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Therapie von Computerspielsucht: Wie eine Familie den Entzug schaffte

Therapie von Computerspielsucht: Wie eine Familie den Entzug schaffte

Zunächst die gute Nachricht: Sucht ist heilbar.
Aber dann muss ich euch schon gruseln: Die Therapie von Computerspielsucht ist ein wirklich SEHR harter Prozess – für alle Beteiligten!

Ein Erfahrungsbericht einer Familie, die diesen Schritt gegangen ist.
Und mein persönliches Fazit dazu:


Zwischenruf in eigener Sache:

Liebe Leute!
Willkommen am Familienblog "Muttis Nähkästchen"

Birgit und Christine von Muttis Nähkästchen

Für alle, die uns noch nicht kennen: Hier plaudern Birgit und Christine aus dem Nähkästchen und schreiben über das (Über-)Leben mit Kindern.

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Voraussichtliche Lesedauer: 8 Minuten



Computerspielsucht: Wie eine Familie den Entzug schaffte


Online-Games und Risiko-Gamer

Onlinegames haben sich weltweit zu einem wachsenden Wirtschaftssektor entwickelt. 6,2 Milliarden Euro gaben allein 2019 die 34 Millionen Gamer in Deutschland aus – sechs Prozent mehr als im Vorjahr. Einen Teil davon für Hardware, wie neue Geräte, zum Beispiel Smartphones, Tablets, PCs, Spielekonsolen.

2,25 Milliarden Euro – 600 Millionen mehr als im Vorjahr – gingen drauf für sogenannte In-Game-Käufe, also Käufe innerhalb eines Spiels. Gekauft wurde Spielgeld wie V-Bucks, Juwelen, Gold oder wichtige Rohstoffe, um Folgekäufe im Spiel zu tätigen und so rascher im Spiel voranschreiten zu können. Denn kostet so ein Aufstieg ins nächste Level richtig viel Zeit und Arbeit. Mit einem Klick auf einen In-Game-Kauf geht’s bedeutend schneller! Quasi PAY TO WIN.

Heißt: Spiele sind ein megagroßer Markt.
Und entsprechend exzessiv wird auch gespielt:

Eine Studie vom Deutschen Zentrum für Suchtfragen des Kindes- und Jugendalters (DZSKJ) am Universitätsklinikum Hamburg-Eppendorf ergab 2019, dass sogenannte „Risikogamer“ 8 bis 10 Stunden am Tag und mehr allein mit Computerspielen beschäftigt waren, häufig bis spät in die Nacht hinein.

Die nächtlichen Spielzeiten erschwerten den müden Familienangehörigen zu erkennen, wie lange ihre Kinder wirklich spielten. Die jungen Gamer waren auch sonst nicht schlecht darin, den wahren Umfang ihres Spielens zu vertuschen.


Comuterspielsucht erkennen

Bevor eine Therapie von Computerspielsucht möglich wird, gilt es, diese überhaupt erst zu erkennen! Es gibt einige sehr deutliche Anzeichen für die Online-Sucht. Und diese Sucht wird durchaus auch diagnostiziert! Der ICD-Kriterienkatalog (International Statistical Classification of Diseases and Related Health Problems) ist ein weltweiter Standard für verschiedenste Gesundheitsprobleme. Daran orientieren sich Diagnosen und Behandlungen. Im ICD-11-Katalog hat die Weltgesundheitsorganisation Computerspielabhängigkeit unter der Bezeichnung „Gaming Disorder“ zu einer eigenständigen Diagnose erklärt.

Mehr Informationen dazu und zu den Anzeichen und Kriterien der Diagnose Spielsucht findet ihr hier: Ist mein Kind spielsüchtig? Tipps für Eltern


Mein fremdes Kind Buchcover

Im Buch Mein fremdes Kind: Wie wir die Computerspielsucht unseres Sohnes überwanden. Über Vertrauen und Wege aus der Abhängigkeit (Benevento Verlag) erzählt Mutter und Autorin Ulrike Wolpers ehrlich und ungeschönt, wie ihr Sohn von einer Leidenschaft für Onlinespiele wie »Fortnite« und »Brawl Stars« in eine Sucht schlittert – mit den psychischen und körperlichen Symptomen eines Junkies.

Die Familie nimmt den Kampf gegen diesen schier übermächtigen Gegner Computerspiesucht auf – mit allen Konsequenzen für die ganze Familie. Wertvolle Einblicke in die Sucht-Therapie samt familiärer Erfordernisse und Reglements sowie vielen emotionalen Berg- und Talfahrten.


Welche Spiele besonders süchtig machen

Nicht jedes Computerspiel macht süchtig. Und nicht jedes intensive Gaming-Verhalten muss auch therapiert werden. Aber es gibt einige Spiele, die besonders prädestiniert dafür sind:

Besonders süchtig machen sogenannte „Unglücksspiele“, wie die Autorin Ulrike Volpers diese Spiele im Buch Mein fremdes Kind: Wie wir die Computerspielsucht unseres Sohnes überwanden nennt.

»Das Gehirn macht dabei das, was es in Jahrmillionen gelernt hatte: Verhaltensweisen verstärken, die sich positiv anfühlten und deshalb vermeintlich halfen, das Überleben zu sichern. Wie ein Zirkusdompteur, der einem störrischen Esel mit einer Karotte oder einem Zückerchen Schritt für Schritt kleine Tricks beibrachte.«

Mein fremdes Kind: Wie wir die Computerspielsucht unseres Sohnes überwanden.

Und viele Spiele arbeiten ganz gezielt mit derartigen süchtig machenden Mechanismen:

»Als besonders kritisch gelten Loot-Boxen (Überraschungskisten), die selten wertvolle, aber fast immer wertlose Zusatzitems enthalten. Wie beim Pokern hörten die Gamer nicht auf zu zocken, wenn sie zum wiederholten Mal nur wertlosen Plunder bekommen hatten. Sie spielten immer weiter, um das bereits investierte Geld nicht zu verlieren und wieder »reinzuholen«.

Mein fremdes Kind: Wie wir die Computerspielsucht unseres Sohnes überwanden.

Und leider hat sie damit ziemlich genau ins Schwarze getroffen:

»Unerledigte Hausaufgaben und unaufräumbare Schmutzwäscheberge quälen die Teenies mit Frust und Resignation. Die einzige Quelle des Glücks scheint das ewig lockende Web. Nur drei, vier spielerische Klicks auf der Tastatur und schon heißt es: »Highscore! Epischer Sieg bei Fortnite nach beängstigendem Kampf!! 100 virtuelle Juwelen und ein Überraschungsteamsieg bei Brawl Stars!«

Mein fremdes Kind: Wie wir die Computerspielsucht unseres Sohnes überwanden.

Volle Attacke auf das Belohnungszentrum! Ausstoß von Glückshormonen ohne umschweife! Und für Nachschub ist gesorgt: 2020 kamen dreißig neue Games auf den Markt – pro Monat! Und dass man die unbedingt haben muss, versichern zahlreiche Influencer, Streamer und Youtuber. Besonders empfänglich sind Kids in der Pubertät …


Das Therapieziel bei Online-Sucht

Das Ziel der Therapie wurde im Buch so formuliert:

»Er sollte Computerspiele spielen können, ohne dass es Probleme gibt.«

Mein fremdes Kind: Wie wir die Computerspielsucht unseres Sohnes überwanden.

Das hat den Eltern anfangs gar nicht geschmeckt. Laufen beim Computerspielen nicht ähnliche biochemische Prozesse im Gehirn ablaufen wie bei einem Drogenabhängigen? Und dort heißt das Therapieziel doch nicht „kompetent trinken“! Sondern: Gar nicht mehr trinken!

Aber es gibt Unterschiede in der Therapie von substanzgebundener Sucht und Verhaltenssüchten. Es ist schlichtweg nicht möglich, dem Internet im Alltag auszuweichen. Und es ist angeblich auch nicht nötig. In der Therapie könnten Betroffene lernen, ihr maßloses Computerspielverhalten in den Griff zu bekommen.


Ablauf der Therapie von Computerspielsucht

Die Therapie klingt hart! Sechs ganze Wochen kompletter Entzug – quasi kalter Entzug. Damit wird der akute Suchtdruck, das sogenannte „Craving“, eingedämmt. Das Kind war dabei dünnhäutig und fahrig – Vorboten für eine gar nicht schöne Zeit für die ganze Familie.

Danach steht Verhaltenstherapie am Programm.

»Das Suchtverhalten funktioniert wie eine Krücke, mit der der Süchtige durch den Alltag läuft, weil er sein schmerzendes Bein entlasten will. So wie die Krücke übernimmt das Suchtverhalten meist irgendeine Funktion.«

Fast immer geht es darum, Bedürfnisse zu regulieren und unangenehme Gefühle in den Griff zu bekommen. Niemand mag schlechte Gefühle – alle wollen sie so schnell wie nur irgendwie möglich loswerden.

Nach dem 6-wöchigen Komplettentzug wird zunächst ein Mediennutzungsvertrag vereinbart und unterschrieben. Dann werden Schritt für Schritt mehr Funktionen des Smartphones freigeschaltet. Jeder Schritt wird akribisch überprüft, ob sich das Kind noch im Griff hat.


Therapie von Computerspielsucht: mein Fazit

Männlich – check.
Pubertär – ja.
Einsam – seit Corona ganz bestimmt.
Dauergamblen – yep …

Hinzu kommt, dass bedingt durch die Corona-Pandemie alle unsere Kids nun zusätzlich zum Smartphone (das sich ja noch ganz gut überwachen und reglementieren lässt – siehe Das Geheimnis, warum wir keine Diskussionen zur Spielzeit am Tablet haben) mit guten Laptops ausgestattet sind. Heißt also: Ist die Zeit am Smartphone rum, kann munter am Laptop weitergespielt bzw. Youtube geglotzt werden …

Und trotzdem: Ich kann mir so einen Entzug einfach nicht vorstellen. Er würde unseren kompletten Familienfrieden (so dieser in Zeiten der Pubertät überhaupt noch vorhanden ist) komplett torpedieren und zerstören. Die Autorin beschreibt im Buch sehr, sehr eindrücklich die Belastungen für die gesamte Familie. Die Eltern mussten jeden letzten Winkel überwachen und ständig auf der Hut sein. Das kann und will ich mir nicht antun …

Ich vertraue darauf, dass es eine Phase ist.
Und, dass exzessives Spielen in diesem Alter einfach typisch und weit verbreitet ist.
Und, dass es sich irgendwann von selbst erledigt.

Ganz unreglementiert lassen wir die Situation aber dennoch nicht.
Das sind meine besten Tipps für Rahmenbedingungen:


Der beste Weg, um zumindest die Nachtruhe zu gewährleisten

Einen Tipp am Rande hab ich noch für euch: Der beste Weg, um zumindest die Nachtruhe zu gewährleisten, ist das abendliche Abdrehen der Internetverbindung. Ganz wichtig dabei: AUTOMATISCH. Um eine bestimmte Uhrzeit ist das WLAN aus. Automatisch ist deshalb wichtig, weil es dann nicht zu Diskussionen kommt! Der Unterschied ist tatsächlich RIESENGROSS zwischen „Eltern drehen manuell ab“ und „WLAN schaltet sich automatisch ab“.


Einer Spielsucht vorbeugen

Es gibt zahlreiche Möglichkeiten, um einer Spielsucht schon im Vorfeld vorzubeugen. Eine ganze Liste an Tipps und Tricks, was Eltern tun können, findet ihr hier: So können Eltern einer Spielsucht vorbeugen


Wie geht ihr mit exzessivem Spielen bei euren Kindern und Jugendlichen um?
Falls jemand da draußen DEN absoluten Geheimtipp parat hat – ich wäre mehr als dankbar!


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Therapie von Computerspielsucht bei Kindern: Erfahrungsbericht

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Dieser Beitrag hat 8 Kommentare

  1. Was hier noch nicht im Artikel vorkommt – fast alle Computerspielsüchtigen leiden an einer psychischen Begleiterkrankung. Am häufigsten sind das Depressionen, Angststörungen (z. B. soziale Ängste), ADHS oder Persönlichkeitsstörungen (Borderline etc.). Das sollte klinisch abgeklärt und mit behandelt werden. Eine Therapie der Computerspielsucht ist oft nur dann erfolgreich, wenn auch die Begleiterkrankung berücksichtigt wird.

  2. Hallo liebe Birgit,
    Als ich durch deinen Blog gestöbert bin, bin ich hier gelandet. Denn der Titel hat mich sofort neugierig gemacht. Ich habe nämlich meinem 14-jährigen Sohn seinen ersten Gaming PC zum Geburtstag geschenkt. Er durfte sich den PC selbst konfigurieren über diese Seite: https://www.ankermann.com/de/gaming-pc-konfigurator.htm
    Der Geburtstag liegt jetzt schon einige Wochen zurück und ich konnte mir sein Verhalten mit dem PC genau beobachten. Wie wahrscheinlich jede Mutter, habe natürlich auch ich Angst, dass der Sohnemann Computersüchtig wird. Aber wir haben vorab schon einige Vereinbarungen getroffen. Wie du in dem Blogpost auch schon als Tipp erwähnt hast, ist bei uns ab 20 Uhr das WLAN aus. Dann heißt es Family-time. Und da mein Sohn immer bis 16 Uhr Schule hat, dann nach Hause kommt, seine Hausaufgaben macht und wir zu Abend essen, ist es auch schon schnell 18 Uhr. Dann hat er eh nur noch 2 Stunden pro Tag und das geht für mich in Ordnung. Was die Spiele anbelangt bin ich radikal. Bei mir kommen keine Ballerspiele und sonstigen gewalttätigen Spiele ins Haus. Fazit: Bis jetzt läuft alles super und mein Sohn hat seinen Spaß, mit seinem neuen Tollen Gaming-PC. Keine Anzeichen von Spielsucht zu erkennen. Ich hoffe das bleibt so.
    Liebe Grüße
    Anke

  3. Also so eine Sucht ist niemals lustig, egal welcher Art. Wir haben für unseren kleinen einen refurbished PC gekauft. Damit kann er sich austoben und für einige Games reicht das auch vollkommen aus. Irgendwann wird er sich selbst einen „besseren“ PC zusammenbauen, aber Preis/Leistung ist in dem Fall vollkommen in Ordnung!

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