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Lernen unter COVID-19–Bedingungen: Bye-bye Lernfreude!

Lernen unter COVID-19–Bedingungen: Bye-bye Lernfreude!

Gestiegener Leistungsdruck, enorm viele Stunden vor dem PC und die Ungewissheit, wann es wieder in die Schule geht. Eine Studie der Universität Wien untersucht die Lernbedingungen unter COVID-19-Bedingungen seit Beginn der Pandemie. Die aktuellsten Ergebnisse zeigen besorgniserregende Ergebnisse – insbesondere für Oberstufen-Schüler*innen.

Ich bin Mutter eines Oberstufen- und eines Unterstufen-Schülers. Das Distance Learning knappert insgesamt enorm am Nervenkostüm – sowohl an dem der Eltern, wie auch an dem der Kinder. Während der Kleine im mittlerweile dritten Lockdown im Home-Learning sitzt, sitzt der Große nun schon seit 16. Oktober durchgehend daheim.

Keine leichte Situation!
Für niemanden!

Und eine aktuelle Studie bestätigt diese Herausforderungen und dass es insbesondere für die Oberstufen im Dauer-Lockdown bedeutet: Bye-bye Lernfreude!


Home-Learning 2020 in Österreich: Die Fakten

Mitte März bis Anfang Mai 2020 waren alle Schulen in Österreich geschlossen und der Unterricht wurde auf Home-Learning umgestellt. Es folgte eine Phase des Unterrichts im Schichtbetrieb von Mai bis zum Schulschluss Ende Juni bzw. Anfang Juli 2020. Dass das damals schon kein Honigschlecken war, hab ich hier zusammengefasst: Distance Learning mit Teenagern: Eine Abrechnung

Im September 2020 folgte unter Einhaltung diverser Hygienemaßnahmen ein regulärer Schulbeginn. Angesichts des Anstiegs der COVID-Fälle gingen die Oberstufen ab 3. November erneut ins Home-Learning. Nach weiteren Verschärfungen der Maßnahmen kam es dann auch für die Pflichtschüler*innen vom 17. November bis zum 6. Dezember zu einer Umstellung des Unterrichts auf Home-Learning.

Bei uns im Bundesland Salzburg sind die Rahmenbedingungen sogar noch verschärfter: Hier sind die Oberstufenschüler*innen bereits seit 16. Oktober 2020 im Lockdown. Der Grund dafür hat sich mir nie restlos erschlossen. Vermutet wird und wurde Aktionismus zur Rettung der Wintersaison. (Das ist ja „grandios in die Hose gegangen – ich geh mal kurz in den Keller lachen …)

Fazit: Oberstufenschüler*innen waren hierzulande bis Weihnachten:

  • nur FÜNF Wochen vor Ort in der Schule
  • und ZEHN Wochen im Distance Learning

Und seit 7. Jänner sitzen erneut alle Schülerinnen und Schüler zuhause. Ende ungewiss … Zuletzt wurde der 25. Jänner 2021 als Wiedereinstieg in die Präsenzlehre kolportiert. Seit heute wissen wir: bis zu den Semesterferien. Manche munkeln aber auch was von „nicht vor den Osterferien“.
Wir werden sehen …

Aber wie geht’s eigentlich den Jugendlichen beim Lernen unter COVID-19–Bedingungen?

Studie: „Lernen unter COVID-19–Bedingungen“

Die Fakultät für Psychologie der Universität Wien begleitet mit der Studie „Lernen unter COVID-19–Bedingungen“ österreichische Schülerinnen und Schüler seit Beginn der Corona-Maßnahmen im Frühjahr 2020. Die Studie untersucht wie Schüler*innen mit dieser Situation zurechtkommen, wie es um die psychologischen Grundbedürfnisse steht, welche Herausforderungen sich stellen, aber auch, ob sich dadurch neue Lernwege auftun.

Die mittlerweile vierte Erhebung während des zweiten harten Lockdowns im Herbst 2020 zeigt besorgniserregende Ergebnisse, insbesondere für Oberstufen-Schülerinnen und Schüler.

An der vierten Erhebung nahmen mehr als 13.000 Schüler*innen während des zweiten „harten“ Lockdowns teil. Die Schülerinnen und Schüler wurden mittels Online-Fragebögen befragt. Daraus ergibt sich ein Problem: Weil Schüler*innen ohne geeignete technische Möglichkeiten nicht teilnehmen konnten, ist die Stichprobe insgesamt nicht repräsentativ. Und noch schlimmer: Es ist davon auszugehen, dass Risikogruppen eher unterschätzt werden!

Ergebnisse der Studie „Lernen unter COVID-19–Bedingungen“

Die Ergebnisse zeigen deutliche Unterschiede zwischen Oberstufenschüler*innen und Pflichtschüler*innen: Fast doppelt so viele Oberstufenschüler*innen gaben eine Verschlechterung ihrer Lernfreude an. Als Gründe nannten sie besonders häufig:

  • gestiegener Leistungsdruck
  • Belastung durch zu viele Stunden vor dem PC
  • Ungewissheit, wann sie wieder in die Schule zurückkehren dürfen.

Ältere Schüler*innen berichteten auch häufiger ein schlechteres Wohlbefinden als jüngere Schüler*innen sowie eine Verschlechterung ihres Wohlbefindens im Vergleich zum ersten Lockdown.

Mit Blick auf die kommenden Wochen machen sich die Schüler*innen – insbesondere die Oberstufenschüler*innen – am meisten Gedanken hinsichtlich Überforderung. Sie berichten über Sorgen und Ängste, den schulischen Anforderungen nicht zu entsprechen.

Ergebnisse im Detail: Lernsituation im zweiten harten Lockdown

Lernen unter COVID-19–Bedingungen: 79,7 Prozent der Schüler*innen lernten zum Befragungszeitpunkt ausschließlich von zu Hause aus. 11,0 Prozent gaben an, die Schule einmal pro Woche physisch zu besuchen. 2,2 Prozent besuchten die Schule zweimal, 0,7 Prozent dreimal und 0,7 Prozent viermal pro Woche. 5,7 Prozent nahmen das Angebot des Schulbesuchs täglich in Anspruch.

Als Grund für den Schulbesuch gaben 20,4 Prozent der Schüler*innen, die die Schule zumindest einmal besucht hatten an, dass sie dort besser lernen könnten. 6,5 Prozent gaben an, dass ihre Eltern arbeiten mussten und 3,0 Prozent berichteten, dass ihre Eltern aus ihnen nicht bekannten Gründen entschieden hatten, sie in die Schule zu schicken. 70,1 Prozent gaben andere Gründe an, etwa um Aufgaben abzugeben, Fragen zum Lernstoff zu stellen oder um Lernmaterialien abzuholen.

Zeitaufwand für schulbezogene Aktivitäten

Die Schüler*innen gaben an, sich durchschnittlich 7,1 Stunden pro Tag mit schulbezogenen Aktivitäten zu befassen. Im Vergleich dazu lag der Mittelwert während desersten Lockdowns in Frühjahr bei durchschnittlich 5 Stunden pro Tag.

Detailergebnisse zum Zeitaufwand von schulbezogenen Aktivitäten im zweiten Lockdown:

  • 49,5 Prozent: täglich 8 Stunden
  • 33,9 Prozent: 5 bis 7 Stunden
  • 15,4 Prozent: 2 bis 4 Stunden
  • 1,2 Prozent: bis zu einer Stunde

Je älter die Schüler*innen, desto mehr Zeit verbrachten sie täglich mit schulbezogenen Aktivitäten.

Rahmenbedingungen für das Distance Learning

  • 98,7 Prozent der Befragten hatten einen Computer/Laptop oder Tablet zur Verfügung, wenn sie es für die Schule benötigten.
  • 26,1 Prozent gaben an, in der Familie keine Unterstützung beim Lernen zu erhalten, wenn sie es benötigten.
  • 70,9 Prozent der Schüler*innen, die Unterstützung in der Familie erhielten, bekamen diese hauptsächlich von ihren Müttern.

Kommunikation mit den Lehrpersonen

  • Mehr als die Hälfte der Schüler*innen gab an, sich von den Lehrpersonen beim Lernen sehr gut (16,4 Prozent) oder gut (35,7 Prozent) unterstützt zu fühlen.
  • 35,6 Prozent fühlten sich mittelmäßig gut unterstützt.
  • 12,3 Prozent gaben an, sich schlecht (9,5 Prozent) oder sehr schlecht (2,8 Prozent) unterstützt zu fühlen.

Besonders gut fühlten sich die Schüler*innen der Mittelschulen von ihren Lehrpersonen unterstützt.

Im Durchschnitt standen die Schüler*innentäglich 4 Stunden in direkten Kontakt mit ihren Lehrpersonen.

Verwendung von digitalen Plattformen

Während in Befragungen während des ersten Lockdowns die Verwendung zu vieler Plattformen von vielen Schüler*innen als Problem angegeben wurde, verwendeten während des zweiten Lockdowns knapp 80 Prozent der Befragten nicht mehr als zwei Lernplattformen (Eine Plattform: 44,9 Prozent; Zwei: 34,9 Prozent). 13,5 Prozent verwendeten drei Lernplattformen und 6,1 Prozent benutzten vier oder mehr. 0,6 Prozent gaben an, keine Lernplattform zu verwenden.

47,8 Prozent der Befragten gaben an, auch über andere Kanäle als Lernplattformen (z.B. WhatsApp, E-Mail) mit ihren Lehrpersonen zu kommunizieren.

Wie hat sich das Lernen verändert?

Etwas mehr als ein Drittel der Befragten gaben an, dass ihnen die Aufgaben im Home-Learning besser gelangen, als in der ersten Home-Learning Phase im Frühjahr. Knapp 43 Prozent gaben an, dass es gleich gut funktioniert. Für 18,7 Prozent hat sich die Situation verschlechtert.

Je älter die Befragten waren, desto eher berichteten sie von Verschlechterungen. Dies trifft auch auf die Lernmotivation zu.

Lernmotivation im zweiten Lockdown

Betrachtet man die Angaben der Pflichtschüler*innen und Oberstufenschüler*innen getrennt, zeigt sich Besorgniserregendes: Oberstufenschüler*innen berichten fast doppelt so oft Verschlechterungen ihrer Lernfreude im Vergleich zur ersten Home-Learning Phase.

Auf die Frage, was sich konkret an ihrer Lernsituation verschlechtert hatte, nannten die Oberstufenschüler*innen besonders häufig gestiegenen Leistungsdruck und Belastung durch zu viele Stunden vor dem PC auf Grund des höheren Anteils an Videokonferenzen im Vergleich zum Frühjahr.

Viele gaben an, mehr Schwierigkeiten zu haben, die Motivation und Energie für die Erledigung ihrer Schulaufgaben aufzubringen. Zusätzlich sei die Ungewissheit, wann sie wieder in die Schule zurückkehren dürfen, belastend.

Wohlbefinden der Schüler*innen

44 Prozent der Schüler*innen stimmten der Aussage zu, sich derzeit gut zu fühlen (Stimme genau zu: 22,8 Prozent; Stimme ziemlich zu: 31.2 Prozent). 22,9 Prozent stimmten der Aussage etwas zu, während 15,0 Prozent eher nicht und 8,1 Prozent nicht zustimmten.

Im Vergleich zum Home-Learning im letzten Schuljahr fühlten sich 48,9 Prozent der Befragten besser (Besser: 31.3 Prozent; Etwas besser: 17.6 Prozent). 19,7 Prozent berichteten keine Veränderung, während sich 28.2 Prozent schlechter fühlten. Rest: keine Angabe.

Je jünger die Befragten, desto eher gaben sie an, sich derzeit gut zu fühlen und desto eher berichteten sie besseres Wohlbefinden als in der ersten Home-Learning Phase. Umgekehrt berichteten ältere Schüler*innen häufiger niedriges Wohlbefinden, wie auch Verschlechterungen des Wohlbefindens im Vergleich zum Frühjahr.

Eine Verbesserung oder Verschlechterung des Wohlbefindens hängt mit Veränderungen in der Erfüllung der psychologischen Grundbedürfnisse zusammen. Insbesondere betroffen sind:

  • Kompetenzerleben (subjektiver Lernerfolg)
  • Autonomie (Gestaltungsspielraum beim Lernen)
  • soziale Eingebundenheit

Je erfolgreicher sich Schüler*innen beim Lernen wahrnahmen, je mehr Gestaltungsspielraum sie beim Lernen erlebten und je eher sich der Kontakt mit ihnen wichtigen Personen verbessert hatte, desto eher gaben sie auch Verbesserungen ihres Wohlbefindens an.

Leistungsdruck beschäftigt die Schüler*innen am meisten

Auf die Frage, worüber sie sich am meisten Gedanken machen, wenn sie an die kommenden Wochen denken, bezieht sich ein Großteil der Antworten der Schüler*innen auf Leistungsdruck. Insbesondere Oberstufenschüler*innen berichten von Überforderung, Sorgen und Ängsten, den schulischen Anforderungen nicht zu entsprechen:

„Ich mache mir Sorgen darüber, wie ich das alles schaffen soll. Seit Tagen habe ich keine Freizeit mehr und war nicht an der frischen Luft.“

Teilnehmende*r Oberstufenschüler*in

„Wie ich meine schlechten Noten ausbessern soll und wie ich so viele Arbeitsaufträge schaffen soll.“

Teilnehmende*r Oberstufenschüler*in

Außerdem beschäftigt viele Schüler*innen die Ungewissheit bezüglich schulischer Belange:

„Darüber, dass ich nicht weiß, wie die Matura aussehen wird.“

Teilnehmende*r Oberstufenschüler*in

„Es macht mich einfach fertig keine Informationen zu bekommen.“

Teilnehmende*r Oberstufenschüler*in

Quelle: Lernen unter COVID-19-Bedingungen, Fakultät für Psychologie, Universität Wien. Projektleitung: Univ.-Prof. Dr. Barbara Schober, Ass.-Prof. Dr. Marko Lüftenegger, Univ.-Prof. DDr. Christiane Spiel.


Fazit: Vergesst “die Großen” nicht!

Unsere Herausforderung heißt momentan weniger Lernstoff, sondern vielmehr Lernfreude, Erhalt der Neugier und der Motivation – irgendwie den Energielevel zu halten. Und da sind wir Eltern enorm gefragt!

Dabei sind wir doppelt gestraft: Denn es gibt keinerlei Erleichterungen oder Sonderbetreuungszeiten für Eltern mit Kindern in der Oberstufe! Auch freiwillige Vor-Ort-Lehre war und ist nicht vorgesehen.

Lernen unter Covid-19-Bedingungen:
Vorsicht Schulabbrecher!

Freilich gibt es auch Jugendliche, die diese Belastungen im Distance Learning mit links wegstecken. Oder die, die geänderten Rahmenbedingungen sogar als Erleichterung empfinden. Und ja, es gibt die Jugendlichen, die durch intrinsische Motivation trotz aller widrigen Umstände freudig und aus eigenem Antrieb ans Werk gehen. ABER es sind bei weitem nicht alle!

Besonders Schülerinnen und Schüler, die sich in manchen Bereichen schwertun, bleiben möglicherweise auf der Strecke. Sie sind hochgradig in Gefahr, das Handtuch zu werfen!

“Alle Studien zeigen, wenn ich lange keinen Erfolg beim Lernen habe und nicht weiterkomme, höre ich auf. Denn ich kann nicht dauernd etwas tun, bei dem ich nur Misserfolge habe.”

Studienautorin Christiane Spiel im SN-Interview vom 9. Jänner 2021

Im schlimmsten Fall führt das zur Ablehnung von Schule und Lernen. Diese Schülerinnen und Schüler zurückzuholen, gestaltet sich schwierig.

Daher: Bei allem Verständnis für die Schulschließungen zur Eindämmung des Infektionsgeschehens, sollten wir die Kollateralschäden nicht aus den Augen verlieren! Wenn wir Milliarden Euro in die Wirtschaft pumpen, dann sollten wir das in gleicher Weise für die Jugend tun! Das wäre Nachhaltigkeit. Und zwar nicht nur für Einzelne, sondern aus volkswirtschaftlicher Sicht für uns alle!


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Hier plaudert Birgit, alias Mutti, 40+, seit 2009 aus dem Nähkästchen: Authentizitäts-Freak, selbstbewusst grauhaarig, kreativ angehaucht, völlig unperfekte Mutter. Familienblog aus dem Leben mit zwei Jungs - Mutter allein unter Männern. Mehr über Muttis Nähkästchen: About. Nix verpassen? Folgt mir via Social Media oder Newsletter.

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