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Hochbegabung: Testen oder nicht testen?

Hochbegabung: Testen oder nicht testen?

Hochbegabung und IQ-Test: Soll ein begabtes Kind getestet werden? Und wenn ja, wie kann das am besten geschehen?
Dr. Johanna Stahl, wissenschaftliche Mitarbeiterin am Österreichischen Zentrum für Begabtenförderung und Begagabungsforschung (ÖZBF), zeigt Vorteile und Nutzen einer Testung, aber auch Nachteile und mögliche Probleme sowie den idealen Zeitpunkt:



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Auf die Frage “Testen oder nicht?” gibt es keine allgemeingültige Antwort, da immer wieder abgewogen werden muss, ob eine Testung im individuellen Fall sinnvoll ist. Daher sollte vorrangig immer erst gefragt werden, welche diagnostischen Informationen für die Begabungsförderung eines Kindes überhaupt benötigt werden. Dies kann auch Testungen (insbesondere Intelligenztests) einschließen, muss es aber nicht.

Eine Begabungsdiagnostik, die lediglich Intelligenztests umschließt, vernachlässigt jedoch einen wichtigen Aspekt: eine Intelligenztestung ist lediglich die objektive Feststellung der  intellektuellen Leistungsfähigkeit einer Person – nicht mehr und nicht weniger. Dass damit keinesfalls eine umfassende Begabungsdiagnostik erreicht werden kann, leuchtet angesichts der Vielgestaltigkeit von „Begabung“ schnell ein.

Nur in wenigen Begabungsdomänen sind Leistungen durch Tests messbar und somit quantifizierbar. Neben den in den meisten Fällen eingesetzten Intelligenztests kommen in der Begabungsdiagnostik auch Konzentrations- und Leistungstests, Kreativitätstests und Motivationstests zum Einsatz. Intelligenztests und andere Testverfahren bieten verschiedenste Vorteile, bergen aber auch Nachteile:

Vorteile und Nutzen von Testverfahren

  • Genauigkeit und Objektivität: Testverfahren stellen generell die genaueste Methode zur Messung von Leistungen dar und erfüllen zumeist die wissenschaftlichen Gütekriterien für Testverfahren (Objektivität, Reliabilität und Validität). Professionell angewandt und von ausgebildeten Expertinnen und Experten durchgeführt, erlauben Tests eine objektive Erfassung der individuellen Leistung im Vergleich mit der jeweiligen Altersgruppe. Somit erleichtern sie die Bewertung von Verhaltensbeobachtungen und subjektiven Eindrücken. So sind Intelligenztests der exakteste Weg, intellektuelle Leistungsfähigkeit zu messen und weitaus verlässlicher als andere Methoden.
  • Differenziertes Begabungsprofil (bei Intelligenzstrukturtests): Abhängig vom gewählten Verfahren bieten Intelligenztests mithilfe eines Begabungsprofils differenzierte Einblicke in verschiedene kognitive Fähigkeitsbereiche und können so auch bisher übersehene Leistungspotenziale aufdecken.
  • Testverfahren als Voraussetzung für bestimmte Förderungen oder teil von Differenzialdiagnostik:
    • Differenzialdiagnostik zur Identifikation von Underachievement und zur Abgrenzung von Teilleistungsschwächen (Dyslexie, Dyskalkulie) oder bei dem verdacht auf hyperkinetische Störungen (AD(H)S) oder Entwicklungsstörungen (z.B. Asperger-Syndrom)
    • Vorzeitige Einschulung
    • Überspringen bzw. Teilspringen von Schulstufen (z.B. bei Uneinigkeit zwischen Eltern und Lehrperson bezüglich der Leistungsfähigkeit des Kindes)
    • Zugang zu spezifischen Fördermaßnahmen (z.B. Eintritt in Spezialklassen und -schulen bzw. Begabtenklassen und -schulen etc.)
    • Fehlende Leistungsmotivation trotz hoher Fähigkeiten
    • Störendes Verhalten in der Schule bei Unklarheit bezüglich der Potenziale des Kindes
  • Bestätigung: Testungen können einen eigenen Verdacht bestätigen und bei der betroffenen Person zur Steigerung des Selbstbewusstseins beitragen. ebenso kann ein testdiagnostischer Befund im sozialen Umfeld Verständnis für spezifische Bedürfnisse wecken und Erziehungsberechtigten und Lehrkräften Klarheit und Sicherheit bieten.

Hochbegabung: Testen oder nicht Testen? Das sagt die Forschung: Vorteile, Nachteile und der ideale Zeitpunkt

Nachteile und mögliche Probleme beim Einsatz von Tests

  • Einsatzspektrum von Begabungsdiagnostik:

    Neben der intellektuellen Leistungsfähigkeit können nur wenige Begabungsdomänen durch Tests erfasst werden. Vielfach führt das dazu, dass Begabungsdiagnostik auf eine IQ-Messung reduziert wird. Eine derart eindimensionale Diagnostik lässt jedoch wichtige andere kognitive und nicht-kognitive Merkmale außer Acht, die in einer ganzheitlichen Begabungsdiagnostik unverzichtbar sind.

  • IQ – ein Name, viele Konzepte:

    Es gibt viele unterschiedliche Intelligenztests mit inhaltlichen Unterschieden. Daher können IQ-Werte aus verschiedenen Tests nicht ohne weiteres miteinander verglichen werden. Die oft gleiche Benennung des Intelligenztestergebnisses als „IQ“ oder „allgemeine Intelligenz“ verleitet dazu, inhaltlich verschiedene Maße miteinander zu vergleichen. Das sprichwörtliche Birne-oder-Apfel-Problem wird besonders dann problematisch, wenn IQ-Werte aus unterschiedlichen Testverfahren unreflektiert miteinander verglichen werden.

  • Testeignung und Aktualität:

    Für die Diagnostik intellektueller Hochbegabung sind nicht alle verfügbaren Intelligenztests gleich gut geeignet. Da viele Verfahren darauf ausgerichtet sind, sehr genau im mittleren Leistungsbereich zu messen, treten Deckeneffekte bei Messungen im überdurchschnittlichen Bereich auf, wenn ein Testverfahren für eine Person zu leicht ist und sie alle Aufgaben (sogar die schwierigsten) lösen kann. In einem solchen Fall differenziert ein Test nicht mehr zwischen leicht überdurchschnittlichen und weit überdurchschnittlichen Leistungen, da er für die betreffende Personengruppe zu leicht ist. In diesem Fall kann die wahre Leistungsfähigkeit der Person nur sehr ungenau geschätzt werden – der resultierende IQ ist mit einem größeren Messfehler behaftet als ein Testwert im mittleren Leistungsbereich. Abhilfe schaffen hier speziell für die Hochbegabungsdiagnostik entwickelte Testverfahren und adaptive Tests, welche abhängig von zuvor gelösten Aufgaben zunehmend schwierigere Aufgaben auswählen.
    Ebenso wichtig ist bei allen Testverfahren die Aktualität und Repräsentativität der zugrunde liegenden Vergleichsnormen. Die Testleistungen der Bevölkerung (und damit die der Vergleichsgruppe) verändern sich im Laufe der Zeit und sind in den letzten Jahrzehnten angestiegen („Flynn-Effekt“). Liegt die Normierung eines Intelligenztests  mehr als 10–15 Jahre zurück, muss daher angenommen werden, dass der mit dem Test gemessene IQ-Wert die wahre intellektuelle Leistungsfähigkeit einer Person überschätzt.

  • Statusdiagnostik und Stabilität des IQ:

    Tests liefern aussagen über den aktuellen Leistungsstand einer Person in einem bestimmten Bereich verglichen mit der entsprechenden Altersgruppe. Diese Statusdiagnostik kann nur bedingt für die Prognose der zukünftigen Entwicklung herangezogen werden. So zeigt sich in der Intelligenzentwicklung, dass die Stabilität der IQ-Werte über die Lebenszeit zunimmt. während die IQ-Werte im Kleinkindalter nur eine sehr geringe Stabilität aufweisen, nimmt diese ab dem Schulalter bis in das Erwachsenenalter zu. Zusätzlich führt die rasche und teilweise sprunghafte Entwicklung der Intelligenz im Vorschulalter dazu, dass ein Intelligenztestergebnis sowohl eine normale Entwicklung als auch einen Entwicklungsvorsprung oder -rückstand abbilden kann. Intelligenzmessungen im frühen Kindesalter sind also kaum dazu geeignet, die zukünftige kurz- und langfristige Intelligenzentwicklung zuverlässig vorherzusagen. So ist es wissenschaftlich nicht haltbar, einem im Vorschulalter als intellektuell hochbegabt identifizierten Kind eine dauerhafte intellektuelle Hochbegabung vorherzusagen. Zudem vernachlässigt eine derartige Prognose die Tatsache, dass hohes Leistungspotenzial allein noch kein Garant für das Erreichen hoher Leistungen ist, sondern ein förderliches Zusammenspiel von hohem Leistungspotenzial, nicht-kognitiven Personenmerkmalen und sozialer Umwelt benötigt. Aus den angeführten Gründen werden Intelligenztest generell erst ab dem 5. Lebensjahr empfohlen und sollten im Rahmen von diagnostischen Entscheidungen selbst bei Grundschulkindern nicht länger als ein Jahr zurück liegen.

  • Professionalität:

    Für Laien ist oft nicht offenkundig, wo sorgfältige und professionelle Diagnostik erwartet werden kann. Testungen dürfen grundsätzlich nur von speziell geschulten Personen durchgeführt werden. Professionelle Testdiagnostik zeichnet sich aus durch die Auswahl eines individuell passenden Testverfahrens, sorgfältige Verhaltensbeobachtung während der Testdurchführung sowie durch ein ausführliches Testgutachten, das neben Angaben zum verwendeten Testverfahren idealerweise ein Begabungsprofil sowie Anregungen für individuell geeignete Fördermaßnahmen enthält. häufig wird erst nach einer testung offensichtlich, ob diese Qualitätsansprüche erfüllt wurden.

  • Soziale Folgen:

    Neben positiven Effekten auf das Selbstkonzept einer Person können Testergebnisse bei fehlender Anstrengungsbereitschaft auch eine Entwicklungsstagnation bewirken. Außerdem können sie bei Bekanntwerden des Testergebnisses zu einer Stigmatisierung im sozialen Umfeld führen.

Fragen im Vorfeld

Die Abwägung, ob im Rahmen einer Begabungsdiagnostik Tests eingesetzt werden sollen, hängt neben der Berücksichtigung der angeführten Vor- und Nachteile vor allem davon ab, welche Fragestellung mit Hilfe der Diagnostik beantwortet werden soll. Aus diesem Grund sollten im Vorfeld die folgenden Fragen geklärt werden:



  • Welche diagnostischen Informationen werden benötigt, um die im individuellen Fall passende Fördermaßnahme auswählen zu können?
  • Welche diagnostischen Verfahren (Testverfahren, Fragebogen, Beobachtungsverfahren, Interview/diagnostisches Gespräch etc.) sind geeignet, die benötigten Informationen zu erfassen?

Diese Überlegungen sind Grundlage für die Auswahl von Diagnostikverfahren, die die jeweils benötigten Informationen erfassen. Insbesondere Eltern und andere Bezugspersonen sollten vor einer Testung überlegen, welche konkrete Unterstützung sie sich von einer Testung erhoffen und ob diese Erwartungen durch einen Test erfüllt werden können. Zudem sollte klar sein, wie dem Kind erklärt wird, worum es sich bei der Testung handelt und warum diese notwendig ist. Auch muss kritisch reflektiert werden, wie man selbst mit einem möglicherweise überraschenden Testergebnis umgeht und erwägen, welche Folgen eine Testung haben könnte.

Auf diese fragen gibt es keine allgemeingültigen Antworten, ebenso wenig wie es eine generelle Empfehlung für oder gegen Testungen geben kann. Stattdessen braucht es neben einer professionellen diagnostischen Begleitung eine kritische Abwägung des Nutzens von Tests und anderen Diagnostikverfahren für die im Einzelfall anstehenden Förderentscheidungen. Damit Fördermaßnahmen langfristig wirken können, braucht es – neben punktuellen Statusfeststellungen – eine kontinuierliche Förderung, die nicht nur die Begabungen, sondern auch Motivation, Persönlichkeit sowie das Umfeld einer Person berücksichtigt und sie darin unterstützt, ihr Handlungsrepertoire stetig zu erweitern.

Buchempfehlungen zu Hochbegabung und Intelligenztestung:

Johanna Stahl, ÖZBFÜber die Autorin:
Dr. Johanna Stahl ist wissenschaftliche Mitarbeiterin am Österreichischen Zentrum für Begabtenförderung und Begagabungsforschung (ÖZBF). Ihre Arbeitsschwerpunkte liegen in der Untersuchung von Wirkung und Nachhaltigkeit verschiedener Fördermodelle und Entwicklung von diagnostischen Verfahren für die Begabungsförderung.

Quelle: Dieser Beitrag erschien zuerst in der Zeitschrift news&science. Begabtenföderung und Begabungsforschung, Nr. 36/37 Ausgabe 1/2, 2014 / ISSN: 1992-8823 und wurde mit freundlicher Genehmigung des ÖZBF hier zweitveröffentlicht. Zitate und Literatur siehe Originalquelle: http://www.oezbf.at/wp-content/uploads/2018/06/ns-36-37-52-52-stahl.pdf
Hochbegabung: Testen oder nicht Testen? Das sagt die Forschung: Vorteile, Nachteile und der ideale Zeitpunkt

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Muttis Nähkästchen

Hier plaudert Birgit, alias Mutti, 40+, seit 2009 aus dem Nähkästchen: Authentizitäts-Freak, selbstbewusst grauhaarig, kreativ angehaucht, völlig unperfekte Mutter (aka. Rabenmutter). Familienblog aus dem Leben mit zwei Jungs - Mutter allein unter Männern. Mehr über Muttis Nähkästchen: About. Nix verpassen? Folgt mir via Social Media oder Newsletter.

Dieser Beitrag hat 2 Kommentare

  1. Hallo,
    definitiv testen, man sollte seine Kinder immer fördern! Sollte das eigene Kind hoch Intelligent sein wird es sich sehr schnell langweilen in der Schule da der Stoff für ihn einfach zu leicht und langweilig ist!

  2. Hallo alias Mutter 40+ 😉

    bin rein zufällig auf deinen Blog gestoßen und erkenne unsere Familie in vielen deiner Geschichten wieder.
    Ich bin, wie du so schön beschrieben hast, ebenfalls eine Arschloch-Kind-Mutter von drei Kindern. Kita Gespräche, Elternsprechtage in der Grundschule waren ein Graus, zumindest bei meinem Großen.

    Zum eigentlichen Thema der Testung von Hochbegabung, kann ich nur sagen, dass man das individuell betrachten muss. Läuft das Kind gut mit ohne weitere Probleme, warum sollte man es testen…

    Bei unserem Grossen drängte sich bei mir häufiger mal die Frage auf ob er vielleicht hochbegabt ist. Er weiß und wusste schon immer viel, allerdings brachte er in der Schule nicht die Leistung die er hätte erbringen können. Und er ist ein Arschlochkind! ( so betitelte er sich schon selbst traurigerweise). Er lief einfach nicht in der Spur wie andere Kinder. Unser Kind drohte bereits mit 7 in eine Depression abzurutschen. Ich könnte noch weiter ausholen…
    Ende vom Lied war ein Kinder und Jugenpsychiater aufzusuchen, da er leider, hätte sich sein Verhalten nicht geändert, der Schule verwiesen worden wäre.

    Dort wurde zur Diagnostik ein IQ Test gemacht.
    Zum Glück! Denn jetzt hatten wir was in der Hand für die Lehrer.
    Er hat eine wahnsinnig schnelle Auffassungsgabe, Verarbeitungsgeschwindikeit und Merkfähigkeit. Allerdings eine geringe Arbeitsgeschwindigkeit. Heißt: Hohe Diskrepanz. Er denkt schneller als er arbeiten kann…deshalb Ausraster und ähnliches…könnte reichlich aufzählen. Ausserdem ist er mit ADS diagnostiziert. Autismusspektrum ist nicht ausgeschlossen aber auch nicht bestätigt. Er hat Probleme mit seiner Implsivität. Diskrepanzen in seinem Sozial-Emotionalem-Verhalten.

    Jedenfalls mit dem IQ-Test in der Hand, konnten sich die Lehrer auf einmal auf ganz andere Gespräche einlassen und Maßnahmen.
    Unser großer ist jetzt seit letztem Jahr auf dem Gymnasium und ihm geht es gut da!
    Seine Aussage:“ Endlich fühle ich mich verstanden von den anderen Kindern“
    Er ist jetzt ein glückliches und ausgeglichenes Kind und bei uns hat der IQ Test Wunder bewirkt.

    Ich werde sicherlich häufiger mal in deinen Blog schauen…

    Liebe Grüße von A-Mama zu A-Mama
    bin froh das es andern Müttern ähnlich gehen kann.

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