpsychologische Untersuchung machen zu lassen. Das haben wir getan. Ich ging zu einer niedergelassenen Schulpsychologin, weil ich dies nicht über die Schule durchführen lassen wollte. Ich hatte Bedenken, ihn dadurch einem etwaigen Stigma auszusetzen. Auch ist die Untersuchung der niedergelassenen Psychologin weitreichender und bezieht neben dem IQ und dem Entwicklungsstand viele weitere Aspekte mit ein. Wir warten derzeit auf das Ergebnis der Austestung, wir erfahren es demnächst.  


Wie soll es weitergehen?

Ich bin einfach, muss ich sagen, recht verzweifelt. Ich sehe, dass es in seiner jetzigen Klasse (auch wenn er die Lehrerin mag und seine Kollegen und alle sehr bemüht sind) so nicht weitergehen kann. Die Lehrerin und die Direktorin sehen ihn eher in der Vorschule. Ich weiß aber nicht, ob das der richtige Weg ist. Er kann bereits gut lesen, interessiert sich für diverse Sachthemen, will nur einfach das nicht tun, was man in dem Moment von ihm verlangt. Ich glaube nicht, dass das Thema dadurch, dass er in der Vorschule ist, gelöst wird.

Eher ist er dann vielleicht unterfordert, was die Unzufriedenheit steigert und im nächsten Herbst beginnt der Zirkus erneut. Vielleicht wäre eine andere Schulform für ihn besser? Ist er überhaupt beschulbar?

Er ist an sich recht intelligent, aber es scheitert an anderen Dingen. Es wäre eine Verschwendung, ihn irgendwo in einer „Sonderschule“ vergammeln zu lassen. 

Ich bin mir sicher, dass er neben einem extrem starken Willen und der Gewohnheit, viel zu bekommen, solange er „brüllt“, auch ein anderes Thema in sich hat. Ich schwanke zwischen Asperger und ADS, bin aber kein Arzt oder Psychologe. Man wird sehen, was bei der Austestung herauskommt. Ich will ihm aber nicht einen „Diagnosestempel“ aufdrücken und ihm womöglich in einem normalen Schulprozess schaden. Umgekehrt ist klar, dass es für uns alle derzeit kein tauglicher Zustand ist. 


Vielen lieben Dank, liebe Leserin!

Ich als betroffene Mutter bin mir fast sicher, dass sich hier eine Diagnose ergeben wird. Für uns persönlich war diese Diagnose sehr heilsam. Denn wir wussten endlich, woran wir sind. Unsere Geschichte hab ich hier am Blog immer wieder mit begleitet.


Mehr zum Thema Autismus und Asperger

Wir sind Betroffene.
Vielleicht können andere Betroffene von unseren Erfahrungen profitieren:


Ein paar Hilfsmittel und Lösungsstrategien, die wir uns mit der Zeit zusammengesucht und ausprobiert haben:


Asperger in der Schule





So äußert sich Autismus - ein Erfahrungsbericht aus erster Hand

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Birgit

Hier plaudert Birgit, alias Mutti, 40+, seit 2009 aus dem Nähkästchen: Authentizitäts-Freak, selbstbewusst grauhaarig, kreativ angehaucht, völlig unperfekte Mutter. Familienblog aus dem Leben mit zwei Jungs - Mutter allein unter Männern. Mehr über Muttis Nähkästchen: About. Nix verpassen? Folgt mir via Social Media oder Newsletter.

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