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Erfahrungsbericht: Urlaub in fremden Betten – Haustausch mit Familie
Auf der Fähre nach Suomenlinna

Erfahrungsbericht: Urlaub in fremden Betten – Haustausch mit Familie

Es muss nicht immer Bettenburg, Touristenhotel und Mietauto sein – warum nicht einmal das Haus tauschen? Das eigene Domizil steht während der Ferienreise ohnehin leer. Angenehmer Nebeneffekt: Das Postkastl wird geleert, die Pflanzen gegossen, die Haustiere gestreichelt und gefüttert. Als Familie lässt sich außerdem jede Menge Urlaubsgeld sparen. Unser persönlicher Erfahrungsbericht aus Finnland.

(Gekürzte Version des Artikels in: Wienerin mit Kind 1/2013)

Zugegeben, es kostet Überwindung, eine völlig fremde Familie in die eigenen vier Wände einziehen zu lassen. Im Prinzip können die tun und lassen, was sie wollen: sich in vornehmer Zurückhaltung üben oder neugierig die Nase in jede Schublade stecken. Hätte ein Bekannter mit reichlich Tausch-Erfahrung nicht immer wieder von den tollen Tauschurlauben geschwärmt, wären wir wohl wieder „nur“ im Waldviertel gelandet. Letztendlich haben wir aber allen Mut zusammen genommen und unser Haus in einer Tauschbörse feilgeboten – nach Norden sollte es gehen, so viel war klar.

Wir waren vorgewarnt: Die Nachfrage nach Tauschhäusern hierzulande ist groß. Man muss keine Tauschpartner suchen, man wird gefunden. Der Grund ist offensichtlich, wird aber von Einheimischen gerne übersehen: hier gibt es alles gleich um die Ecke – vom Hochgebirgserlebnis über Weltkulturerbe bis hin zum Badesee. Und tatsächlich: zwei Stunden nachdem unser Profil online war, waren die ersten Tauschangebote da. Was dann kam, war eigentlich nur noch die Qual der Wahl. Drei Wochen später war der Tausch unter Dach und Fach: Wir tauschen Haus und Auto mit einer 5-köpfigen Familie aus Finnland. Auch das Auto zum Tausch anzubieten, war gewagt – zu Recht, wie wir später erfahren sollten …

Viele Vorteile für Familien

Die Vorteile liegen auf der Hand: Zum einen spart man bares Geld – man überlege sich nur, mit wie viel ein Hotelaufenthalt für eine vierköpfige Familie zu Buche schlägt. Beim Haustausch fallen allein Reisekosten sowie Kosten vor Ort an – aber essen würde man schließlich auch daheim. Außerdem kommt man durch den Haustausch an Orte, die abseits der ausgetretenen Touristenpfade liegen. Der überzeugendste Vorteil für eine Familie ist: Spielzeug, jede Menge Spielzeug – alles da!

Zugegeben, die Aufwand im Vorfeld ist beachtlich. Bei einer „normalen“ Urlaubsreise kann man die Haustüre hinter sich ins Schloss fallen lassen und das dahinter liegende Chaos Chaos sein lassen. Bei uns schaut es normalerweise eh zivilisiert aus, aber vor der fremden Familie will man sich schließlich keine Blöße geben. Daher wird geschrubbt und gebohnert was das Zeug hält. Außerdem will die Tauschfamilie mit allerhand Information versorgt werden, die sie für eine stressfreie Zeit im fremden Heim benötigen. Die „Bedienungsanleitung fürs Haus“ beinhaltet Fakten wie: Wann und womit sollen die Katzen gefüttert werden, wann kommt die Müllabfuhr und was darf alles in die schwarze Tonne? Wie funktioniert die Waschmaschine und wie lautet die Zahlenkombination fürs Fahrradschloss?  Was tun, wenn das Türschloss streikt?

Zu viel des Aufwands? Ich empfand es als hervorragenden Anlass, wieder einmal den Keller gründlich auszumisten und sich von so mancher „Leiche“ ebendort zu trennen. Außerdem ist die Wahrscheinlichkeit hoch, dass die andere Familie genauso schwitzt.

Eine Bettlade voll Lego

Das Tauschobjekt war ein kleines, feines Holz-Reihenhäuschen – Authentizität pur. Während wir Eltern erschöpft nach zwei Flügen und den Wirren rund um’s Parkticket ins Sofa sanken, führte der erste Weg der Kinder schnurstracks ins Kinderzimmer: Gott sei Dank! Eine ganze Bettlade voll Spielzeug! Die Jungs fanden für alles Verwendung, allzu „Mädchenhaftes“ wie ein Ponyhof wurde kurzerhand in eine Parkgarage umfunktioniert.

Während unsere Tauschpartner unter der kräftigen Hitzewelle litten (unsereins hätte gesagt: Glück gehabt, denn es kann in unseren Breiten bekanntlich auch ganz anders kommen), schwitzten wir nur in der Sauna. Dafür ist in Finnland Platz selbst in der kleinsten Hütte! Auch unsere Jungs erprobten tapfer diese Einrichtung, schmissen aber bei 40 Grad das Handtuch. Nicht umsonst liegt unsere Wunschdestination im Norden: durchschnittlich 24 Grad Wohlfühltemperatur luden zu ausgiebigen Ausflügen und Besichtigungen in Helsinki und Umgebung.

Panne in Estland

Mit der Tauschfamilie wurde jeweils auch ein längerer Ausflug mit dem Tauschauto vereinbart: Die Finnen wollten ein paar Tage nach Italien, wir setzten mit der Fähre nach Estland und Lettland über. Hinter der wunderschönen und absolut sehenswerten estnischen Hauptstadt Tallinn beginnt die Weite und endet so manche Infrastruktur. Gerade dort wurden wir mit den Tücken des Autotauschs brutal konfrontiert: platter Reifen mitten im Nirgendwo.

Die ausschließlich Finnisch-sprachige Bedienungsanleitung offenbarte ihre Inhalte nur ansatzweise dank der Bebilderung. Der Radschlüssel zeigte so seinen Aufenthaltsort, der Wagenheber blieb jedoch verschollen. Die unangenehme Situation wurde zusätzlich verschärft, da wir den Reservereifen nicht um die Bohne befreien konnten: er war unter dem Auto montiert und gründlich festgerostet.  Außerdem hatten wir die ausgedruckte Landesinformation des heimischen Autofahrerclubs blöderweise im finnischen Tauschhaus vergessen. Einzig der Hilfsbereitschaft unserer estnischen Bekannten war es zu verdanken, dass wir aus dieser misslichen Lage befreit wurden. Ihr Kofferraum enthielt – wohlweislich – Hilfsmittel für jede Eventualität.

Blut geleckt

Finnland ist abartig teuer: eine Kugel Tüteneis pro Nase schlägt sich für eine 4-köpfige Familie beispielsweise mit deutlich mehr als 10 Euro zu Buche. (Psst! Wer auf das wirklich wunderschöne finnisches Design steht: Die Produkte sind außerhalb Finnlands wesentlich günstiger!) Da waren wir heilfroh, zumindest für das Dach über dem Kopf und die vier Räder unter’m Hinter genau Null bezahlen zu müssen. Aber auch abgesehen vom Finanziellen sind wir gehörig auf den Geschmack gekommen. Bettenburgen und Touristenhotels sind nicht unser Sache – eine Individualität wie bei Haustausch sucht man dort vergebens. Und ein eventuelles mulmiges Restgefühl, wenn fremde Kinder in der heimischen Badewanne eine Schaumparty veranstalten, verfliegt spätestens wenn die nächsten verlockenden Tauschangebote eintrudeln.



Wohin es dieses Jahr geht? Der Tausch für Sommer 2013 ist bereits unter Dach und Fach: Wir tauschen mit einer 5-köpfigen Familie aus Großbritannien. Diesmal fahren wir mit dem eigenen Auto, dafür aber auf der anderen Straßenseite. Für einen Kurzurlaub im Herbst sind wir im Gespräch mit einer Familie aus Paris – fünf Gehminuten vom Champ de Mars (dort steht der Eiffelturm!) entfernt. Und nächstes Jahr? Hm, mal sehen … Jedenfalls irgendwo hin, wo es auch jede Menge Spielzeug zum Ausprobieren gibt. Ich befürchte stark, wer einmal Blut geleckt hat, wird süchtig!

Haustausch-Plattformen:

Haustausch wird auf verschiedenen Plattformen angeboten, einige davon sind kostenpflichtig. Aber die durchschnittlich 80-100 Euro für 365 Tage sind bedeutend günstiger als eine herkömmliche Hotelübernachtung und sind gut angelegt: Intervac ist die größte Tauschorganisation in Österreich mit 40 Jahren Erfahrung.  Sowohl Intervac wie auch Homelink haben nationale Einstiegsseiten und deutschsprachige Ansprechpersonen im eigenen Land – getauscht werden kann rund um den Globus, auch mehrmals im Jahr. Wenn alle Stricke reißen und ein Tauschpartner kurzfristig absagen muss, helfen diese nationalen Koordinatoren tatkräftig bei der Suche nach einer Ersatzbleibe.

Kostenpflichtige Plattformen:

Kostenlose Plattformen:

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Unterwegs:

Muttis Nähkästchen

Hier plaudert Birgit, alias Mutti, 40+, seit 2009 aus dem Nähkästchen: Authentizitäts-Freak, selbstbewusst grauhaarig, kreativ angehaucht, völlig unperfekte Mutter. Familienblog aus dem Leben mit zwei Jungs - Mutter allein unter Männern. Mehr über Muttis Nähkästchen: About. Nix verpassen? Folgt mir via Social Media oder Newsletter.

Dieser Beitrag hat 22 Kommentare

  1. Vielen Dank für den informativen Bericht. Wir haben uns auch schon Gedanken zum Haustausch-Urlaub gemacht, jedoch fehlte uns bis jetzt der Mut, Fremde in unser Haus zu lassen – die Entscheidung muss noch reifen. Viele Grüße, Julia

    1. Hallo, ich bin ganz zufällig auf deinen Blog gestoßen, ich suchte Erfahrungsberichte von Haustauschern. Auch wenn dieser Beitrag schon älter ist, er spricht mir aus der Seele und spiegelt unsere Erfahrungen wieder. Ich kann eigentlich gar nicht verstehen, warum nicht viel mehr Leute diese Urlaubsform wählen, bin aber sicher, dass sich dies im Laufe der Jahre und der Ausweitung der Share Economy ändern wird. Im Grunde genommen sind Haustauscher also Trendsetter:-).
      Danke und viele Grüße
      dexxao

      1. Ich schreibe immer wieder in den verschiedensten Medien über unsere Erfahrungen in Sachen Haustausch als Familie. Der aktuellste Artikel erscheint demnächst im Magazin Schule.
        Wir haben es mittlerweile schon 5x unser Haus getauscht – 2x in Frankreich (1x davon in Paris gleich um’s Eck vom Eiffelturm), 1x Finnland, 1x Großbrittannien, 1x Deutschland – immer mit sehr guten Erfahrungen. Wir können uns gar keinen anderen Urlaub mehr vorstellen. Wer weiß, wo es uns nächstes Jahr hin verschlägt …
        lg Muttis Nähkästchen

      2. Hallo,
        ja es ist wirklich eine tolle Art zu reisen und auch ich bin der Meinung, dass der Trend im Zuge der “Share Economy” sich fortsetzen wird und alsbald noch eine Menge Leute zum Haus- & Wohnungstausch begeistern wird.
        Aus meinen über 30 Haustauscherfahrungen habe ich deswegen einen kurzen, knackigen Ratgeber geschrieben, wie es geht, was man berücksichtigen sollte, wie man sich vorbereitet und jede Menge Tipps & Tricks sowie Erfahrungsberichte …
        Falls es euch interessiert … http://www.reise-revolution.com
        Gibs auch auf Amazon …. als eBook und Taschenbuch
        Freuen wir uns auf mehr Leute, die alsbald Haustausch praktizieren und diese Form des Reisens genau so schätzen und geniessen wie wir :-)
        Happy travelling!
        mic

      3. gute Seite!

  2. DAS klingt ja mal genial. Ungewöhnlich, aber definitiv genial. So ein Abenteuer. Ich wüsste nicht, ob ich mir und unserer Familie sowas zutrauen würde. Respekt dafür. Und wie es sich ließt, hat es sich ja auch gelohnt :)

    Liebe Grüße
    die Alltagsheldin

  3. Tja, ich glaube, ich kenne da manche auf einem Bild … Aber ich glaube, Ihr wärt auch ohne uns irgendwie weiter gekommen. Die Esten sind nämlich neugierig und helfen eigentlich gern.

    1. Ihr ward unsere Retter in Not! Sonst ist jedenfalls niemand stehen geblieben. Suur aitäh sulle! (Ich hoffe diese Online-Übersetzungstools taugen was – soll heißen: Herzlichen Dank!)

  4. Hat dies auf 4MOMent rebloggt und kommentierte:
    Das finde ich vom Grund her eine wirklich tolle Idee! Jedoch habe ich mich noch nicht so von meinen Bedenken verabschieden können. Wo tue ich meine absolut privaten Sachen hin, nehme ich ein Zimmer für alle Sachen die mir hoch und heilig sind her, was denken wohl die Nachbarn… Denke da wohl etwas zu altmodisch, bin aber auch sehr neugierig!

  5. Couchsurfing, Haustausch … gibt es etwas, das ihr noch nicht ausprobiert habt? Klingt verlockend, aber mir fehlt dazu der Mut.

  6. Wirklich toller Bericht! Hat sehr viel Spaß gemacht, zu lesen. Wir haben auch bereits 3 Haustauschurlaube erlebt. Sind allerdings bisher nur mit dem eigenen Auto unterwegs gewesen. Unseren ersten Tausch hatten wir 2012 mit einer Familie aus Den Haag, 2013 im Sommer haben wir nur innerhalb Deutschlads ganz in den Süden getauscht und über Sylvester waren wir im Sauerland.
    Wir haben bisher auch die ganzen Vorteile genossen, die du so schön beschrieben hast und auch nur positive Erfahrungen gemacht.
    Diesen Sommer fahren wir wieder nach Holland und sind schon jetzt voller Vorfreude.

  7. Hallo an alle,
    wir reisen seit einigen Jahren fast ausschließlich mit Haus- und Wohnungstausch und da es im deutschsprachigem Raum sehr wenige brauchbare Infos & Tipps gab, habe ich mich entschlossen den ersten deutschsprachigen Ratgeber zu schreiben. Ist bereits vor einigen Wochen erschienen – “Die Reise-Revolution – Traum-Urlaube zum halben Geld”. Aus über 30 Haustäuschen gebe ich hier unsere Erfahrungen, wertvolle Tipps und vorallem einen Gesamtüberblick aller am Markt befindlichen Internetportale zum Thema. Da ist für jeden etwas dabei. Auch für diejenigen die schon mit dem “Haustauschvirus infiziert” sind (so wie ich ;-)) einige wertvolle Tipps zur Optimierung. Erhältilch als eBook oder Taschenbuch über Amazon …

  8. Was für ein toller Bericht – sehr informativ. Ja, wir haben auch mal unser Haus in Hamburg mit einem Haus in Schweden getauscht – das Gute war, das die jeweiligen Kinder im gleichen Alter waren – so war gleich das passende Spielzeug zur Hand. Das Einrad lernten wir dort kennen und mussten das dann zu Hause auch gleich anschaffen. Hab in meinem Film davon berichtet. http://youtu.be/31jglEFL6jY
    Man kann nur Mut machen, es auszuprobieren – macht viel mehr Spaß. Hotels sind dagegen langweilig.

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