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Always on: Wie sich digitale Medien auf unser Gehirn auswirken

Always on: Wie sich digitale Medien auf unser Gehirn auswirken

“Always on” – dauernd online … Ein Thema, das aus unserer heutigen Lebensrealität nicht mehr wegzudenken ist: digitale Medien. Wie gehen wir damit um? Wie wirken sie sich auf uns aus? Und wie können wir Kinder und Jugendliche in dieser Welt begleiten?
Die Zusammenfassung des Fachvortrags von Neuro-Wissenschaftler Prof. Dr. Montag. Plus: 5 Tipps für einen gesunden Umgang mit digitalen Medien.



Zwischenruf in eigener Sache:
Quarantäne mit Kindern: Tipps gegen Lagerkoller und Tipps gegen Langeweile Jede Menge Tipps und Tricks rund um die Corona-Zeit

Home-Schooling, Home-Office - neue Herausforderungen in einer sehr herausfordernden Zeit! Wir haben ordentich in die Tasten geklopft und Expert*innen befragt: Tipps gegen Lagerkoller und Langeweile, jede Menge schnelle Rezeptideen, Tipps für die Struktuerierung des Tages, 18 Maßnahmen zur Vermeidung von Konflikten, Vorratshaltung für Familien und vieles, vieles mehr.

Hier entlang: Tipps für Familien in der Corona-Krise



Nachbericht des Fachvortrags von Prof. Dr. Montag vom 29.11.2019 in Wien, verfasst von meiner lieben Blogger-Kollegin Eva von meiliabstespeis.at:

Prof. Dr. Christian Montag erforscht seit 10 Jahren die Auswirkung der digitalen Medien auf unser Gehirn. Wenn wir bedenken, dass Apple das erste iPhone erst 2007 am Markt einführte und damit die Ära des Smartphones einläutete, ist er ein Urgestein dieses Forschungsbereiches. Wer einen verwirrten Professor erwartete, wurde überrascht. Prof. Montag selbst ist in seinen Vierzigern und bereist im Zuge seiner Forschungsarbeiten die ganze Welt. Er diskutiert an einem Tisch mit Mark Zuckerberg und hält Professuren an den Universitäten Ulm, Bonn und Chengdu (China). Und er ist Familienvater. Ein Antrieb, der auch ihn emotional nicht loslässt und so berichtete er nicht nur nüchtern von statistischen Erhebungen, sondern auch über seine eigene Grenzwanderung zwischen den Welten – und plauderte so zu sagen aus dem Nähkästchen.

Die digitale Welt: Ich seh’, ich seh’, was Du nicht siehst.

Damit wir eine Vorstellung haben, wie präsent die digitale Welt in unserem heutigen Leben ist, können wir uns ein paar Zahlen vor Augen führen. Aktuell gibt es weltweit 2,3 Mrd. Facebook Nutzer, 1,5 Mrd. WhatsApp Nutzer und rund 1 Mrd. Instagram Nutzer. Die asiatischen Plattformen WeChat und TikTok sind auch längst keine Tools mehr, die gen Westen schielen, sondern sind selbst zu Innovationsführern geworden.

WeChat (vergleichbar mit WhatsApp) nutzen 1,04 Mrd. Menschen und bezahlen ihr Leben selbst in abgelegensten Teilen Chinas in integrierter Form mit dieser App – etwas, das uns noch bevor steht, aber so fix kommen wird, wie das Amen im Gebet. 1,5 Mrd. Menschen nutzen TikTok (vergleichbar mit youtube) und bekommen dabei genau das zu sehen, was politisch erlaubt ist. Und zwar weltweit – die chinesische Partei zensiert die Inhalte für TikTok nicht nur für China.

Unsere Inhalte hingegen bestimmen Konzerne. Die Ethik-Frage geht hier ganz still und leise im Rauschen von Usability und Client-Services einfach unter. Die digitale Frage hat also vielschichtige Dimensionen, deren Auswirkungen wir heute noch gar nicht absehen können. Auch in der Städte-Architektur ist die digitale Welt angekommen: Boden-Ampeln erlauben es in Deutschland bereits Nutzern auch im Straßenverkehr den Blick vom Smartphone nicht mehr heben zu müssen. Smombie-Ampeln – einer Mischung aus Smart und Zombie – werden sie liebevoll genannt.

Always on!
Alle bitte anschnallen, die Fahrt geht los!

Es stellt sich also die Frage, ob Smartphones nun die neue Wurzel allen Übels ist? Prof. Montag verneint diesen Rückschluss und weist dabei auf die rasante Entwicklung neuer Devices und Möglichkeiten hin. Das Smartphone, der Computer oder die Google-Brille – das sind nur Vehikel, die uns die Fahrt im Rollercoaster ermöglichen. Und dass es sich längst um eine Achterbahn-Fahrt handelt, lässt sich an unserem eigenen Nutzungsverhalten gut erkennen. Mal ehrlich, wer wird nicht nervös, wenn er feststellt, dass das Handy zu Hause vergessen wurde?

Was macht also den Reiz aus? Die Antwort scheint so naheliegend, wie überraschend. Die Apps. Es ist die Nutzung und Gestaltung der Apps, die wir auf unseren Smartphones installiert haben und die uns neurobiologisch wie psychologisch verändern. Den Apps bzw. den Konzernen dahinter geht es schlicht darum, unsere Nutzungszeit am Handy zu verlängern und dafür greifen sie tief in die psychologische Trickkiste.

Was tut “Always on” & Co mit uns?
Psycho 2.0:

Fear of missing out

Sie nutzen bspw. den gut erforschten Mechanismus der „Fear of missing out“ (FOMO) – der Angst, etwas zu versäumen, die uns allen inne wohnt, ob wir es nun bewusst wollen oder nicht. Dieser Umstand macht bspw. Snapchat so erfolgreich – eine Plattform, die ihre Videos nur für einen kurzen, begrenzten Zeitraum verfügbar macht. Damit bringt sie ihre Nutzer dazu, möglichst viel online zu sein, um nichts zu versäumen.

Always on

Aber selbst wenn wir keine Snapchat Nutzer sind, hat uns die Ära des „Always On“ grundlegend verändert. Während wir vor dem digitalen Zeitalter uns an der Bushaltestelle gelangweilt oder sogar geärgert haben, wenn wir unseren Bus versäumt hatten, erhielten wir bereits zu Beginn der digitalen Ära den Impuls: „He, nimm doch dein Smartphone und vetreib’ Dir die Zeit“. Heute benötigen wir dazu nicht einmal mehr den Hinweisreiz „Bushaltestelle“. Es genügt, wenn wir kurz mit uns alleine sind – schon greifen wir, ganz unbewusst, zu unserem Smartphone und swooshen von oben nach unten (pull to refresh).



Pull to refresh & swoosh

Ein Fingerzeig und schon ist unsere komplette Welt „refresht“ und liefert uns bei jedem Swoosh (Aktualisieren) neue Informationen. Und es hört niemals auf. Die meisten Apps haben daher kein natürliches Ende – von Facebook, über Instagram, bis zu Netflix oder Amazon Prime. Jeder „Pull to refresh“ führt zu einer endlosen Anzahl an neuen Möglichkeiten und Informationen und das Automatische Starten neuer Folgen der aktuellen Lieblingsserie hat so manch einen von uns schon zu kurze Nächte beschert. Und da sprechen wir nicht von unseren Kindern – Hand aufs Herz. Was dabei verloren geht, ist die Fähigkeit uns selbst und unsere Gedanken auszuhalten. Mit ihnen zu schwingen, neue Gedanken zu entwickeln und im Flow zu sein.

Endowment & Mere Exposure Effekt

Ein weiterer Mechanismus ist der Endowment -Effekt (Besitztumseffekt), der – gekoppelt mit dem Mere Exposure Effekt (anfangs neutral bewertete Sache wird bei Wiederholung positiv besetzt) – uns dazu bringt stundenlang mit virtuellen Items in Handyspielen zu jonglieren und liebevoll Farmen oder andere Welten aufzubauen. Was wir einmal mühselig aufgebaut haben, wollen wir nicht so schnell wieder aufgeben und was uns anfangs neutral erscheint, gewinnen wir, durch oftmaliges besuchen und wieder sehen, richtig lieb. Uns bedeutet das süße Schaf auf unserer Farm etwas – es gehört irgendwann (zu) uns. Im nächsten Schritt sind wir dann sogar bereit irgendwann echtes Geld in die Hand zu nehmen, um unserem Schaf einen größeren Stall bauen zu können. Ja, wir sind einfach verantwortungsbewusste Eltern. Und selbst wenn wir dem Druck des InApp-Kaufes widerstehen können, verlangt es schon etwas Disziplin. Disziplin, die vielleicht die 2,7 Mrd. Nutzer von Candy Crush nicht alle aufbringen.

Sozialer Druck

Ebenso schwer zu widerstehen ist der (soziale) Druck, den Apps wie WhatsApp auf uns ausüben. Wer meint, dass der berühmte blaue Doppelhaken, den man sieht, wenn das Gegenüber unsere Nachricht gelesen hat, ein Kundenservice ist, der irrt. Auch hier geht es nur darum, um uns möglichst lange und vor allem möglichst oft, an die Plattform zu binden. Erscheint der Doppelhaken nämlich nicht gleich, swooshen wir beherzt alle Minuten vor uns hin. Anfangs noch freudig, aber wehe, es tut sich nichts. Nach wenigen Minuten stellen wir die Zuneigung des Gegenübers in Frage (warum liest er meine Nachrichten nicht?) oder wir stellen uns gar schlimme Dinge vor (da MUSS etwas passiert sein!). Dass hier der Effekt des „Nudging“ (schubsen) eingesetzt wird, um uns dazu zu bringen, immer wieder zurück zu kehren, ist hier nicht offensichtlich.

Andere Mechanismen zeigen ihre Intention klarer wie „Show users what they like“ – so werden aufgrund unser Daten, die wir so bereitwillig auf den kostenlosen Plattformen und Suchmaschinen zur Verfügung stellen, auch die Informationen angepasst, die wir erhalten. Aber selbst das Wissen um all diese Vorgänge, halten uns nicht davon ab, einen relevanten Teil unseres Lebens auf diesen Social Media Kanälen zu verbringen. Zu gut ist das Gefühl, das wir vermittelt bekommen – in unserem Gehirn lässt sich eine starke Aktivität im Belohnungssystem beobachten. Jedes Like, das wir erhalten, verstärkt unsere Selbstwahrnehmung.

Kinder und Jugendliche in der digitalen Welt begleiten

Selbst wenn wir als Eltern oder BegleiterInnen von Kindern und Jugendlichen uns der digitalen Welt entziehen, vielleicht sogar verwehren, ist die Auseinandersetzung damit unerlässlich geworden. Die digitale Welt ist keine Randerscheinung – es ist Teil der Realität und die Aufgabe von Eltern ist die Begleitung. Und wir können nicht in eine Welt begleiten, die wir selbst nicht verstehen, zu der wir keinen Bezug haben. Verstehen sollten wir dabei vor allem die Hintergründe, die Beweggründe (der Konzerne) und die Zusammenhänge.

Wir bezahlen die großen Konzerne und die Angebote der kostenlosen Plattformen nämlich mit unseren Daten. Und das sind nicht nur unsere demographischen Daten (Alter, Geschlecht etc.), sondern auch ganz persönliche Daten – unsere Interessen, unsere Ängste, unsere Sehnsüchte. Diese bestimmen – vorerst – die Informationen, die uns zugespielt werden. Wer sich also offen und kritisch mit unserer Welt auseinander setzen will, kann das zunehmend schwerer tun, weil ihm diese Informationen gar nicht mehr angezeigt werden. Bestimmt wird dieser Algorithmus von künstlicher Intelligenz – die lernt, wer wir sind und sein wollen. Ob diese künstliche Intelligenz die richtigen Rückschlüsse zieht und das Richtige lernt, bleibt fraglich. Das (kindgerechte) Gespräch zu diesem Thema zu suchen, scheint unabdingbar. Unsere Freiheit ist unantastbar und unsere Kinder sollten zu mündigen, kritischen Menschen heranwachsen, die diesen Weg, von dem wir heute noch nicht absehen können, wohin er führt, kritisch beobachten.

Im Digi-Dschungel verloren? Vorsicht ist die Mutter der Porzellankiste

Es gibt keine validen Langzeitstudien, die eindeutige Auswirkungen der Nutzung von digitalen Medien auf unser Gehirn, bestimmen können. Studien zeigen aber, dass eine vermehrte Nutzung von Smartphone oder PC-Games das Volumen der grauen Zellen in unserem Gehirn verringert. Auch wenn wir daraus keine direkten Rückschlüsse ziehen können, wissen wir, dass dort auch das Zentrum der Impulskontrolle liegt. Ebenso haben Studien gezeigt, dass die arithmetischen Fähigkeiten bei Smartpone-Erstlingen gegenüber einer Nicht-Nutzer Kontrollgruppe sich nach drei Monaten bereits signifikant verringern. Wir wissen ebenso, dass aus Gewohnheiten Süchte werden und die Verfügbarkeit von Suchtmitteln im Zusammenhang mit der Suchtentwicklung steht.

Unser Gehirn ist plastisch und verändert sich ein Leben lang. Der präfrontale Kortex, der in unserem Gehirn auch für die Impulskontrolle zuständig ist, ist bspw. erst im Alter von 20 Jahren ausgebildet. Wir können also von unseren Kindern und Jugendlichen nicht erwarten, dass sie selbst schon spüren, wann es zuviel wird. Es ist an uns, Grenzen zu setzen und attraktive Alternativen anzubieten. Kinder haben ein angeborenes, intrinsisches Bedürfnis körperlich zu spielen. Dieses Bedürfnis lässt erst im Alter von 11-12 Jahren langsam nach. Ausreichend Angebote zum körperlichen Spiel, zur Erforschung der realen Welt mit allen Sinnen, ist ein guter Gegenimpuls zur digitalen Welt. In diesen Spielen werden nämlich auch kreative Problemlösungskompetenzen entwickelt – eine Fähigkeit, die auch erfolgreiche Programmierer von morgen benötigen. Vielleicht sogar mehr, als Programmiersprachen von heute, die morgen schon obsolet sein werden.


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Kinder lernen durch Beobachtung

Wer selbst seine Social Media Kanäle am Familientisch checkt oder morgens den ersten Blick dem Smartphone schenkt, macht sich mit Restriktionen oder vernünftigen Argumenten selbst unglaubwürdig. Kinder erhalten zudem durch Beobachtung und Interaktion mit uns (Eltern) unzählige Trainingseinheiten in sozialer Interaktion und Empathie. Sie erforschen unsere Mikro-Ausdrücke, lernen Stimmungen zu erspüren und zu interpretieren. Wenn wir uns hinter unserem Smartphone verstecken, entziehen wir uns dieser wichtigen Funktion. Das gilt bereits für Babys! Lieber das Smartphone mal beiseite gelegt und mit dem Kleinen gebrabbelt.

Dreh- und Angelpunkt scheint aber vor allem die „Fragmentierung unseres Alltags“ zu sein, die unserem Gehirn und dem unserer Kinder zu schaffen macht. Dieses permanente Unterbrechen unseres Alltags in der ersten Sekunde, in denen wir aufatmen oder eine Tätigkeit beenden, verhindert das entwickeln kreativer Gedanken (Flow) oder auch vertieftes Lernen (deep learning).

Always on:
5 Tipps f
ür einen gesunden Umgang mit digitalen Medien: Für groß UND klein!

  1. Ja zur digitalen Welt – zu vereinbarten Zeiten

    Abstellen der Benachrichtigungs-Funktionen (Push-Nachrichten) für Apps („Bitte nicht stören Modus“, neuere Modelle können sogar Ruhezeiten einrichten und trotzdem die Anruffunktion aktiv lassen). Dann kann zu bestimmten Zeiten am Tag (bspw. zwei Mal am Tag) das digitale, soziale Leben gepflegt werden, ohne in Dauerpräsenz zu sein.

  2. Abschalten des Doppel-Hakens bei WhatsApp

    Wir unterbrechen bis zu 150 (!) pro Tag unsere Tätigkeiten, um Nachrichten oder eben zu erwartende Nachrichten zu checken, ohne dass tatsächlich etwas passiert. Wenn wir den Doppelhaken ausschalten, verringern wir diesen Drang und können auch selbst nicht mehr getrackt werden.

  3. Smartphone raus aus dem Schlafzimmer!

    Studien haben gezeigt, dass alleine die Anwesenheit von Smartphones unseren Schlaf verschlechtern und wer sein Smartphone als Wecker benutzt doppelt so häufig direkt auf andere Apps wechselt. Einfach das Handy an einem anderen, fixen Ort abends abgeben und erst nach der Morgenroutine wieder aufnehmen. Aus den Augen, aus dem Sinn, funktioniert!

  4. Fixe Plätze für Smartphones zu Hause.

    Wer sein Smartphone immer im Blick hat, beschäftigt sich auch häufiger damit. Fixe Smartphone-Plätze im Haus ermöglichen unserem Gehirn tatsächliche digitale Auszeiten (Gerät ist Hinweisreiz!).

  5. Den Bildschirm auf schwarz/weiß stellen.

    Je bunter und attraktiver unsere Smartphone-Apps mit uns kommunizieren, desto häufiger bekommen wir den Impuls hinzusehen. Schon mal Instagram in schwarz/weiß gecheckt? Langweilig!

 

Always on? Smartphone-süchtig? Hier geht es zum Test:

molekulare-psychologie.de/smartphone-addiction

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Muttis Nähkästchen

Hier plaudert Birgit, alias Mutti, 40+, seit 2009 aus dem Nähkästchen: Authentizitäts-Freak, selbstbewusst grauhaarig, kreativ angehaucht, völlig unperfekte Mutter. Familienblog aus dem Leben mit zwei Jungs - Mutter allein unter Männern. Mehr über Muttis Nähkästchen: About. Nix verpassen? Folgt mir via Social Media oder Newsletter.

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