Vielleicht hast du es auch schon erlebt: Dein Kind, dein Teenager oder ein junger Erwachsener in eurem Umfeld sagt plötzlich, er oder sie habe ADHS oder sei autistisch. Nicht nach einem langen Weg durch Praxen, sondern nach Videos, Tests und Erfahrungsberichten aus dem Netz – per Selbstdiagnose via TikTok & Co. Was steckt dahinter, warum passiert das immer häufiger und wie kannst du als Familie damit umgehen, ohne zu verharmlosen oder vorschnell zu bewerten?
Inhaltsverzeichnis
- Ein Phänomen, das viele Familien überrascht
- Was bedeutet Selbstdiagnose eigentlich
- Warum gerade ADHS und Autismus im Fokus stehen
- Identitätssuche in einer fordernden Lebensphase
- Wenn Erwartungen auf professionelle Einschätzung treffen
- Die Rolle der Eltern und Bezugspersonen
- Was Familien konkret helfen kann
- Zwischen Aufklärung und Überforderung im Netz
- Ein Balanceakt für alle Beteiligten

Ein Phänomen, das viele Familien überrascht
Psychische Gesundheit ist präsenter denn je. Auf Social Media, in Serien, in Podcasts. Junge Menschen sprechen offen über Konzentrationsprobleme, Überforderung oder das Gefühl, anders zu sein. Das kann entlastend sein, gerade weil Themen, die früher tabu waren, heute sichtbar werden. Gleichzeitig berichten Fachpersonen, dass immer mehr junge Erwachsene mit einer festen Vorstellung in die Diagnostik kommen. Sie haben sich selbst bereits eingeordnet oder wünschen sich gezielt eine bestimmte Diagnose.
„Viele junge Erwachsene kommen heute nicht mehr mit einer offenen Frage wie: ‚Was ist los mit mir?‘“, sagt Dr. Gloria Mittmann, MSc, wissenschaftliche Mitarbeiterin am Forschungszentrum Transitionspsychiatrie. „Sie kommen mit einer sehr konkreten Diagnosevorstellung, die sie für sich bereits gewählt haben – oft ADHS oder Autismus – und mit dem starken Wunsch, diese Identität bzw. dieses Label bestätigt zu bekommen.“
Eine aktuelle Studie aus Österreich unter Leitung der Karl Landsteiner Privatuniversität (KL Krems), die klinische Psycholog:innen befragt hat, zeigt deutlich: Sowohl Selbstdiagnosen als auch sogenannte Wunschdiagnosen haben in den letzten Jahren spürbar zugenommen. Die befragten Fachpersonen erleben diese Entwicklung regelmäßig in ihrer Praxis.
Was bedeutet Selbstdiagnose eigentlich
Von Selbstdiagnose spricht man, wenn sich jemand ohne formale Abklärung durch Fachpersonal mit einer psychischen Störung identifiziert. Das passiert häufig auf Basis von Online-Tests, Videos oder Erfahrungsberichten anderer Betroffener. Die Studie beschreibt, dass Plattformen wie TikTok, Instagram oder YouTube dabei eine zentrale Rolle spielen. Dort werden Symptome erklärt, oft sehr persönlich und emotional, sodass sich viele junge Menschen wiedererkennen.
Für manche ist das ein erster Schritt, um eigene Schwierigkeiten ernst zu nehmen und sich Hilfe zu suchen. Für andere wird die Diagnose selbst zu einer Erklärung für alles, was im Leben schwerfällt.
Warum gerade ADHS und Autismus im Fokus stehen
Besonders häufig geht es um ADHS und Autismus-Spektrum-Störungen. Laut den befragten klinischen Psycholog:innen sind das mit Abstand die Diagnosen, die am meisten selbst zugeschrieben oder gezielt gewünscht werden.
Ein Grund dafür liegt im gesellschaftlichen Wandel. Diese Diagnosen werden heute oft unter dem Begriff Neurodivergenz diskutiert und weniger stigmatisiert als früher. In sozialen Medien werden sie teils sogar mit besonderen Stärken verbunden. Kreativität, Hyperfokus oder besondere Wahrnehmungsfähigkeiten werden hervorgehoben. Das kann empowernd sein, birgt aber auch die Gefahr, dass komplexe Störungsbilder stark vereinfacht werden.
Identitätssuche in einer fordernden Lebensphase
Die Studie ordnet das Phänomen auch entwicklungspsychologisch ein. Gerade Jugend und frühes Erwachsenenalter sind Phasen der Identitätssuche. Wer bin ich, warum falle ich mir selbst so schwer, warum scheinen andere besser zurechtzukommen? Eine Diagnose kann hier Halt geben. Sie bietet eine klare Erklärung und entlastet von Schuldgefühlen.
Viele Fachpersonen berichten, dass junge Menschen sich durch eine Diagnose verstanden fühlen wollen. Es geht weniger um Medikamente oder Therapieplätze, sondern um Anerkennung, Zugehörigkeit und Selbstverständnis.
Wenn Erwartungen auf professionelle Einschätzung treffen
Für Familien besonders herausfordernd wird es, wenn eine feste Erwartung auf eine fachliche Einschätzung trifft, die anders ausfällt. Die Studie beschreibt, dass junge Menschen teils sehr emotional reagieren, wenn ihre Selbstdiagnose nicht bestätigt wird. Enttäuschung, Wut oder das Gefühl, nicht ernst genommen zu werden, sind keine Seltenheit.
„Wenn eine Diagnose zentral für das Selbstbild geworden ist, kann jede Abweichung zwischen Erwartung und klinischer Einschätzung als zutiefst bedrohlich erlebt werden“, erklärt Dr. Gloria Mittmann.
Manche suchen daraufhin weitere Abklärungen bei anderen Fachpersonen, bis sie die erhoffte Diagnose erhalten. Dieses sogenannte „Diagnose-Shopping“ stellt nicht nur das Gesundheitssystem, sondern auch Familien vor Belastungen, weil es Konflikte verschärfen und Unsicherheit verlängern kann.
Die Rolle der Eltern und Bezugspersonen
Als Mutter, Vater oder andere Bezugsperson stehst du oft zwischen den Stühlen. Einerseits willst du die Gefühle und Erfahrungen deines Kindes ernst nehmen. Andererseits spürst du vielleicht Zweifel, ob Social-Media-Inhalte eine verlässliche Grundlage sind.
Die Studie macht deutlich, wie wichtig es ist, beides zu halten. Anerkennen, dass es dem jungen Menschen wirklich nicht gut geht, ohne automatisch jede Selbstdiagnose zu bestätigen. Fachpersonen betonen, dass ein offenes Gespräch über Motive, Erwartungen und Ängste ein zentraler Schritt ist. Auch im familiären Kontext kann es helfen, neugierig zu bleiben statt zu bewerten.
Was Familien konkret helfen kann
Ein wichtiger Punkt ist, den Fokus nicht ausschließlich auf das Etikett zu legen. Unabhängig von einer Diagnose gibt es reale Schwierigkeiten, etwa Konzentrationsprobleme, soziale Unsicherheit oder emotionale Überforderung. Diese verdienen Unterstützung, auch wenn am Ende eine andere Erklärung gefunden wird als zunächst erwartet.
Die Studie zeigt außerdem, dass eine transparente und empathische Kommunikation durch Fachpersonen entscheidend ist. Für Familien bedeutet das, sich Zeit zu nehmen, seriöse Abklärungen zu ermöglichen und Ergebnisse gemeinsam einzuordnen, statt sie als endgültiges Urteil zu sehen.
Zwischen Aufklärung und Überforderung im Netz
Soziale Medien sind weder grundsätzlich gut noch schlecht. Sie können informieren, verbinden und enttabuisieren. Gleichzeitig verbreiten sie oft verkürztes oder unvollständiges Wissen. Die befragten Psycholog:innen berichten von viel Halbwissen, das aus dem Netz mitgebracht wird und den diagnostischen Prozess erschwert.
Für Familien kann es hilfreich sein, Inhalte gemeinsam kritisch zu betrachten. Woher kommt die Information, wer spricht hier, und was wird vielleicht ausgeblendet? Diese Medienkompetenz ist heute ein wichtiger Teil von Gesundheitskompetenz.
Ein Balanceakt für alle Beteiligten
Die Ergebnisse der Studie zeigen kein Schwarz-Weiß-Bild. Selbstdiagnosen entstehen nicht aus Leichtsinn, sondern oft aus echtem Leidensdruck. Gleichzeitig ersetzen sie keine fachliche Abklärung. Für Familien bedeutet das einen Balanceakt zwischen Verständnis, Geduld und der Bereitschaft, professionelle Hilfe einzubeziehen.
Am Ende geht es weniger darum, ob eine bestimmte Diagnose vergeben wird, sondern darum, Wege zu finden, wie junge Menschen besser mit ihren Herausforderungen umgehen können. Das gelingt am besten gemeinsam, mit Offenheit, Zeit und einem kritischen Blick auf einfache Antworten in einer komplexen Welt.
Quelle: Neumann et al. (2026). Increasing self- and desired psychiatric diagnoses among emerging adults: Mixed-methods insights from clinical psychologists. In: International Journal of Clinical and Health Psychology. (2026) 26:100661, doi:10.1016/j.ijchp.2025.100661.
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